Wirtschaftswachstum und Arbeitseinkommen

Die britische Resolution Foundation, ein Thinktank, der sich für Menschen mit niederem und mäßigem Einkommen einsetzt, veröffentlichte im Oktober dieses Jahres  eine bemerkenswerte Studie, die für zehn westliche Industriestaaten zeigt, in welchem Ausmaß das Wirtschaftswachstum an mittlere Einkommensbezieher weitergegeben wurde.

Dabei stellt sich heraus, dass dies für den Zeitraum von 2000 bis 2007 in keinem der betrachteten Staaten voll erfolgte – die Werte schwankten von 79% in Finnland bis zu 0% in Kanada. Mit enttäuschenden 12% bzw. 8% liegen dabei Frankreich und Deutschland noch hinter den USA, die es ebenfalls nur auf niedrige 26% bringt.

Zusammenhang zwischen GDP Growth and Median Wage Growth in 10 Industriestaaten

Wenn wir annehmen, dass sich Steuerquote und staatliche Umverteilung für mittlere Einkommensbezieher nicht verbessert haben, dann heißt das, dass sie sich nur dann einen gleichbleibenden Anteil an den – auch von ihnen – produzierten Waren und Dienstleistungen leisten können, wenn sie die auf das Wirtschaftswachstum fehlenden 21% (in Finnland) bis hin zu 100% (in Kanada) als Kredit aufnehmen.

Nur die Bezieher höherer Einkommen haben ein Einkommens-Wachstum, welches das Wirtschaftswachstum teilweise drastisch übersteigt. Für die USA ist bekannt, dass ein grosser Teil des Wirtschaftswachstums sich in Einkommenssteigerungen für die top 1% niederschlug.  Diese Gruppe kann sich nicht nur einen steigenden Anteil am wirtschaftlichen Kuchen ohne Kreditaufnahme leisten, sie kann mit dem überschüssigen Geld auch noch investieren und spekulieren, oder auch über vermittelnde Banken Kredite an den Mittelstand vergeben.

Wie hängt nun diese für den Mittelstand verschlechterte Einkommensverteilung mit der aktuellen Krise des Kapitalismus zusammen?

Wie wir inzwischen gut verstanden haben, äussert sich die gegenwärtige Krise zunächst als Schuldenkrise.

  • Anfangs stellte sich heraus, dass zahlreiche US-Haushalte ihre Hypothekarkredit-Schulden nicht bezahlen konnten.
  • Dies bewirkte, dass  US- und europäische Finanzunternehmen, die solche faulen Kredite oder deren Derivate (‚Mortgage Backed Securities‘, ‚Collateralized Debt Obligations‘, etc.) in ihren Büchern hielten, ihre eigenen Schulden nicht mehr bedienen konnten.
  • Handelte es sich um systemisch wichtige Finanzunternehmen, sprangen der Staat oder die Zentralbank rettend ein (Ausnahme: Lehmann Brothers). Diese Rettungsmaßnahmen erhöhten oft eine ohnedies schon beträchtliche Staatsschuld, wodurch es nunmehr für einige Staaten ungewiss ist, ob sie mittelfristig überhaupt noch zahlungsfähig sind.

Ein Zusammenhang ist somit klar: Arbeitnehmer wollen einen gleichbleibenden Anteil am wirtschaftlichen Kuchen kaufen. Unternehmen wollen Arbeitnehmern einen gleichbleibenden Anteil an diesem Kuchen verkaufen, und Finanzunternehmen (Banken, Mortgage Broker, Leasing-Firmen, Kreditkarten-Unternehmen) wollen diesen Kuchenanteil finanzieren, solange der Arbeitnehmer zahlungsfähig ist. Oder solange sie die Kredite günstig weiterverkaufen können. So wurde also der Kredit-Bubble für Kredite an Privatpersonen aufgeblasen, bis er in den USA zu platzen begann.

Paul Krugman weist gelegentlich darauf hin, dass eine stabile Ökonomie auch denkbar ist, die fast nur Luxusgüter für die hohen Einkommensbezieher produziert. Dies brachte ihn dazu, die zunehmend ungleiche Einkommensverteilung in den Vereinigten Staaten nicht als zentrale Ursache der gegenwärtigen Krise zu sehen.

„… is economic inequality the source of our macroeconomic malaise? Many people think so — and I’ve written a lot about the evils of soaring inequality. But I have not gone that route. I’m not ruling out a connection between inequality and the mess we’re in, but for now I don’t see a clear mechanism, and I often annoy liberal audiences by saying that it’s probably possible to have a full-employment economy largely producing luxury goods for the richest 1 percent.“

Dies ist jedoch erstaunlich unempirisch gedacht. Offenbar reichten Angebot und Nachfrage von Luxusgütern bei weitem nicht aus, die Einkommen der Profiteure des globalisierten Kapitalismus dem realen wirtschaftlichen Kreislauf wieder zuzuführen. Ein beträchtlicher Teil dieser Einkommen landete im wachsenden Finanzkapitalismus und suchte dort nach bestmöglicher Rendite.

Da Kapitalismus nur krisenfrei funktionieren kann, wenn Massengüter und Dienstleistungen auch ohne immer weiter steigende Verschuldung der Konsumenten gekauft werden können, schlage ich den 99% vor dafür einzutreten, dass Wirtschaftswachstum an alle Einkommensgruppen weitergegeben wird.
Zur Überwindung der gegenwärtigen Krise sollten die 1% angemessen beitragen – unter anderem durch drastisch höhere Besteuerung ihrer Einkommen.

