Monatsarchiv: November 2011

Zinsen europäischer Staatsanleihen und weitere Indikatoren

Werte LeserIn,

falls Dich das tägliche Auf und Ab diverser Markt-Indikatoren der Eurozone interessiert (z.B. der aktuelle Zinssatz für 10-jährige italienische Staatsanleihen), findest Du nachfolgend eine  Zusammenstellung von Links.

Zinsen von Eurozone-Staatsanleihen (Bloomberg):
Belgien 2 Year 5 Year 10 Year
Deutschland 2 Year 5 Year 10 Year
Frankreich 2 Year 5 Year 10 Year
Griechenland 2 Year 5 Year 10 Year
Irland 2 Year 5 Year 10 Year
Italien 2 Year 5 Year 10 Year
Österreich 2 Year 5 Year 10 Year
Portugal 2 Year 5 Year 10 Year
Spanien 2 Year 5 Year 10 Year


Zinsen weiterer Staatsanleihen (Bloomberg):
Japan 2 Year 5 Year 10 Year
Schweiz 3 Year 5 Year 10 Year
Ungarn 3 Year 5 Year 10 Year
USA 2 Year 5 Year 10 Year


EURIBOR, LIBOR:
EURIBOR 3 Month
Euribor, Eonia, ECB refinancing rate link
LIBOR 3 Month



Ich gebe zu, diese Seite ist auch für mich recht nützlich, aber gemacht habe ich sie für Dich – ganz ehrlich (ohne Schmäh).

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Eurobonds, Markt für Staatsanleihen

Die Krise der Eurozone – eine Standortbestimmung

Eine weitere Vertiefung der Krise der Eurozone bis hin zu deren Auseinanderbrechen ist in den Bereich des Möglichen gerückt.

Diese Krise lässt niemanden unberührt. Politiker, Ökonomen, Journalisten, Banker, Intellektuelle, und Normalbürger geben ihre Meinungen zu Eurobonds, zum unbeschränkten Kauf von Staatsanleihen durch die Europäischen Zentralbank sowie zur Finanzpolitik (Schuldenbremse) ab. Klartext ist erforderlich, und es ist wichtig, die Pro- und Kontra-Argumente für die vorhandenen Handlungsoptionen abzuwägen und zu diskutieren.

Ich lade Dich ein, werter Leser, mit Deinem Kommentar ebenfalls zur Diskussion beizutragen.

Die Krise auf den Punkt gebracht

Die Krise der Eurozone ist Teil der Fundamental-Krise des Finanzkapitalismus

Seit 2007 ist es klar, dass der globalisierte Finanzkapitalismus auf ein grundsätzliches Problem aufgelaufen ist. Dieses Problem lässt sich allgemein wie folgt darstellen:

  • Über Jahrzehnte hinweg ist das Kreditvolumen stärker gewachsen als die Realwirtschaft.
  • Das Finanzvermögen, das zu einem wesentlichen Teil aus Kreditforderungen besteht, ist höchst ungleich verteilt. Die steigenden Forderungen sammelten sich in den Händen von immer weniger Marktteilnehmern, während sich bei vielen Haushalten, Staaten und teilweise auch Unternehmen (besonders jene, die vom Platzen der Immobilien- und Derivativkredit-Blasen betroffen sind) steigende Kreditverbindlichkeiten ergaben, die nun nicht mehr rückzahlbar sind.

    Financial Wealth Distribution USA 2007

    Financial Wealth Distribution USA 2007

  • Die tiefere Ursache dieses Sachverhalts liegt in der Dominanz des Faktors Kapital über den Faktor Arbeit. Diese Dominanz ist daran erkennbar, dass Gehälter und Löhne der meisten Arbeitnehmer seit Jahrzehnten nicht annähernd im gleichen Ausmaß stiegen wie die Produktivität. Profite der Unternehmen und Einkünfte von Top-Managern und Bankern stiegen jedoch in überproportionalem Ausmaß. So ist etwa in den USA eine Einkommens- und Vermögensungleichheit wie 1929 – vor dem Ausbruch der Großen Depression – erreicht.

    Income share (pre tax) of top 1pct, USA 2007

    Income share (pre tax) of top 1pct, USA 2007

In der Eurozone droht eine Schulden-Deflations-Spirale

Wie in der Großen Depression der 1930-er Jahre droht abermals eine Schulden-Deflations-Spirale, wie von Irving Fisher erstmals beschrieben.

  • Kredite sind nicht mehr bedienbar und müssen abgeschrieben werden. Banken geraten in Schwierigkeiten und werden insolvent. Insolvente Banken können ihre eigenen Schulden, die sie zur Finanzierung der vergebenen Kredite aufgenommen haben, nicht mehr bedienen. Dies führt zum Notverkauf von Assets und Preisverfall. Weitere Insolvenzen sind die Folge, die Kreditvergabe gerät ins Stocken.
  • Die Wirtschaft schrumpft, Löhne und Gehälter sowie Preise beginnen zu fallen. Die Arbeitslosigkeit steigt. Die Kaufkraft der Haushalte geht zurück
  • Die Wirtschaft schrumpft weiter, Unternehmen werden insolvent, die Arbeitslosigkeit steigt noch mehr.
  • In einigen Eurozone-Peripheriestaaten hat eine Kombination von Finanzvermögens- und Leistungsbilanz-Ungleichgewichten (Griechenland, Portugal, Spanien), unsolider Finanzpolitik (Griechenland, Italien) und Belastungen aus der sich seit 2007 ausbreitenden globalen Finanzkrise (Irland, Portugal, Spanien) dazu geführt, dass die Schulden-Deflations-Spirale bereits mehr oder weniger stark ausgebrochen ist.
  • Ohne Intervention kommt der Schulden-Deflationsmechanismus auf einem weit niedrigeren ökononomischen Niveau zum Stillstand, nachdem ein beträchtlicher Teil des Real- und Finanzvermögens vernichtet, und hohe Arbeitslosigkeit erzeugt wurde.
Die hohen Zinsen für Eurozone-Staatsanleihen beschleunigen die Auslösung der Schulden-Deflationsspirale
  • Nach dem de-facto Konkurs Griechenlands sehen Investoren ein erhöhtes Insolvenzrisiko für Eurozone-Staaten. Weiters haben sie das Risiko zu kalkulieren, nach dem Auseinanderbrechen der Eurozone Schuldverschreibungen in ‚Neuen Griechischen Drachmen‘, ‚Neuen Spanischen Peseten‘, ‚Neuen Portugiesischen Escudos‘ oder ‚Neuen Italienischen Lira‘ in Händen zu halten.
  • Dies führt zu steigenden Zinsen für Staatsanleihen. Die steigenden Zinsen bewirken, dass den Eurozone-Staaten noch weniger zugetraut wird, ihr Schuldenproblem durch Erhöhnung von Einnahmen und Reduktion von Ausgaben zu lösen.
  • Die Investoren verlangen noch höhere Zinsen – ein positiver Feedback-Loop ist entstanden.