Im übrigen: die 99%, das sind wir!

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Arbeitseinkommen, Income Inequality, Krise des Kapitalismus, Wirtschaftswachstum

5 Antworten zu “Wirtschaftswachstum und Arbeitseinkommen

  1. Alfred Felsberger

    Hallo Gerold,

    Die Stagnation der Lohneinkommen während der betrachteten Periode wird kaum zu bestreiten sein. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die vorliegende Studie nur reguläre Arbeitsverhältnisse erfasst. Der ständig wachsende Sektor der informellen Beschäftigungsverhältnisse bleibt ausgespart.

    Damit operiert die Studie implizit mit einem Zwei-Klassen-Modell: Kapital – Lohnarbeit, während sich in der Wirklichkeit längst ein Drei-Klassen-System herausgebildet hat: Kapital – Lohnarbeit – Informelle Arbeit. Insbesondere die letzte Klasse zeichnet sich durch das Abtauchen in die Schwarz-Ökonomie aus.

    Was ich damit sagen will: Der bedeutsamere Trend des letzten Jahrzehnts liegt nicht in einer zunehmenden Polarisierung des Zwei-Klassen-Systems, sondern in der Sprengung desselben und in der Herausbildung einer ständig wachsenden Schwarzökonomie. Das System bewegt sich mit eiserner Logik Richtung Informalität.

    Die Ökonomen mit ihrer starken Orientierung auf die Daten der Lohnsteuerstatistik und der Sozialversicherung stehen diesem Trend auch empirisch hilflos gegenüber. Theoretisch ist er an ihnen ohnehin vorübergegangen. Informalität wird bis dato nur in der Soziologie thematisiert und anerkannt.

    Für die Staatskrise ergibt sich daraus folgende Konsequenz: Sie ist nicht nur auf die Verschuldung der Privathaushalte zurückzuführen sondern auch auf die Einnahmenverluste, die dem Staat aus dem Wachstum des informellen Sektors erwachsen. Der Zusammenhang zwischen Lohnsteuer, Sozialversicherungsbeiträge und Sozialstaat löst sich auf.

    Für die bürgerliche Gesellschaft als Ganzes bedeutet es: dass an die Stelle des Klassenkampfes der Hobbes`sche Kampf „bellum omnium contra omnes“ tritt. Das Bürgerliche transformiert sich von einem Verteilungskampf zu einem Überlebenskampf. Mit anderen Worten: Marx wird durch Nietzsche überwunden.

    Alfred

    • Alfred Felsberger

      Hallo Gerold,

      Nimmt man Marx als Masstab, dann ist „die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion das Kapital selbst“ (K. Marx, Kapital III, MEW 25, 260.). Sie entspringt aus der Überakkumulation des Kapitals, das heisst: aus der Unmöglichkeit, das ständig wachsende Kapital mit der gleichen Rate zu verwerten.

      „Die Masse der (A.F.: überschüssigen) Kapitale wird dadurch auf die Bahn der Abenteuer gedrängt: Spekulation, Kreditschwindel, Aktienschwindel, Krisen.“ „Dieser Überfluss des Kapitals erwächst aus denselben Umständen, die eine relative Überbevölkerung hervorrufen, …… unbeschäftigtes Kapital auf der einen und unbeschäftigte Arbeiterbevölkerung auf der anderen Seite.“

      Ob der Fall der Profitrate aus der Einkommensverteilung oder, wie bei Marx, aus den technologischen Bedingungen der Produktion resultiert, ist eine Glaubensfrage. Sie entscheidet über die Reformierbarkeit des Sytems oder dessen Unmöglichkeit, über den keynesianischen Weg oder den Marxschen. Was man auch immer glauben mag: Die Grenze der Rationalität ist unbestreitbar.

      Alfred

      • marko

        Lieber Gerold, lieber Alfred,

        Nicht ganz zum Thema, aber:
        1. Das offizielle ‚Wording‘: Wenn’s der Wirtschaft (=wenn die Wirtschaft wächst) gut geht, geht es allen gut ist natürlich blanker Zynismus und gehört mal widerlegt. Die Weitergabe der Schulden funktioniert ja bestens, Gewinne werden einbehalten. Die Früchte des Wachstums – ob dieses nun prinzipiell gut ist, sei mal dahingestellt, das ist eine andere Diskussion – sind natürlich, wie Du zitierst, ungerecht verteilt. Same, as it ever was.
        2. Ein wichtiger Punkt scheint mir Alfreds 3. Säule zu sein – Informelle Arbeit. Jene tritt nicht solitär auf, sondern in vielfältigen Kombinationen. Diese Schwarzökonomie ist vielleicht nur sehr dunkelgrau, denn die eingenommenen Gelder werden wieder auf diversen Umwegen in den offiziellen Geldkreislauf gespült. Übrigens: 20% der Kreditwirtschaft in China läuft ’schwarz‘.
        3. Das politische ‚window of opportunity‘ jedenfalls, welches die Wirtschafts- und Schuldenkrise (Schumpeter: kreative Zerstörung) geöffnet hat, ist noch halb offen. ‚Occupy Wall Street‘ und Co ist eine Hoffnung.

        lg,
        marko locatin

  2. Alfred Felsberger

    Lieber Marko,

    Hoffen kann man immer, aber die Erfahrung lässt vermuten, dass ein poltische Fenster nicht existiert. Politik als nationalstaatliche Kategorie steht dem globalen Kapital hilflos gegenüber. Mehr noch: Im globalen Kontext existiert keine Politik. Weltpolitik ist Schimäre.

    Nicht nur, weil die Nationalstaaten um Kapitalströme konkurrieren, sondern auch, weil das bürgerliche Subjekt auf sein Haus, sprich: seinen Staat, fixiert ist. Er ist sein Produkt, errungen in einem langen Kampf gegen feudale Macht und Willkür. Die Identitätsbildung des Bürgers verlief entlang der staatlichen Grenzen.

    Wenn schon wenige europäische Staaten keine einheitlichen Standards entwickeln können, wie soll dieser Prozess dann auf globaler Ebene zustande kommen? Es wird immer Staaten geben, die blühen, und Staaten, die stagnieren. Die gegenseitige Konkurrenz sorgt in diesem Umfeld für divergierende Interessen.

    Alfred

  3. fabulamus

    Die neue Roboter-Ökonomie
    Fabulamus
    Es war wie verhext, die Lage wollte sich einfach nicht zum Besseren wenden. Die einen schoben es auf den 11. September, der nun auch schon einige Jahre zurücklag, die anderen auf den nach wie vor mangelnden Wettbewerb. Dritte wiederum machten diffuse massenpsychologische Phänomene dafür verantwortlich.
    Tatsache war, dass die Weltwirtschaft auf mässigen Niveau vor sich hin dümpelte, die Wachstumskräfte einfach nicht zur Entfaltung kommen mochten. In den alten Industriestaaten lief das nun schon seit Jahren so, alte Branchen brachen weg und was neu dazu kam, konnte den Verlust nicht aufwiegen, zumindest nicht, was die Beschäftigungsmöglichkeiten betraf. In ihrer Not pilgerten die Staats- und Wirtschaftsführer in den Fernen Osten, nicht um irgendwelcher Heilslehren willen. Da erwachte das Reich der Mitte zu neuer Kraft und jeder wollte sich von dem Wachstumskuchen etwas abschneiden. Aber so hundertprozentig konnte man der Sache noch nicht trauen, ob der aufstrebende Drache nicht dereinst als Pekingente eine Bauchlandung hinlegen würde. Allen hehren Sprüchen der Fachwelt zum Trotz, Ratlosigkeit herrschte allenthalben.
    Dabei waren die Perspektiven so gut gewesen. Der Kommunismus war mit Schimpf und Schande zusammengebrochen oder war dort, wo er sich an der Macht halten konnte, zu einer Art Manchester-Kommunismus mutiert. Endlich hatte sich die Staatenwelt zu der Einsicht durchgerungen, dass dem freien Handel keine Fesseln angelegt werden durften, wenn der Wohlstand in der Welt wachsen sollte. Die Automatisierungsrevolution verhiess goldene Zeiten mit steigendem Warenangebot bei sinkenden Preisen, weil eine globalisierte Industrie die Güter in ungeheurer Stückzahl auf den Weltmarkt werfen konnte. Indem die Handelsschranken nach und nach abgerissen wurden, konnten sich die Multis auf wenige Standorte konzentrieren, welche sich durch niedrige Steuerlasten und Lohnstückkosten auszeichneten. Transportkosten spielten zunehmend eine marginale Rolle.
    Das mit den Lohnstückkosten und der Steuerlast musste sich nicht unbedingt am gleichen Ort abspielen. Die Finanzabteilungen der Multis legten grösste Kreativität an den Tag, wenn es darum ging, die Geldströme jeweils so zu lenken, dass sich die Kostenblöcke minimierten. Am Standort A sass die Fabrik mit den niedrigen Lohnkosten und hohen Steuersätzen, am steuergünstigen Standort B dagegen die Konzernleitung, welche natürlich der arbeitsintensiven Tochter ihre Führungsleistung fürstlich in Rechnung zu stellen wusste. So wurden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Zum einen wurde dafür gesorgt, dass am Standort A der zu versteuernde Gewinn denkbar gering war, weil der Rahm durch die Konzernmutter ja bereits abgeschöpft war, und zum anderen wurde die Belegschaft angesichts der nunmehr prekären Ertragslage diszipliniert, ihre Lohnforderungen im Zaum zu halten.
    Immer wenn es zu einer Megafusion kam, klatschte die Börse Beifall, auch wenn es nach den Firmenzusammenschlüssen oft nicht so raus kam, wie die Papierform es versprochen hatte. Selbst wenn die erwarteten Synergien nicht eintraten, so gab es doch einen Konkurrenten weniger und die Vorstandsetagen mussten weniger Phantasie walten lassen, um auf dem Markt präsent zu bleiben. Ob erfolgreich oder nicht, ein gemeinsames Merkmal wiesen alle Unternehmenshochzeiten auf: es wurde Personal abgebaut.
    Statt dessen wurde kräftig automatisiert. Wo immer es möglich war, wurde menschliche Arbeit durch eine Maschine oder einen Chip ersetzt. Dies war eine logische Folge der Arbeitsteilung. Arbeitsprozesse wurden in immer kleinere Segmente zerlegt und irgendwann zeigte es sich dann, dass diese von Computern und Robotern viel schneller und billiger zu erledigen waren.
    Dies hatte auch seine Tücken. Zwar konnten teuere Arbeitskräfte wegrationalisiert werden, aber Maschinen waren in einer Hinsicht weniger flexibel. Man konnte sie nicht bei einer Nachfrageflaute entlassen. Die Kosten für das eingesetzte Kapital liefen weiter und das hatte, wenn es nutzlos rumstand, gerade mal noch Schrottwert.