Handlungsoptionen

Eurobonds

Eurobonds führen zu einer Haftungsgemeinschaft von Eurozone-Staaten, für alle oder zumindest einen wesentlichen Teil der Schulden (z.B. 60 Prozent des GDP [Gross Domestic Product, Bruttoinlandsprodukt]). Für diese Option hat sich zuletzt EU-Kommissionspräsident Barroso stark gemacht.

Jose Manuel Barroso

Jose Manuel Barroso

Vorteile und Chancen:

  • Für Investoren wird es glaubwürdiger, dass Kredite für Eurozone-Peripheriestaaten zurückbezahlt werden.
  • Das Risiko eines Zerfalls der Eurozone reduziert sich stark.
  • Die Zinsen für Eurobonds sinken für einige Eurozone-Staaten auf ein erträgliches Maß. Dies ermöglicht den Eurozone-Staaten, durch solide Finanzpolitik (‚Schuldenbremse‘) in die Richtung der Maastricht-Kriterien (60% des GDP) zu bewegen.

Nachteile und Risiken:

  • Bei gemeinsamer Haftung für alle neuen Eurozone-Staatanleihen wird der Anreiz, die Staatsschulden zu stabilisieren bzw. zu reduzieren, beseitigt. Besteht die gemeinsame Haftung nur für einen wesentlichen Teil der neuen Eurozone-Staatsanleihen, dann wird dieser Anreiz beträchtlich vermindert. Dieses Problem wäre erst nach der Implementierung einer Schuldenobergrenze in allen Eurozone-Staaten gelöst.
  • Ungebremste weitere Verschuldung von Eurozone-Peripheriestaaten kann mittelfristig zu Inflation führen.
  • Die Bevölkerung der Kern-Staaten wird einer Haftungsgemeinschaft aller Voraussicht nach äusserst negativ gegenüber stehen.
  • Die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und die Fundamental-Krise des Kapitalismus sind nicht addressiert.
  • Es ist unklar, ob die Zinsen für Eurobonds tatsächlich auf ein erträgliches Maß sinken. Es könnte sein, dass Investoren/Spekulanten nach wie vor starkt erhöhte Zinsen verlangen, da sich die Eurozone-Staaten am Markt zu jedem Zinssatz am Markt refinanzieren müssen, falls die EZB nicht ‚mitspielt‘.

Conclusio:

Eurobonds lösen die Krise der Eurozone nicht, solange die Eurozone-Staaten keine einheitliche Schuldenobergrenze implementieren, die inneren Ungleichgewichte in der Eurozone nicht addressiert sind, und der Spekulation nicht wirkungsvoll Einhalt geboten ist. Das Inflationsrisiko sehe ich als vorhanden, jedoch nicht als beträchtlich an – eine milde Inflation von 4 bis 5 Prozent wäre sogar vorteilhaft.
Da Eurobonds die Krise nicht nachhaltig lösen, jedoch den schwerwiegenden Nachteil der Haftungsgemeinschaft verbunden mit Beseitigung der Anreize zur soliden Finanzpolitik mit sich bringen, lehne ich diese Option ab.

Zinsobergrenze für Staatsanleihen

Bei dieser Option lehnen wir uns an den Vorschlag des belgischen Ökonomen Bernard Delbecque an. In einem politischen Prozess wird – abhängig von Kriterien, mit denen der Fortschritt der soliden Finanzpolitik gemessen werden kann – in regelmäßigen Abständen pro Eurozone-Staat die Zinsobergrenze festgelegt, die von der Zentralbank (oder einer anderen Institution, die jedoch über potenziell unbegrenzte Finanzmittel verfügen muss) verteidigt werden soll.

Bernard Delbecque

Bernard Delbecque

Vorteile und Chancen:

  • Die vordefinierten Zinssätze reduzieren die Drohung einer selbsterfüllenden Schuldenkrise beträchtlich.
  • Investoren/Spekulanten würden die Zinsen nicht mehr weiter in die Höhe treiben, da es als unklug gilt, gegen die Zinspolitik der Notenbank anzutreten.
  • Stabilisierte Preise von Staatsanleihen reduzieren die Insolvenzgefahr für Banken, die in großem Umfang Anleihen von Eurozone-Staaten halten, drastisch.
  • Für einige Eurozone-Staaten wird es möglich, mittels solider Finanzpolitik das Verhältnis von Schulden zu GDP zu verbessern. Die Anreize für eine solche Finanzpolitik bleiben bestehen.
  • Ein Haftungsfall für Eurozone-Staaten entsteht erst dann, wenn ein Staat trotz geringerer Zinsen seine Schulden nicht mehr bedienen kann.

Nachteile und Risiken:

  • Mit der Verteidigung einer Zinsobergrenze kommt es voraussichtlich zu einer Erhöhung des in der Eurozone vorhandenen Kreditgeldes. Dies könnte mittelfristig zu Inflation führen.
  • Die EZB ist unabhängig und hat weder die Aufgabe, eine Zinsobergrenze zu verteidigen, noch ist sie gewillt dazu. Die dauerhafte Finanzierung von Staaten ist ihr nach aktueller Rechtslage wahrscheinlich verboten. Eine offene Frage für mich ist, ob sie einen Staat auch dann nicht finanzieren darf, wenn dieser aufgrund des Marktzinssatzes keine andere Möglichkeit mehr hat, als seine Insolvenz zu erklären, oder die Eurozone bzw. Europäische Union zu verlassen.
  • Die Festlegung einer Zinsobergrenze durch die Politik, und anschließende Verteidigung durch die EZB, würde die Unabhängigkeit der EZB beenden.
  • Eine Änderung der Aufgaben der EZB wäre besonders in Deutschland schwer vermittelbar und würde besonders bei der Bevölkerung Inflationsängste entstehen lassen, geschürt durch einige Politiker und Medien.
  • Die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und die Fundamental-Krise des Kapitalismus sind nicht addressiert.

Conclusio:

Die Zinsobergrenze für Staatsanleihen ist eine wirkungsvolle Maßnahme, das Auseinanderbrechen der Eurozone vorerst aufzuhalten und Spielräume zu eröffnen. Der sich immer weiter drehenden Zinsspirale wird Einhalt geboten, eine Atempause entsteht. Das Inflationsrisiko halte ich für gering – eine milde Inflation von 4 bis 5 Prozent wäre sogar vorteilhaft. Da die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und die Krise des globalen Kapitalismus nicht addressiert werden, sind weitere Maßnahmen erforderlich.
Die Vorteile und Chancen überwiegen aus meiner Sicht deutlich die Nachteile, und ich stehe daher dieser Option positiv gegenüber.