    Generell wurde das Wirtschaftsgeschehen immer spekulativer. Es zählten nicht mehr die harten Fakten der Gegenwart, sondern die bestenfalls in vagen Konturen erkennbaren Gegebenheiten von übermorgen. Die Produktentwicklung erforderte lange und kostspielige Vorlaufzeiten und umfangreiche Investitionen in Produktionsstrassen. Die eigentliche Produktion dagegen kostete vergleichsweise wenig. Man musste also gewaltige Beträge in der Hoffnung vorfinanzieren, dass der Markt das Produkt auch annahm. Aber die Märkte waren launisch und das Eigenkapital knapp. Die Geldgeber wollten sich das Risiko der Vorfinanzierung angemessen entlohnen lassen mit einer satten Spekulationsrente obendrauf. Otto Normalverbraucher war dabei in einer zwiespältigen Situation. Einerseits kochte er vor Wut über die ruchlosen Finanzhaie, welche sich Milliardenbeträge in den Rachen schoben und dabei über Leichen gingen. Andererseits war ihm daran gelegen, für seine angesparte Altersrente eine angemessene Rendite zu erhalten. Und die Rentenkassen gehörten nun einmal zu den potentesten Anlegern.
    So wurde die Wirtschaft immer anfälliger für konjunkturelle Fieberschübe. Und wegen der weltweiten Vernetzung traten diese nicht einmal hier und einmal dort auf, sondern gleichzeitig überall. Zeigten sich endlich mal ein zarte Pflänzchen einer konjunkturellen Erholung, dann explodierte irgendwo eine Bombe und die Kurse sackten in sich zusammen. Und als ob das ganz normale Wirtschaftsgeschehen nicht schon risikoreich genug wäre, legten sporadische Virusepidemien auch noch ganze Volkswirtschaften lahm.
    Alles hing mit allem zusammen und Ursache und Wirkung konnten kaum noch miteinander in Verbindung gebracht werden. Astrologie war im Vergleich zur Wirtschaftsprognostik geradezu eine exakte Wissenschaft. Die wusste zwar immer ganz genau, warum die Wirtschaftslage gestern so war, wie sie gewesen ist, aber dabei blieb es dann auch. Man konnte es auch so sagen: kein Schwein blickt mehr durch. Aber um Himmelswillen, das durfte natürlich niemand wissen. Der coole Analytiker war gefordert, zumindest nach Aussen hin. Die an der Börse Milliardenbeträge hin und her verschoben, mussten ihrem Handeln einen rationalen Anstrich geben. Um Licht ins Dunkel zu bringen, wurde indessen ein Orakel befragt. Dem amerikanischen Notenbankchef war eine solche Funktion zugewachsen. Wenn er sich räusperte oder die Augenbrauen hochzog, war dies für alle Eingeweihten ein bestimmtes Signal, und weil jeder darauf reagierte, trat immer das ein, was in das Orakel hineininterpretiert wurde. Und die Börsianer konnten sich einmal mehr auf die Schultern klopfen, wie sie doch alles vorausgesehen hatten. So hatte die internationale Finanzwelt ihre Ersatzrealität, die für ihre Zwecke doch so einigermassen funktionierte.
    An Waren immerhin, oder besser gesagt an Kapazitäten, diese herzustellen, bestand absolut kein Mangel. Nur der Absatz wollte dies nicht honorieren, die Käufer zierten sich. Diejenigen, die sich den ganzen Krempel leisten konnten, konnten ihn nicht gebrauchen, und diejenigen, die ihn gebrauchen konnten, konnten ihn sich nicht leisten.
    Die Werbeindustrie zog alle psychologischen Register, um das Feuer der Kaufwut zu entfachen, unterstützt von den Neurowissenschaften, welche mit ausgefeiltester Technik alle Sphären des menschlichen Gehirns zu diesem Zweck ausleuchteten. Aber das brachte alles nur kurzzeitigen Erfolg. Stimulantien verlieren mit der Zeit an Wirkung. Zwar liess sich der ein oder andere durch grosszügige Kreditangebote zu einem unüberlegten Kauf hinreissen, aber sobald er erst mal in der Schuldenfalle sass, war bei ihm nichts mehr zu holen. Und die Übrigen zeigten sich lustlos, wenn nicht sogar ängstlich, und waren höchstens für ein Schnäppchen ab und zu zu haben. Da niemand mehr sicher sein konnte, über kurz oder lang seine Job zu verlieren, auch die vormals gehätschelten Hochqualifizierten nicht, vermieste das die Konsumentenlaune. Jeder bekam es Tag für Tag zu hören, du bist zu teuer, deine Ansprüche sind zu hoch. Schau dir doch an, zwei Länderecken weiter arbeiten sie für ein Fünftel deines Lohnes. Und die zwei Länderecken waren in der gleichen Situation gegenüber ihren südlichen und östlichen Nachbarn.