Schuldenbremse und solide Finanzpolitik

Es kommt es zur gesetzlichen Verankerung (bevorzugt im Verfassungsrang) einer Schuldenbremse in den Staaten der Eurozone, mit der eine mittelfristige Rückführung der Staatsschuld auf die Maastricht-Kriterien (60 Prozent vom GDP) angestrebt wird. Unter mittelfristig wollen wir für den Zweck dieses Artikels das Jahr 2020 verstehen, wobei die spezifische Situation eines Staates noch berücksichtigt werden kann. Für diese Option haben sich besonders deutsche Politiker – vor allem die Kanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble – eingesetzt.

Angela Merkel

Angela Merkel

Wolfgang Schäuble

Wolfgang Schäuble

Vorteile und Chancen:

  • Die Eurozone-Staaten signalisieren mit der Schuldenbremse den Märkten, dass sie die Staatsverschuldung auf ein Maß zurückführen wollen, das keinen Zweifel daran lässt, dass sie ihre Schulden zurückzahlen können.
  • Die Schuldenbremse kann individuell implementiert werden. So ist es zum Beispiel möglich, die höheren Staatseinnahmen vorwiegend durch Besteuerung der Top-Vermögenden und Top-Verdiener zu lukrieren.
  • Die Vereinheitlichung der Finanzpolitik erhöht die Hilfsbereitschaft innerhalb der Eurozone.
  • Die Einführung einer soliden Finanzpolitik erlaubt es Staaten, die ihre angespannte Lage trotzdem nicht aus eigener Kraft lösen können, die Unterstützung der anderen Eurozone-Staaten einzufordern.
  • Eine Haftungsgemeinschaft für Eurozone-Staatsanleihen entsteht nicht.
  • Die Unabhängigkeit der EZB bleibt unangetastet. Ein Inflationsrisiko besteht nicht.

Nachteile und Risiken:

  • Eine koordinierte Rückführung der Staatsverschuldung (‚Austerity‘) in den Eurozone-Staaten auf das Maastricht-Kriterium inmitten der schwersten Krise des Kapitalismus seit den 1930-er Jahren treibt die Eurozone in die Rezession, und einzelne Staaten (Griechenland, Portugal, Spanien, Irland, evtl. Italien) in die Depression.
  • Es ist nicht zu sehen, wie die Staatsschulden im Falle von rezessionsbedingt sinkenden Staatseinnahmen und eventuell erforderlichen weiteren Rettungen von systemisch wichtigen Banken überhaupt durchgeführt werden kann.
  • Für einige Staaten der Eurozone ist eine selbständige Rückführung der Staatsschuld auf 60 Prozent des BIP ohne beträchtliche Verarmung und soziale Unruhen nicht machbar. Dies gilt meines Erachtens insbesondere besonders für Griechenland, Portugal, Spanien und Irland, nicht jedoch für Italien und Belgien.
  • Das Risiko der gefährlichen Schulden-Deflations-Spirale erhöht sich. Eine moderate Inflation von 4 bis 5 Prozent ist unter diesen Bedingungen wohl unmöglich.
  • Es besteht keine Garantie, dass die solide Finanzpolitik zu akzeptablen Zinsen auf dem Staatsanleihen-Markt führt. Es besteht daher ein erhebliches Risiko, dass das wesentlichste Ziel der Option nicht erreicht wird.
  • Die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und die Fundamental-Krise des Kapitalismus sind nicht addressiert.

Conclusio:

Ein Fortschritt zu einer harmonisierten Finanzpolitik ist zwar zu begrüßen, der aktuelle Vorschlag beendet jedoch die Krise der Eurozone nicht. Er riskiert sogar die Krise zu vertiefen, da Austerity im allgemeinen nicht zu einer Verbesserung des Verhältnisses von Staatsschuld zu GDP führt.
Ich lehne diese Option daher ab, solange es keinen Plan gibt, wie die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und das Fundamental-Problem des Kapitalismus, sowie die unakzeptablen Zinsen auf dem Staatsanleihen-Markt zu addressieren sind.

Paul Krugman’s Keynesianisches Rezept

Der US-Nobelpreisträger nimmt in seinem Blog häufig und fundiert zur Krise der Eurozone Stellung. Er trat in der US-Finanz- und Wirtschaftskrise für eine Politik der Vollbeschäftigung nach Keynesianischem Muster ein. In Anbetracht der von den US-Republikanern erzwungenen Schuldenbremse, die weitere Staatsausgaben zur Wirtschaftsbelebung stark behindert, setzt Krugman sich für eine aktive Politik der US-Notenbank mit Erhöhung der Geldmenge und moderater höherer Inflation von 4 bis 5 Prozent ein. Weiters tritt er seit einer brandneuen Studie von Saez und Diamond für drastisch höhere Einkommenssteuern für die oberen 0,1 Prozent der Einkommensbezieher ein, um dem Staat Einnahmen zu verschaffen und die Ungleichheit zu reduzieren.

In seinen Anmerkungen zur Eurozone weist er darauf hin, dass die Schuldenproblematik besser in einer zumindest nominal wachsenden Wirtschaft bearbeitet werden kann. Den Ungleichgewichten zwischen Eurozone-Staaten mit Leistungsbilanz-Überschuss (u.a. Deutschland, Holland) und jenen mit Leistungsbilanz-Defizit (Griechenland, Portugal, Spanien) sollte mit asymmetrischer Inflation – höherer Inflation und Löhnen in den Eurozone-Kernstaaten, Null-Inflation mit stagnierenden Löhnen in den Peripherie-Staaten – begegnet werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Peripheriestaaten zu verbessern. Er tritt dafür ein, dass die EZB wie die Federal Reserve, die Bank of Japan und die Bank of England die Rolle eines ‚lender of last resort‘ spielt, um unzumutbar hohe Zinsen zu bekämpfen.

Paul Krugman

Paul Krugman

Vorteile und Chancen:

  • Die Zinsen für Staatsanleihen sinken auf ein erträgliches Niveau.
  • Das Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Staaten der Eurozone wird durch asymmetrische Inflation in Kern- und Peripheriestaaten bekämpft, was die Konkurrenzfähigkeit der Peripherie-Staaten langsam verbessert.
  • Die Fundamental-Krise des Kapitalismus wird durch die Forderung nach hohen Steuern für Top-Einkommensbezieher addressiert.
  • Nominelles Wachstum erhöht die Staatseinnahmen und erleichert Kreditnehmern die Rückzahlung der Schulden.

Nachteile und Risiken:

  • Die Vorschläge Krugman’s tragen direkt wenig zur Stabilisierung der Staatsverschuldung bei. Eine Schuldenbremse wird nicht befürwortet.
  • Die Erhöhung der Geldmenge und eine mögliche weitere Erhöhung der Staatsverschuldung könnte mittelfristig zu Inflation führen.
  • Die Ungleichgewichte zwischen Staaten der Eurozone und die Fundamental-Krise des Kapitalismus werden möglicherweise nicht ausreichend bekämpft.
  • Die Befürwortung höherer Staatsausgaben, einer aktiveren Rolle der EZB, sowie einer milden Inflation von 4 bis 5 Prozent widersprechen dem gegenwärtigen Bewusstseinsstand führender Politiker der Eurozone, sowie den institutionellen Zielen der EZB.
  • Krugman macht keine Angaben, wie lange sein Programm beibehalten werden muss, bevor zu einer soliden Finanzpolitik (Schuldenbremse) übergegangen werden kann.

Conclusio:

Krugman’s Vorschlag würde die Eurozone deutlich stabilisieren. Es würde Zeit gewonnen, und die weitere Entwicklung könnte in Ruhe studiert werden, um ergänzende Maßnahmen zu ergreifen. Die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone werden behandelt, aus meiner Sicht jedoch nicht völlig ausreichend. Es wird nicht auf den Reichtum des Rest-of-the-World Sektors in Griechenland, Portugal und Spanien eingegangen, der drastischere Ansätze nahelegt. Weiters ist die Erhöhnung der Einkommenssteuer für die Top 0,1 Prozent keine ausreichende Kompensation für die Dominanz des Kapitals über den Faktor Arbeit. Auch hier ist mehr erforderlich.

Aufgrund der vielen positiven Elemente der Überlegungen Krugman’s unterstütze ich diese Option. Insbesondere halte ich auch die asymmetrische Inflation für Kern- und Peripheriestaaten und das Anstreben einer milden Inflation für sinnvoll. Die Gefahr einer Hyperinflation ist keinesfalls gegeben, zumal der Staat jederzeit durch Steuererhöhungen gegensteuern kann, wie auch die EZB durch Zinserhöhungen.

Verteilung eines gleich hohen Geldbetrages an alle Bürger der Eurozone

Es wird zunächst einmalig ein gleich hoher Betrag (z.B. 20.000 Euro) an alle Bürger der Eurozone verteilt. Dies kann durch Überweisung auf ein Konto, oder durch die Zusendung von Vouchers erfolgen. Unter Ökonomen wird diese Option gerne als ‚Helicopter Drop of Money‘ bezeichnet.

In der Variante von Robert Skidelsky, einem bekannten britischen Keynesianer, werden Vouchers mit Ablaufdatum verschickt, was nur zu einer vorübergehenden Erhöhung der Geldmenge führt.

In der Variante des scharfsinnigen und originellen Ökonomen Steve Randy Waldman werden durch die EZB Staatsaktien für Eurozone-Staaten im Ausmaß von 20.000 Euro pro Bürger angekauft. Der Staat, der diese Option in Anspruch nimmt, ist verpflichtet mit dem für die Staatsaktien eingenommenen Geld zunächst Staatsschulden zu tilgen. Bleibt danach noch ein Betrag übrig, ist dieser in gleich hohen Teilen an die Bürger zu verteilen, die ebenfalls zunächst ihre Schulden zu tilgen haben, bevor sie einen etwaigen verbleibenden Rest beliebig verwenden dürfen.

Die Option, Geld vom Hubschrauber abzuwerfen – eine scherzhafte Beschreibung eines ernstzunehmenden Vorschlags, wurde einstmals sogar vom Chairman der Federal Reserve Ben Bernanke als ultimatives Mittel diskutiert, was ihm den Spitznamen ‚Helicopter Ben‘ einbrachte. Der Vorschlag wird weiters von Steve Keen, einem wichtigen australischen Ökonomen mit ausgezeichneten Beiträgen zur Schulden-Dynamik, befürwortet.

Robert Skidelsky

Robert Skidelsky

Vorteile und Chancen:

  • Geld, Kreditgeld, oder Vouchers werden in dieser Schuldenkrise nach dem Prinzip der Gleichheit an die Bürger verteilt, um die Schuldenproblematik abzumildern. Es besteht eine gute Chance, dass dies von den Bürgern der Eurozone als gerechte Vorgangsweise angesehen wird.
  • Der absolute Vermögensabstand zwischen den Bürgern bleibt gleich, der relative Abstand verringert sich aber. Damit wird das Fundamental-Problem des Kapitalismus addressiert, das darin besteht, dass die ‚Chips‘ nach und nach zu wenigen Spielern wandern und einige Spieler mit so hohen Schulden übrigbleiben, dass sie eigentlich ausscheiden müssten. Das Spiel kann von neuem beginnen, bis die ‚Chips‘ wieder bei den Gewinnern sind.
  • Ein Teil des verteilten Geld kann für die Tilgung von Schulden verwendet werden, nach Einmal-Steuern auch für die Tilgung von Staatsschulden. (Im Vorschlag Waldman’s ist dies ohnehin verpflichtend.)
  • Ein anderer Teil des verteilten Geldes erhöht den Konsum, erzeugt Wachstum und erhöhte Steuereinnahmen.

Nachteile und Risiken:

  • Fach-Ökonomen und Konservative weisen gerne darauf hin, dass die Gratis-Verteilung von Geld einen falschen Anreiz darstellt. Menschen könnten versucht sein sich darauf zu verlassen, dass Geld bei Bedarf ‚vom Himmel‘ geflogen bekommt und darauf verzichten, sich Geld durch Arbeit zu verdienen.
  • Wird eine derartige Menge an Geld (bei etwa 330 Millionen Bürgern in Eurozone-Staaten immerhin 6,6 Billionen Euro) verteilt, so ist mit Inflation zu rechnen.
  • Die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone werden nicht ausreichend addressiert.
  • Als fiskalische Maßnahme müsste das Geld wohl von den Regierungen verteilt werden, wobei die EZB die Finanzierung übernimmt. Dies ist jedoch nicht die Aufgabe der EZB und würde aufgrund der vorübergehend entstehenden Inflation deren Mandat widersprechen. Weiters ist offen, wie die Verbuchung in der Bilanz der EZB erfolgen kann, um Buch-Verluste zu vermeiden. Mit Widerstand der Zentralbanker ist daher zu rechnen.
  • Die hohen Zinsen am Staatsanleihen-Markt für Eurozone-Staaten sind nicht addressiert.

Conclusio:

Diese faszinierende Option würde eindeutig eine zumindest vorübergehende Entspannung der aktuellen Krise der Eurozone mit sich bringen. Sie hat einige äusserst positive Elemente, da sie das Fundamental-Problem des Kapitalismus, die zunehmenden Einkommens- und Vermögensungleichheiten, auf elegante Art addressiert. Der Schwerpunkt wird mehr darauf gelegt, die Schwächeren mit Kaufkraft auszustatten, als die Stärkeren ausreichend zu besteuern. Ein Soft-Rebalancing wird angestrebt, zumal sich die Wohlhabenden und Top-Verdiener einer wirksamen Besteuerung ihrer Vermögen und Einkommen immer wieder entziehen können.
Aufgrund des positiven Beitrags dieser Option zur Abschwächung des Fundamental-Problems bin ich für diese Option, halte aber deren ausschließliche Anwendung auf Peripherie-Staaten für bedenkenswert. Rationale: wohlhabende Kern-Staaten müssen die Option nicht in Anspruch nehmen, lukrieren aber trotzdem Vorteile, da sie für Peripherie-Staaten weniger haften müssen.
Da der ‚Helicopter Drop of Money‘ das Problem der hohen Zinsen für Eurozone-Staatsanleihen nur unzureichend addressiert, sind ergänzende Maßnahmen erforderlich, um die Märkte in die Schranken zu weisen.