    Zuerst glaubte man, mit einer gehörigen Portion Wachstum bekäme man dass alles schon in den Griff. Weil investiert wurde, expandierten die Märkte, und weil die Märkte expandierten, wurde investiert. Und in der Tat zeigte es sich, dass doch für einen gewissen Teil der Bevölkerung die Rechnung aufging. Aber dummerweise war derjenige auf der Verliererseite grösser. Es war wie mit dem Hasen und dem Igel. Wenn die Erfolgsmeldung ankam, war die Hiobsbotschaft schon da.
    Das hatte etwas Zwangsläufiges an sich. Damit einige Leute mehr verdienen konnten, musste die Menge der produzierten Güter oder die Gewinnmarge steigen, am besten gleich beides. Das Mengenwachstum stiess an seine Grenzen, weil die Märkte für viele Produkte in den reichen Ländern gesättigt waren. Ein Absatzplus konnte nur noch durch Verdrängung von Konkurrenten erzielt werden. Das Bevölkerungswachstum brachte keine nennenswerte Steigerung der Nachfrage, da es am falschen Ort stattfand, wo es keine Kaufkraft gab.
    Es musste also billiger produziert werden. Auch wenn dazu gross in den Maschinenpark investiert wurde und andere Unternehmen so zu Aufträgen kamen, unter dem Strich hiess das letzten Endes immer mit weniger Lohnsumme. Denn die Rationalisierungsinvestitionen durften ja auf lange Sicht nicht mehr kosten, als sie an Einsparungen brachten.
    Lohnkosten waren das Feindbild schlechthin, schlimmer noch als Steuern. Und weniger Lohnsumme bedeutete auch weniger Kaufkraft, selbst wenn manche Erzeugnisse dank der Massenproduktion viel billiger zu haben waren. Und das hiess wiederum weniger Nachfrage und weniger Beschäftigung.
    Selbst Unternehmen, denen es blendend ging, versuchten ständig verbissen, Personal abzubauen und Produktionskapazitäten in Billiglohnländer zu verschieben. Irgendein Konkurrent stand vielleicht noch besser da und an dem wurden sie bemessen. Bei den geringsten Anzeichen einer Schwäche wurde man bereits als Übernahmekandidat gehandelt. Um dem entgegenzusteuern, mussten in jedem Quartal Rekordgewinne eingefahren werden.
    Wohl konnte es denn Unternehmen nicht egal sein, wenn das Heer der Arbeitslosen wuchs, irgendwie mussten auch sie es ja mitfinanzieren. Aber in der Philosophie der Produzenten gab es nur Angebots- und Nachfrageinseln. In die eine Richtung flossen die Waren -, in die andere die Geldströme, ansonsten hatten die Inseln nichts miteinander zu tun. Und die Produzenten sassen nun einmal auf der Angebotsinsel, da mussten die Bedingungen stimmen. Wenn sie tausend Leute auf die Strasse setzten, mochte dies auf lokaler Ebene ein Drama sein, beeinträchtigte ihre Inselwelt aber nicht. Im Gegenteil, es war das Signal an die Finanzmärkte, wir sind schlank und fit und das erleichterte die Refinanzierung. Wenn dagegen der Verdacht aufkam, sie verfügten über ein personelles anstelle eines finanziellen Fettpolsters, dann schickten sie die Rating-Agenturen gleich in den Keller. Nur wer mit den Wölfen heulte, konnte überleben. Für anthroposophische Gefühlsduseleien war gerade mal im Werbebudget Platz.
    Bei Tarifverhandlungen wurde das Lohnniveau von Bangla Desh zur Orientierungsgrösse. Da gab es viele intelligente und fleissige Leute, die bereit waren, rund um die Uhr zu schaffen. Warum sollte man anderen Ortes mehr verdienen, war das denn gerecht? In den alten Industrieländern begann man zwar, die Arbeitszeit wieder hochzuschrauben, um die Kostenschere zu verengen, schliessen konnte man sie ja ohnehin nicht. Was brachten schon zehn Prozent mehr Arbeit zu gleichem Lohn bei einem Lohnkostengefälle von zwanzig zu eins. Auch der Abbau des sozialen Netzes, einem Wachstumshindernis par excellence, brachte keine wirkliche Entlastung. Im Gegenteil, es förderte noch die allgemeine Verunsicherung. So wurde also mehr gespart, als notwendig gewesen wäre, weil jeder meinte, es würde ihn demnächst erwischen und für den schlimmsten Fall musste man ja noch einen Notgroschen bereithalten. Jeder sah sich schon drin im Tunnel, aber wie lang er war und wann endlich das Ende kam, das wusste keiner.
    Wenn also in der Industrie die Arbeit immer knapper wurde, dann, so die Ökonomen, musste halt der Dienstleistungssektor expandieren. Da hat es noch gewaltige Wachstumspotentiale. Und toll, da gab es das Gesundheitswesen. Das zeigte Jahr für Jahr den gewünschten Pfeil nach oben. Und das wiederum kurbelte die Pharmabranche an, und die medizintechnische Industrie und die Baubranche. Für die Arbeitslosen boten sich neue Perspektiven in der Altenpflege. Die Demographie sorgte schon für eine steigende Nachfrage. Aber Fehlanzeige, jetzt redete man auf einmal davon, die Kosten in den Griff zu bekommen. Eine florierende Pharmabranche war ja schön und gut, aber bitte im Export und nicht zu Lasten der heimischen Krankenkassen.