Austritt aus der Eurozone

Staaten, die ihre in Euro denominierte Staatsschuld nicht mehr zahlen können oder die für die Refinanzierung erforderlichen Zinsen nicht bezahlen wollen, treten aus der Eurozone aus. Die Staatsschuld wird dann voraussichtlich in die neue Landeswährung umgewandelt. Die Nationalbank übernimmt wieder die volle Verantwortung für die Geldpolitik. Der Markt reagiert voraussichtlich mit einer starken Abwertung der neuen Währung, wobei ein ‚over-shooting‘ (zu heftige Abwertung) möglich ist.

Die Option des Austritts aus der Eurozone wird unter anderem von Max Keiser vertreten. Aus heutiger Sicht gibt es dafür die folgenden Kandidaten: Griechenland, Irland, Italien, Portugal, Spanien.

Max Keiser

Max Keiser

Vorteile und Chancen:

  • Die Geldversorgung ist sichergestellt, neue Staatsschulden können durch die Notenbank zu einem akzeptablen Zinssatz finanziert werden.
  • Nach Zwangskonvertierung der Staatsschuld in neue Drachmen, Escudos, Irisches Pfund, Lira, Peseten ist deren Bedienung möglich.
  • Die Schulden-Deflations-Spirale kann gestoppt werden. Es wird möglich, für nominales Wirtschaftswachstum zu sorgen.
  • Aufgrund der abgewerteten Währung wird die Wirtschaft des Landes konkurrenzfähiger. Die Leistungsbilanz-Ungleichgewichte mit den verbleibenden Eurozone-Staaten werden addressiert.

Nachteile und Risiken:

  • Das Projekt Eurozone muss als zumindest teilweise gescheitert betrachtet werden. Der Austritt von Eurozone-Staaten stellt die weitere europäische Integration in Frage.
  • Durch die Abwertung der neuen Währung entsteht hoher Wertberichtigungsbedarf für jene, die Staatsanleihen des austretenden Staates halten. Dies kann kaskadierende Zusammenbrüche von Banken in den Eurozone-Reststaaten verursachen.
  • Der austretende Staat ist nicht mehr in die Eurozone, oder sogar nicht mehr in die Europäische Union integriert. Dies kann zu geringeren Entwicklungsmöglichkeiten führen.
  • Das Fundamental-Problem des Kapitalismus wird nicht addressiert.

Conclusio:

Sollte die Eurozone daran scheitern, auch für die Peripherie-Staaten einen akzeptablen Ausweg aus der Krise zu finden, bleibt diesen nur mehr der Austritt. Dieser ist dann trotz seiner Nachteile zu befürworten. Derzeit hoffe ich noch auf eine Überwindung der Krise ohne ein Scheitern des Projekts Euro (oder sogar Europäische Union), wobei die Chancen dafür geringer geworden sind.

Abschließende Bemerkungen

Timing:

Die hohen Zinsen für Italien und Spanien könnten eine Entscheidung darüber, ob die EZB die Rolle als ‚lender of last resort‘ spielt oder die Eurozone auseinanderbricht bereits innerhalb der nächsten Monate erzwingen. Die Einschätzung von einigen Analysten ist, dass Italien die Anfang 2012 fällig werdenden 300 Milliarden Euro am Markt keinesfalls zu akzeptablen Zinsen wird refinanzieren können. Bei Freigabe dieses Postings fanden sich in den Medien auch Gerüchte über einen IWF-Kredit in Höhe von 600 Milliarden Euro an Italien, sowie über gemeinsame ‚Elite-Bonds‘ der Triple-A-Eurozone-Staaten (Deutschland, Finnland, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Österreich). Es bleibt also spannend, und weitere Optionen tauchen plötzlich auf.

Ich hoffe, mit dieser erweiterten Behandlung von Optionen zur Überwindung der Krise der Eurozone ausreichend ‚Food for Thought‘ geliefert zu haben. Kommentare, welche die Qualität des Postings verbessern, werde ich voraussichtlich in den Artikel einarbeiten, soferne der/die KommentatorIn dies nicht für unerwünscht erklärt.

Wer sich bis hierher durchgekämpft hat, verdient den folgenden musikalischen Leckerbissen:

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Eingeordnet unter Eurobonds, Finanzvermögen, Helicopter Drop of Money, Income Inequality, Inequality, Krise des Kapitalismus, Markt für Staatsanleihen, Public Debt, Schuldenbremse, Wealth Inequality, Wirtschaftswachstum, Zinsobergrenze

Roubini: Breakup of the Eurozone within 3 years?

Im folgenden Video, das am 14. November auf Roubini’s site EconoMonitor publiziert wurde, spricht Nouriel Roubini, wohl einer der besten Analytiker der Stock- und Flow-Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone, über die wahrscheinliche weitere Entwicklung.

http://www.reuters.com/resources_v2/flash/video_embed.swf?videoId=224655061&edition=BETAUS

Wer das Auseinanderbrechen der Eurozone verhindern will, wird eine Lösung für die existierenden Ungleichgewichte finden müssen.

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Eingeordnet unter Krise des Kapitalismus, Public Debt

Ungleichgewichte im Finanzsystem der Eurozone

Die Finanzkrise in der Eurozone

Immer mehr Staaten der Eurozone haben Schwierigkeiten, sich über die Finanzmärkte zu akzeptablen Bedingungen zu refinanzieren.

Als nicht mehr akzeptabel gilt ein Zinssatz von 7% für die 10-jährige Staatsanleihe. Bei dieser Verzinsung muss der Kreditnehmer etwa doppelt so viel zurückzahlen, wie er ausgeliehen hat. Für Eurozone-Staaten mit hoher Verschuldung wird bezweifelt, dass sie – bei zu erwartendem schwachem Wirtschaftswachstum und geringer Inflation – zur Rückzahlung imstande sein werden.

Steigende Zinsen bewirken fallende Preise für Staatsanleihen, was zu Wertberichtigungen in den Bilanzen von Banken und Finanzunternehmen führt, die solche Anleihen halten.

Diese Wertberichtigungen sowie weitere bereits absehbare – wie etwa der 50%-ige Schuldenerlasses für Griechenland – erfordern Stärkungen der Eigenkapitalbasis für systemisch wichtige Eurozone-Banken.

Zugleich treten für diese vermehrt Liquiditätsprobleme auf, was sich in höheren Geldmarkt- und Interbank-Zinssätzen sowie in verstärkter Verwendung von Kreditsicherheiten ausdrückt (siehe dazu die interessanten Beiträge von Felix Salmon und Isabella Kaminska).