    Die Medizin ihrerseits schuf immer neue Behandlungsverfahren für vormals hoffnungslose Fälle. Jeder Rentner hatte die Chance, ein hohes Alter zu erreichen, und wenn der Sensenmann an die Tür klopfte, hatte die Intensivmedizin immer noch ein paar Mittelchen parat, um ihn draussen warten zu lassen. Früher hatten die Menschen ihren Alzheimer gar nicht erlebt. Aber so sehr diese Erfolge bejubelt wurden, zahlen wollte man möglichst wenig dafür. Die Hauptnutzniesser standen nicht mehr im Produktionsprozess und wurden aus dem grossen Topf finanziert, den vor allem diejenigen speisten, die gesund waren. Trotz allem Drehen an der Effizienzschraube, der Kostenanstieg liess sich nicht bremsen. Es war diese pikante Mischung aus Ethik und Ökonomie, welcher mit den Mitteln des Marktes nicht beizukommen war. Vor die Wahl gestellt, Medizin oder Mallorca, mussten sich immer mehr Leute für ersteres entscheiden. Was als Segen für die Menschheit gedacht war, entwickelte sich, finanziell gesehen, zu einem Alptraum.
    Und überhaupt, zu einer immer schwereren Hypothek für den Standort wurde die wachsende Zahl alter Menschen. Nicht dass man diese Entwicklung allein der Medizin anlasten konnte, das Problem war eher, es gab zu wenig Junge. Man konnte sich keine Kinder mehr leisten. In welchem Wohlstand mochten die Familien in früheren Zeiten geschwelgt haben, wo noch sieben acht Kinder in die Welt gesetzt wurden.
    Wohl hatte man das Rentenalter schon vor geraumer Zeit auf siebzig hochgeschraubt, aber das brachte nichts. Jenseits der sechzig wurden Berufstätige nur noch in Aufsichtsratspositionen oder als Spitzenpolitiker toleriert. Und beim besten Willen, so viele Stellen in diesem Bereich konnten einfach nicht geschaffen werden, um die jungen Alten von der Strasse zu holen.
    Jedenfalls waren da einmal die Renten, die zu bezahlen waren, dann in der Endphase des Lebens noch die Pflegekosten. Um wenigstens hier Abhilfe zuschaffen, wurde die Initiative „Lass die Sonne in dein Herz“ ins Leben gerufen. Mit ihr sollten alte Menschen, die Hilfe benötigten, für ihre letzten Jahre in südliche Gefilde verfrachtet werden. Das dortige kulturelle Umfeld brachte ihnen viel Aufmerksamkeit und Wohlwollen entgegen. Das Lohnkostengefälle erlaubte eine Betreuungsintensität, von der man im Norden nicht einmal zu träumen wagte. Und es war eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Es brachte viele Leute in Lohn und Brot, vermittelte wirtschaftliche Impulse und leistete einen Beitrag zur Dämpfung der ungeliebten Asylantenströme. Und zu guter letzt kam auch der eigenen Exportwirtschaft zugute.
    Die Initiative brachte jedoch nicht den gewünschten Erfolg. Die Einen vertrugen das Klima nicht, die Anderen nicht den Verlust ihrer Angehörigen. Und ausserdem war es unzumutbar, die lieben Alten denen anzuvertrauen, auf die sie früher herabgeblickt hatten. Die Renten sollten hierzulande verkonsumiert werden, lieber hielt man es mit der Betreuung etwas knapp.
    So ächzte nun der Standort unter der Last von hohen Lohnkosten, Sozialabgaben und Steuern, von der wuchernden Bürokratie ganz zu schweigen. Da mussten ja ganze Industriezweige zusammenbrechen, die auf ihren teuren Waren sitzen blieben, weil andere zu viel günstigeren Rahmenbedingungen produzierten. Allein die Realität sprach eine andere Sprache. Gut, das Heer der Arbeitslosen war gewaltig und in der Tat mussten manche Branchen den Löffel abgeben, aber es gab noch andere, die erwirtschafteten für das Land einen Rekordexportüberschuss nach dem anderen.
    So konnten denn auch die Bäume nicht in den Himmel wachsen, der Export nach Belieben gesteigert werden, damit auch der letzte Arbeitslose wieder einen Job bekam. Diejenigen, die die Waren importierten, mussten diese ja auch bezahlen können. Wenn man dieses Geld nicht einfach so verschenken wollte, ging halt nur, wenn sie ihrerseits exportierten, Touristen beherbergten oder Entwicklungshilfegelder kassierten. Von der Möglichkeit der ärmeren Länder, ihre Landeskinder als Gastarbeiter in den Norden zuschicken, wollen wir hier gar nicht reden. Da warten keine offenen Arme auf sie. Kurzum, für jeden im Export verdienten Euro musste auch wieder Geld ins Ausland getragen werden, sonst stimmte ja der Geldkreislauf nicht mehr. Und das hiess weniger Arbeit im Inland.
    So hatte denn eine hocheffiziente, weltweit vernetzte Wirtschaft zahlreiche Wohlstandsinseln im materiellen Überfluss geschaffen, aber die Elendsviertel rückten diesen bedrohlich nahe.
    Das eigentliche Problem war ja nicht das Angebot, sondern die Nachfrage nach Gütern. Wenn es nicht gerade um Grund und Boden oder um Dienstleistungen mit intensiver menschlicher Zuwendung ging, konnte die Produktion nahezu bis ins Unermessliche gesteigert werden. Aber die Nachfrage funktionierte nicht. Hier musste also die Lösungsstrategie ansetzen. Einfach mit Geld drucken war es nicht getan. Mit Schaudern erinnerte man sich an die grossen Inflationen nach den Kriegen. Und gross Beschäftigungsprogramme aufziehen für mehr oder minder sinnvolle Arbeiten, das treibt wiederum die Steuern in die Höhe und beeinträchtigt die gewinnbringenden Sparten der Wirtschaft. Aber man war auf sie als Milchkühe dringend angewiesen und da war es ein Gratwanderung, wie viel man denen aufladen durfte, ohne sie zu vergraulen. Eine bescheidene Steuerlast, welche die wirtschaftliche Dynamik nicht bremste, war gerade noch zu verkraften.
    Wie aber konnte man dann die Nachfrage stimulieren. Ein paar Zyniker meinten, es bräuchte mal wieder einen Krieg, in dem alles kurz und klein geschlagen würde, dann könnte man wieder von vorne anfangen. Diese Argumentation fand zum Glück kein Gehör, das Problem aber blieb.
    Es war ja egal, was produziert wurde, Hauptsache, es brachte Einkommen und Steuern und hinterliess nicht irgendwelche Altlasten, an denen spätere Generationen zu beissen hatten. Aber die Nachfrage musste auf sicheren Füssen stehen und da haperte es bei den meisten Menschen. Als Produzenten machten sie eine gute Figur, zumindest diejenigen, die einen Job hatten, nicht aber als Konsumenten. Da waren sie einfach zu wankelmütig und verbauten sich damit selbst die Wachstumspotentiale, welche zu ihrer Existenzsicherung notwendig waren. Stillstand hiess Rückschritt. Eine moderne Wirtschaft brauchte das Wachstum wie ein Junkie die Nadel.
    Wenn also durch die Automatisierung die enormen Produktionskapazitäten geschaffen wurden, dann war doch es nur folgerichtig, dass auf diese Weise auch eine entsprechende Nachfrage aufgebaut wurde. Der konsumierende Roboter also, viele Leute griffen sich an den Kopf.
    Nun, es gab ja auch die juristische Person, da wurden Güter nachgefragt und Steuern bezahlt. Und sogar höchst dubiose Konstruktionen konnten sich unter diesem Rechtsbegriff etablieren. Warum sollte es da nicht auch eine technische Person geben? Da die künstliche Intelligenz rasante Fortschritte machte, war dies ohnehin nur eine Frage der Zeit.
    Welche Waren sollte ein Roboter denn beziehen? Da gab es seine natürlichen Bedürfnisse, Strom und Schmierfett, vielleicht Korrosionsschutz und ab und zu mal ein Ersatzteil. Alles andere war frei programmierbar. Damit konnte endlich die Nachfrage auf eine rationale Basis gestellt werden. Und wenn jetzt so ein Geschöpf aus Metall und Mikrochips eine Zigarette durch die Ansaugdüse mit nachgeschaltetem Abgaskatalysator zog, was machte das für einen Unterschied zu einem Menschen? Vielleicht dass die Ansaugdüse aus Edelstahl etwas widerstandsfähiger war als die menschliche Lunge. Nach dem Verbrauch war jedenfalls in beiden Fällen vom Produkt ausser einem Aschehaufen nichts mehr übrig, durch die ausgelöste Nachfrage das Bruttoinlandsprodukt aber um eine Spur höher.
    Blödsinn, ereiferten sich manche, warum sollten Roboter plötzlich rauchen? Warum tun es Menschen, lautete die Gegenfrage.
    Nicht der Gebrauch ist das Ziel, sondern der Verkauf. Der bringt die Wirtschaft auf Touren. Und welchem Produzenten ist es denn nicht wurscht, was mit seiner Ware passiert, wenn sie erst mal draussen ist.
    Aber was sollte so etwas für die Allgemeinheit bringen? Wenn die Nachfrage gesteigert würde, könnten die Produktionsanlagen besser ausgelastet werden, die Investitionen würden steigen, die Gewinne sprudeln und die Steuerkassen füllen. Und mit dem Geld könnten endlich Arbeitsplätze geschaffen werden. Arbeit für was war ja egal. Ihr Zweck lag ja in erster Linie nicht mehr darin, etwas mehr oder minder Lebensnotwendiges herzustellen, das man mit den Händen greifen konnte, wie in den früheren Phasen der Menschheitsgeschichte, sondern Selbstwert zu produzieren, damit niemand auf dumme Gedanken kam. Eine hocheffiziente arbeitsteilige Wirtschaft funktioniert nun mal nur dann, wenn sich die Zahl der Unzufriedenen in Grenzen hielt. Ein paar Verrückte konnten unheimlich viel kaputt machen, wenn sie nur die entsprechende Entschlossenheit an den Tag legten.
    Durch die neue robotergestützte Nachfrage konnte nun endlich wieder ein Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage hergestellt werden. Ein langfristiges, kontinuierliches Wachstum war nicht mehr nur ein Traum. In kühnsten Visionen war der Konsumgüterverbrauch durch Menschen nur noch eine kleine Restgrösse der globalen Produktion. Roboter produzieren, konsumieren, rezyklieren. Der Mensch als Schmarotzer einer in sich fast geschlossenen Roboterwirtschaft.