Insgesamt macht das Finanzsystem der Eurozone einen fragilen Eindruck. Es scheint sich in der Nähe eines Abgrunds zu befinden. Es könnte sein, dass ein einziges systemisch relevantes Ereignis, wie z.B. ein ungeordneter Staatsbankrott, der Austritt eines Staates aus der Eurozone, oder die Zahlungsunfähigkeit einer systemisch relevanten Bank ausreicht, um das System in den Abgrund der gefürchteten ‚Debt-Deflation‘ Spirale stürzen zu lassen.

Ein solcher System-Zusammenbruch wäre bei Untätigkeit oder Miss-Management der Verantwortlichen begleitet von Schrumpfung der Wirtschaft, Arbeitslosigkeit und Deflation, sowie von enormer Vernichtung von Wohlstand, wie bereits von Irving Fisher beschrieben.

Einige wesentliche Ungleichgewichte

Sehen wir uns für ausgewählte Staaten der Eurozone an, wie sich Finanzvermögen und Finanzschuld auf die wichtigsten Sektoren verteilen. Wir bedienen uns dazu der Methode des Macro Accounting wie im letzten Posting, wobei wir dieses Mal einige Staaten und Sektoren mehr diskutieren.

Eurozone Sectoral Financial Wealth as Percentage of GDP

Die Grafik zeigt den Eurozone-Durchschnitt, sowie 4 ‚Kernstaaten‘ (Deutschland, Frankreich, Belgien, Österreich) und 4 ‚Peripheriestaaten‘ (Italien, Spanien, Griechenland, Portugal).

Die folgenden Fakten und Ungleichgewichte springen sofort ins Auge:

  1. Eine Staatsverschuldung deutlich über dem Eurozone-Durchschnitt liegt bei 2 Peripherie- (Griechenland, Italien) und 1 Kernstaat (Belgien) vor.
  2. In 2 Peripheriestaaten (Portugal, Spanien) ist der Unternehmenssektor (non-financials) signifikant höher verschuldet als der Durchschnitt.
  3. Der Haushaltssektor ist in fast allen Staaten der wesentlichste Halter von Finanzvermögen. In zwei Peripheriestaaten (Griechenland, Spanien) liegt jedoch ein deutlich geringeres Haushalts-Finanzvermögen vor. In einem Peripheriestaat (Italien) und einem Kernstaat (Belgien) hat der Haushaltssektor ein wesentlich höheres Finanzvermögen als der Eurozone-Durchschnitt.
  4. In 3 Peripheriestaaten (Portugal, Griechenland, Spanien) hält das Ausland (‚Rest-of-the-World‘) einen wesentlichen Teil des Finanzvermögens. In zwei Peripheriestaaten (Spanien, Griechenland) ist dieser Anteil sogar höher als der des Haushalts-Finanzvermögens.
  5. Die Finanzunternehmen halten netto im allgemeinen keinen wesentlichen Anteil an Finanzvermögen.

Wie könnten die erkannten Ungleichgewichte korrigiert werden?

Anmerkung: In diesem Beitrags beschränken wir uns ausschließlich auf die finanzielle Sicht des ‚Rebalancing‘ und weisen ausdrücklich darauf hin, dass zahlreiche andere ‚Rebalancing‘-Fragen, wie etwa zu Gerechtigkeits-Aspekten und zum politischen Prozess, ebenfalls von großer praktischer Relevanz sind.

Aus der vorigen Auflistung von Ungleichgewichten bieten sich folgende Korrekturen an, um zu einem wirkungsvollen Rebalancing der Eurozone-Ökonomien zu gelangen (wir orientieren uns dabei am Maastricht-Kriterium einer Ziel-Staatsverschuldung von 60% des GDP):

  1. Italien: Financial Wealth wird vom Privatsektor zum Öffentlichen Sektor übertragen. Die tendenziell zu hohe Verschuldung des Unternehmenssektors (non-financials) muss ebenfalls beachtet werden.
  2. Spanien: Es ist zu erwarten, dass die zu hohe Verschuldung des Unternehmenssektors (non-financials) sich in weiteren Konkursen auswirkt, die dann wiederum den Finanzsektor belasten. Da der Finanzsektor teilweise ‚Too Big to Fail‘ ist, könnten dessen Schulden über eine ‚Bad Bank‘ letztendlich beim Staat landen, der allerdings ohnedies schon mit hohen Zinsen auf den Märkten zu kämpfen hat. Ein Rebalancing kann meiner Meinung nach nicht gelingen, wenn nicht auch der hohe Anteil des ausländischen Finanzvermögens drastisch reduziert wird. Der Haushaltssektor kann zur Aufarbeitung der Schulden-Problematik insgesamt nur wenig beitragen.
  3. Portugal: Ist bezüglich des Unternehmenssektors ähnlich wie Spanien zu sehen. Einer höheren Staatsverschuldung steht hier ein höheres Haushalts-Vermögen gegenüber. Bemerkenswert aber auch hier der hohe Anteil des ausländischen Finanzvermögens, das zum Rebalancing in irgendeiner Weise wohl herangezogen werden muss.
  4. Griechenland: Die hohe Staatsschuld kann durch einen äusserst schwachen Haushaltssektor nicht rückgeführt werden. Ohne einer Heranziehung des ausländischen Finanzvermögens ist eine Lösung des Staatsschuld-Problems nicht vorstellbar.
  5. Kernstaaten: Diese haben sich dazu verpflichtet, sich weiterhin den Marktkräften im Staatsanleihen-Markt voll auszusetzen und versuchen zunächst mit Schuldenbremsen u.a.m. Gott Markt gnädig zu stimmen. Sie sollten sich jedoch auch darüber im Klaren sein, dass es zur Lösung der Eurozone- Ungleichgewichte der Bereitschaft bedarf, ihr Finanzvermögen in Peripheriestaaten zu reduzieren.

Abschließende Bemerkung
Es zeigt sich, dass die Methode des Macro Accounting für eine fundierte Beurteilung der Finanzkrise in der Eurozone unerlässlich ist, wobei wir uns in diesem Beitrag ausschließlich mit grundsätzlichen Ungleichgewichten bei ’stocks‘ befasst haben.

Wir behalten uns die Behandlung von ‚flow‘-Ungleichgewichten, sowie eine politische Würdigung möglicher Lösungsansätze für zukünftige Postings vor.

Zur Vertiefung des Themas empfehle ich Dir, geneigter Leser, noch zwei aktuelle Texte von Nouriel Roubini, dem vielleicht besten Analytiker von Stock- und Flow-Ungleichgewichten in der Eurozone:

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Eingeordnet unter Geld und Kredit, Krise des Kapitalismus, Macro Accounting, Markt für Staatsanleihen, Public Debt, Wirtschaftswachstum

Italien ist nicht Griechenland – ein wenig ‚Macro Accounting‘

Wird Italien seine Staatsschuld (genauer: das Verhältnis zwischen Staatsschuld und Bruttoinlandsprodukt) reduzieren können? Oder wird es dem Land so gehen wie Griechenland, dem es nicht gelang, sich wie angeblich einst Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen?