    Die Skeptiker wollten sich von einem solchen Konzept nicht überzeugen lassen. Das lief auf Planwirtschaft hinaus, und mit der, so einige Schlaumeier, war doch schon der Kommunismus gescheitert. Aber da lag ja gerade der Unterschied. Ein rationales System für rationale Maschinen im Gegensatz zu einem rationalen System für irrationale Menschen.
    Die Regierung kam jedenfalls nicht umhin, einen Pilotversuch zu starten und dazu wurde ausgerechnet das Modell mit den Zigaretten gewählt, wohl mit dem Hintergedanken, dass man dabei mit der Tabaksteuer kräftig abkassieren konnte. Und die Tabakindustrie liess sich nicht zweimal bitten, witterte sie doch einen neuen Absatzmarkt, wo ihr doch die Antiraucherkampagnen stark zu schaffen machten.
    Ein grosser Autohersteller stattete seine Montageroboter mit den entsprechenden Vorrichtungen aus, so dass sie nach jedem Arbeitstakt eine Nikotinwolke durchziehen konnten. Im Gegenzug bezog ein Tabakmulti die Klimaanlagen der neuen S-Klasse für seine Zigarettenherstellungsautomaten. Der Tabak wurde nunmehr vollklimatisiert in seinem Formbett gepresst und danach von der Folie umhüllt. Ob diese Neuerungen irgendeine Auswirkung auf die Produktqualität hatten, kann nicht beurteilt werden. Leider musste das Projekt abgebrochen werden, bevor es aussagekräftige Ergebnisse liefern konnte, weil es einer EU-Richtlinie über das Rauchen am Arbeitsplatz zuwider lief.
    Mittlerweile sind viel ausgefeiltere Modelle in Erprobung, die über vier fünf Ecken laufen, insgesamt aber immer als Nullsummenspiel. Es zeigt sich, dass noch viele Probleme gelöst werden müssen. Natürlich fordern konsumierende Roboter ein gewisses Entgelt. Aber wenn auf diese Weise auch der Absatz kalkulierbar erhöht werden kann, ist dies zu verkraften. Sozialabgaben fallen für Roboter jedenfalls keine an. Wenn einer ausgedient hat, landet er auf dem Schrott. Schwieriger ist es schon, eine gemeinsame Verrechnungseinheit für den Warenaustausch unter technischen Personen zu finden. Genügen Dollar und Euro oder braucht es eine spezielle Technical Currency Unit (TeCU)? Auch eignen sich nicht alle Güter für den Roboterkonsum. Bei Autos scheitert der Absatz schlicht an Parkplatzproblemen. Hervorragend eignen sich dagegen immaterielle Güter wie zum Beispiel Software-Lizenzen. Auch eine Roboterökonomie bleibt vor einem Strukturwandel nicht verschont.
    Und welchen Preis ist ein Roboter bereit zu zahlen für das Gut, das ihm da aufs Auge, oder viel mehr auf den Sensor gedrückt wird? Hier zeigt die Praxis ein gewisses Konfliktpotential, welches weiterer wissenschaftlicher Studien bedarf. Der menschliche Faktor ist noch nicht gänzlich eliminiert.
    Nach anfänglicher Euphorie weiss man heute, dass das System nur langsam hochgefahren werden kann, so wie ein Kernreaktor, sonst läuft es Amok. Unbedingtes Vertrauen in seine Wirkungsweise ist erforderlich. Manipulationen am System müssen denn auch schärfstens geahndet werden.
    Natürlich erfordert ein fortschrittliche und umfassende Roboterökonomie eine erhebliche Rechnerleistung, die nur durch eine globale Vernetzung der leistungsfähigsten Systeme zu gewährleisten ist. Manche Leute, die sich heute dem Funktionieren solcher elektronischen Apparaturen ebenso hilflos ausgeliefert sehen wie frühere Generationen den Naturgewalten, entwickeln denn auch eine geradezu religiöse Verehrung für diese Technologien. In diesem Zusammenhang ist darauf zu verweisen, dass Gerüchte über ein unkontrolliertes Eigenleben der sich selbst programmierenden neuesten Robotergeneration masslos übertrieben sind.
    Die Roboterökonomie ist ökologisch nicht völlig unbedenklich, selbst wenn die programmierte Nachfrage streng an den Kriterien der Nachhaltigkeit ausgerichtet wird. Auch wenn die Kinderkrankheiten der Kernfusion in absehbarer Zeit behoben sind und nicht mehr auf fossile Energieträger zurückgegriffen werden muss, so wird doch bei der Produktion der Warenflut für die technischen Neukonsumenten in so grossen Mengen Prozesswärme freigesetzt, dass dies dem Erdklima abträglich ist. Einige visionäre Denkfabriken sind daher mittlerweile dabei, Konzepte zu entwickeln, in welchen der Warenverkehr nur noch auf virtueller Ebene stattfindet. Die Roboter sind so programmiert, dass sie sich ihren Warenkonsum nur noch einbilden. Anstelle von Lastwagenkolonnen über den Gotthard und den Brenner gibt es nur noch ressourcenschonende Datenströme im Internet. Die Krönung der Wissensgesellschaft sozusagen, oder?

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