Die neue italienische Regierung unter Mario Monti wird sich vor allem auch an die Bürger wenden, um das Schuldenproblem in den Griff zu bekommen. Wie sind nun die Voraussetzungen des italienischen Haushaltssektors, zur Sanierung der Staatsschulden beizutragen?

Wir wollen uns dieser Frage vom Blickwinkel des ‚Stock-Flow Consistent Macro Accounting‘ her ansehen, einer Methode, die auf den bedeutenden Ökonomen Wynne Godley zurückgeht, und die unter anderem von Vertretern der ‚Modern Monetary Theory‘ wie Randy Wray und Bill Mitchell verwendet wird.

Zentral für diese Methode sind zunächst die folgenden Prinzipien:

  • Finanzvermögen tritt im allgemeinen als Kredit auf. Jener Teil des Finanzvermögens, der nicht als Kredit auftritt (z.B. Geldmünzen und Scheine), kann für praktische Zwecke vernachlässigt werden.
  • Zu jedem Kredit (‚financial asset‘) gibt es eine Schuld (‚financial liability‘).
  • Das Finanzvermögen (‚financial wealth‘) eines Wirtschaftssubjektes oder einer Gruppe von Wirtschaftssubjekten ist die Differenz: financial assets – financial liabilities.
  • Die Summe der financial assets und financial liabilities (’stock‘) ist zu jedem Zeitpunkt gleich Null. (Dieses für die weiteren Betrachtungen zentrale logische Prinzip wird erstaunlicherweise derzeit nur von einigen wenigen ökonomischen Richtungen gelehrt)
  • Kommt es zu einem Fluss (‚flow‘) eines Finanzwertes von einem Wirtschaftssubjekt zu einem anderen, so ist die Summe der dabei entstehenden financial assets und liabilities ebenfalls gleich Null.

Hat man sich mit diesen noch recht formalen Grundsätzen angefreundet, kann die Anwendung auf eine konkrete Fragestellung beginnen.

  • Zu diesem Zweck unterteilen wir die Volkswirtschaft in die Sektoren Haushalte, Nicht-Finanz-Unternehmen, Finanz-Unternehmen, Öffentliche Hand, und Rest-der-Welt.
  • Danach versuchen wir, einen initialen Bestand (stock) an financial assets und liabilities für jene Sektoren zu bestimmen, die uns interessieren.
  • Wir könnten dann damit voranschreiten, die Veränderungen (flow) während eines Bilanzjahres zu untersuchen. Am Ende des accounting-Jahres würde dann die Schlussbilanz gebildet, die gemeinsam mit der Eröffnungsbilanz Aufschluss über die Veränderungen während des Jahres gibt.

Wir wollen uns jedoch für dieses Posting mit einem Blick auf den stock an financial assets und liabilities von Eurozone-Staaten, und dabei insbesondere der Sektoren ‚Öffentliche Hand‘ und ‚Haushalte‘, begnügen.

Die Daten zu den angeführten Staaten und ihren Haushaltssektoren finden sich bei EuroStat. Meist wurde die Schlussbilanz 2009 herangezogen, für Frankreich die Eröffnungsbilanz 2009. Der nachfolgende Chart beruht auf demselben dataset.

Mit moderner Geldtheorie, stock-Daten und Chart bewaffnet können wir nun einige Aussagen wagen. Ich hoffe, dass Du diese Aussagen ebenso interessant findest wie ich, werter Leser!

Italien

  1. Es fällt auf, dass der italienische Haushaltsektor um fast 50 Prozent des GDP wohlhabender ist als der fast aller anderen Eurozone-Staaten (Ausnahme: Belgien), sowie auch als der Durchschnitt. Der Wohlstand des Haushaltsektors ist auch um ca. 50 Prozent des GDP höher als die Staatsverschuldung.
  2. Man sieht: Italien ist grundsätzlich imstande, durch Vermögenstransfer vom Haushaltssektor zur Öffentlichen Hand sein Staatsschuldenproblem völlig aus eigener Kraft zu lösen.
  3. Es ist jedoch noch das Problem der hohen Zinsen am Markt für Staatsanleihen zu berücksichtigen.

Griechenland

  1. Einem financial wealth von 65 Prozent des GDP bei den Haushalten steht hier eine Staatsschuld von (hier noch) 143 Prozent des GDP gegenüber.
  2. Wir erkennen ohne weiteres, dass das griechische Staatsschuldenproblem nicht durch Vermögenstransfer von den Haushalten zum Staat (Steuern, Abgaben, Reduzierung von Transferzahlungen an Haushalte) gelöst werden kann, sondern andere Mittel und Sektoren herangezogen werden müssen.

Italien ist eben nicht Griechenland. In einem Punkt vielleicht aber doch: beide eignen sich für einen herrlich entspannenden Urlaub an traumhaften Stränden und Buchten. Wäre doch schön, wenn die Eurozone die aktuellen Schwierigkeiten meistern würde, und deren Bewohner wieder ein wenig positiver in die Zukunft blicken könnten.

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Eingeordnet unter Geld und Kredit, Macro Accounting, Public Debt

Italienische Staatsschulden: die Antwort ist 7,246

Sie legt den heutigen Zinssatz für die 10-jährige italienische Staatsanleihe fest und ist angeblich ‚mit absoluter Sicherheit korrekt‘ (siehe Bild).

Und nein, sie wurde nicht von Deep Thought, dem damals größten existierenden Computer nach 7,5 Millionen Jahren Rechenzeit gegeben – dessen Antwort war ja bekanntlich 42. Unsere heutige Antwort stammt von einem göttlichen und seltsamen Wesen namens ‚Markt‘ und ist fast genauso rätselhaft wie die einstmals von Deep Thought gegebene.

‚Markt‘ gibt Antworten viel häufiger, genau genommen ständig. Glücklicherweise haben wir eine Priesterkaste, welche Markt’s Orakelsprüche zwar niemals in Frage stellt (man weiß ja schließlich, dass Markt immer die Wahrheit spricht), aber fundierte Mutmaßungen darüber anstellt, was Markt zu seiner Antwort bewog.

Beispiele gefällig?

  • „Die Zahl lautet 7,246, da Berlusconi zurücktreten wird und seinem Nachfolger ein schweres Erbe hinterlässt.“
  • „Die Zahl lautet 7,246, da die italienische Wirtschaft stagniert, der Staat das Geld verprasst hat, und Berlusconi noch immer nicht zurückgetreten ist.“
  • Oder auch folgende raffinierte Variante zur Verwirrung der einfachen Gläubigen: „Die Zahl lautet 7,246 , da es bei einem so hohen Zinssatz für italienische Staatsanleihen ein höheres Ausfalls- und Verlustrisiko gibt, das durch einen korrekten Zinssatz von genau 7,246 Prozent abgedeckt wird.

Nicht nur die Priesterkaste betet Gott Markt an (ok, es gibt einige Abweichler), sondern auch die Herrscherkaste der Eurozone. Gott Markt soll entscheiden, welche Staaten ultimativ in der Eurozone bleiben können, sagen sie. Wenn Gott Markt sein Misstrauen ausdrückt, dann ist Handlungsbedarf. Dann muss der Staat sparen, Gehälter und Pensionen kürzen, und Eigentum der Bürger (fälschlich ‚Staatseigentum‘ genannt) verkaufen. Sollten dann Arbeitslosigkeit, Armut und Unmut entstehen, dann ist dies eben als notwendiges Opfer an Gott Markt aufzufassen, das ihn voraussichtlich milde stimmen wird. Vertraut uns Gott Markt wieder, dann werden auch Arbeitslosigkeit, Armut und Unmut wieder verschwinden, Geld wird kommen, und Gottes unsichtbare Hand wird Zinsen machen, die wir uns leisten können.

Die Geldmacherkaste hängt an Gott Marktes Lippen und befindet sich eigentlich ständig im Gottesdienst. Seine unerschöpfliche Weisheit für die 10-jährige italienische Staatsanleihe kannst Du hier beobachten.

Seltsam nur, dass die Antwort von gestern 6,769 war. Dies lag wahrscheinlich daran, dass …
Stopp jetzt, ich fange ja schon an wie ein Priester zu sprechen.

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Wirtschaftswachstum und Arbeitseinkommen

Die britische Resolution Foundation, ein Thinktank, der sich für Menschen mit niederem und mäßigem Einkommen einsetzt, veröffentlichte im Oktober dieses Jahres  eine bemerkenswerte Studie, die für zehn westliche Industriestaaten zeigt, in welchem Ausmaß das Wirtschaftswachstum an mittlere Einkommensbezieher weitergegeben wurde.

Dabei stellt sich heraus, dass dies für den Zeitraum von 2000 bis 2007 in keinem der betrachteten Staaten voll erfolgte – die Werte schwankten von 79% in Finnland bis zu 0% in Kanada. Mit enttäuschenden 12% bzw. 8% liegen dabei Frankreich und Deutschland noch hinter den USA, die es ebenfalls nur auf niedrige 26% bringt.

Zusammenhang zwischen GDP Growth and Median Wage Growth in 10 Industriestaaten

Wenn wir annehmen, dass sich Steuerquote und staatliche Umverteilung für mittlere Einkommensbezieher nicht verbessert haben, dann heißt das, dass sie sich nur dann einen gleichbleibenden Anteil an den – auch von ihnen – produzierten Waren und Dienstleistungen leisten können, wenn sie die auf das Wirtschaftswachstum fehlenden 21% (in Finnland) bis hin zu 100% (in Kanada) als Kredit aufnehmen.

Nur die Bezieher höherer Einkommen haben ein Einkommens-Wachstum, welches das Wirtschaftswachstum teilweise drastisch übersteigt. Für die USA ist bekannt, dass ein grosser Teil des Wirtschaftswachstums sich in Einkommenssteigerungen für die top 1% niederschlug.  Diese Gruppe kann sich nicht nur einen steigenden Anteil am wirtschaftlichen Kuchen ohne Kreditaufnahme leisten, sie kann mit dem überschüssigen Geld auch noch investieren und spekulieren, oder auch über vermittelnde Banken Kredite an den Mittelstand vergeben.

Wie hängt nun diese für den Mittelstand verschlechterte Einkommensverteilung mit der aktuellen Krise des Kapitalismus zusammen?

Wie wir inzwischen gut verstanden haben, äussert sich die gegenwärtige Krise zunächst als Schuldenkrise.

  • Anfangs stellte sich heraus, dass zahlreiche US-Haushalte ihre Hypothekarkredit-Schulden nicht bezahlen konnten.
  • Dies bewirkte, dass  US- und europäische Finanzunternehmen, die solche faulen Kredite oder deren Derivate (‚Mortgage Backed Securities‘, ‚Collateralized Debt Obligations‘, etc.) in ihren Büchern hielten, ihre eigenen Schulden nicht mehr bedienen konnten.
  • Handelte es sich um systemisch wichtige Finanzunternehmen, sprangen der Staat oder die Zentralbank rettend ein (Ausnahme: Lehmann Brothers). Diese Rettungsmaßnahmen erhöhten oft eine ohnedies schon beträchtliche Staatsschuld, wodurch es nunmehr für einige Staaten ungewiss ist, ob sie mittelfristig überhaupt noch zahlungsfähig sind.

Ein Zusammenhang ist somit klar: Arbeitnehmer wollen einen gleichbleibenden Anteil am wirtschaftlichen Kuchen kaufen. Unternehmen wollen Arbeitnehmern einen gleichbleibenden Anteil an diesem Kuchen verkaufen, und Finanzunternehmen (Banken, Mortgage Broker, Leasing-Firmen, Kreditkarten-Unternehmen) wollen diesen Kuchenanteil finanzieren, solange der Arbeitnehmer zahlungsfähig ist. Oder solange sie die Kredite günstig weiterverkaufen können. So wurde also der Kredit-Bubble für Kredite an Privatpersonen aufgeblasen, bis er in den USA zu platzen begann.

Paul Krugman weist gelegentlich darauf hin, dass eine stabile Ökonomie auch denkbar ist, die fast nur Luxusgüter für die hohen Einkommensbezieher produziert. Dies brachte ihn dazu, die zunehmend ungleiche Einkommensverteilung in den Vereinigten Staaten nicht als zentrale Ursache der gegenwärtigen Krise zu sehen.

„… is economic inequality the source of our macroeconomic malaise? Many people think so — and I’ve written a lot about the evils of soaring inequality. But I have not gone that route. I’m not ruling out a connection between inequality and the mess we’re in, but for now I don’t see a clear mechanism, and I often annoy liberal audiences by saying that it’s probably possible to have a full-employment economy largely producing luxury goods for the richest 1 percent.“

Dies ist jedoch erstaunlich unempirisch gedacht. Offenbar reichten Angebot und Nachfrage von Luxusgütern bei weitem nicht aus, die Einkommen der Profiteure des globalisierten Kapitalismus dem realen wirtschaftlichen Kreislauf wieder zuzuführen. Ein beträchtlicher Teil dieser Einkommen landete im wachsenden Finanzkapitalismus und suchte dort nach bestmöglicher Rendite.

Da Kapitalismus nur krisenfrei funktionieren kann, wenn Massengüter und Dienstleistungen auch ohne immer weiter steigende Verschuldung der Konsumenten gekauft werden können, schlage ich den 99% vor dafür einzutreten, dass Wirtschaftswachstum an alle Einkommensgruppen weitergegeben wird.
Zur Überwindung der gegenwärtigen Krise sollten die 1% angemessen beitragen – unter anderem durch drastisch höhere Besteuerung ihrer Einkommen.

Im übrigen: die 99%, das sind wir!

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Eingeordnet unter Arbeitseinkommen, Income Inequality, Krise des Kapitalismus, Wirtschaftswachstum