Italienische Staatsschulden: die Antwort ist 7,246

Sie legt den heutigen Zinssatz für die 10-jährige italienische Staatsanleihe fest und ist angeblich ‚mit absoluter Sicherheit korrekt‘ (siehe Bild).

Und nein, sie wurde nicht von Deep Thought, dem damals größten existierenden Computer nach 7,5 Millionen Jahren Rechenzeit gegeben – dessen Antwort war ja bekanntlich 42. Unsere heutige Antwort stammt von einem göttlichen und seltsamen Wesen namens ‚Markt‘ und ist fast genauso rätselhaft wie die einstmals von Deep Thought gegebene.

‚Markt‘ gibt Antworten viel häufiger, genau genommen ständig. Glücklicherweise haben wir eine Priesterkaste, welche Markt’s Orakelsprüche zwar niemals in Frage stellt (man weiß ja schließlich, dass Markt immer die Wahrheit spricht), aber fundierte Mutmaßungen darüber anstellt, was Markt zu seiner Antwort bewog.

Beispiele gefällig?

  • „Die Zahl lautet 7,246, da Berlusconi zurücktreten wird und seinem Nachfolger ein schweres Erbe hinterlässt.“
  • „Die Zahl lautet 7,246, da die italienische Wirtschaft stagniert, der Staat das Geld verprasst hat, und Berlusconi noch immer nicht zurückgetreten ist.“
  • Oder auch folgende raffinierte Variante zur Verwirrung der einfachen Gläubigen: „Die Zahl lautet 7,246 , da es bei einem so hohen Zinssatz für italienische Staatsanleihen ein höheres Ausfalls- und Verlustrisiko gibt, das durch einen korrekten Zinssatz von genau 7,246 Prozent abgedeckt wird.

Nicht nur die Priesterkaste betet Gott Markt an (ok, es gibt einige Abweichler), sondern auch die Herrscherkaste der Eurozone. Gott Markt soll entscheiden, welche Staaten ultimativ in der Eurozone bleiben können, sagen sie. Wenn Gott Markt sein Misstrauen ausdrückt, dann ist Handlungsbedarf. Dann muss der Staat sparen, Gehälter und Pensionen kürzen, und Eigentum der Bürger (fälschlich ‚Staatseigentum‘ genannt) verkaufen. Sollten dann Arbeitslosigkeit, Armut und Unmut entstehen, dann ist dies eben als notwendiges Opfer an Gott Markt aufzufassen, das ihn voraussichtlich milde stimmen wird. Vertraut uns Gott Markt wieder, dann werden auch Arbeitslosigkeit, Armut und Unmut wieder verschwinden, Geld wird kommen, und Gottes unsichtbare Hand wird Zinsen machen, die wir uns leisten können.

Die Geldmacherkaste hängt an Gott Marktes Lippen und befindet sich eigentlich ständig im Gottesdienst. Seine unerschöpfliche Weisheit für die 10-jährige italienische Staatsanleihe kannst Du hier beobachten.

Seltsam nur, dass die Antwort von gestern 6,769 war. Dies lag wahrscheinlich daran, dass …
Stopp jetzt, ich fange ja schon an wie ein Priester zu sprechen.

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3 Kommentare

Eingeordnet unter Markt für Staatsanleihen, Psychologisches, Reflexivität, Rekursivität

3 Antworten zu “Italienische Staatsschulden: die Antwort ist 7,246

  1. Alfred Felsberger

    Hallo Gerold,

    ein sehr schöner Artikel, der auf das Herzstück der Marx`schen Theorie, den Warenfetisch, verweist. Auf einer Stufenleiter nach oben wird aus dem Waren- der Geld- und letztendlich der Kapitalfetisch. Seit neuestem tritt der Marktfetisch hinzu, durch den die Menschen in von ihnen selbst geschaffenen Institutionen göttliche Wesen zu erkennen glauben.

    Da noch niemand geboren ist, der die Fetischisierung der Waren in einer von Marx unabhängigen Sprache beschreiben kann und es mir fernliegt, diese unnachahmbare Leistung der deutschen Soziologie durch meine eigene Terminologie zu verschandeln, möchte ich einige Zitate zum Besten geben:

    „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit
    als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. […]“

    „Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen
    selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand.“ (MEW23)

    „Kapital, Boden, Arbeit! Aber das Kapital ist kein Ding, sondern ein bestimmtes, gesellschaftliches, einer bestimmten historischen Gesellschaftsformation angehöriges Produktionsverhältnis, das sich an einem Ding darstellt und diesem Ding einen spezifischen gesellschaftlichen Charakter gibt.“ (MEW23)

    „Als zinstragendes Kapital, und zwar in seiner unmittelbaren Form als zinstragendes Geldkapital erhält das Kapital seine reine Fetischform, G – G‘ als Subjekt, verkaufbares Ding (…) Wie das Wachsen den
    Bäumen, so scheint das Geldzeugen (tokos) dem Kapital in dieser Form als Geldkapital eigen.“ (MEW23)

    Alfred

    • Alfred,
      danke für die kluge Auswahl der Zitate und das Lob.
      Recht viel an G-G‘, was sich heutzutage in unserer ökonomischen Ordnung so abspielt und thematisiert werden muss. Der Fokus liegt nicht so stark auf G-W-G‘, was vielleicht ein Versäumnis ist.
      Gerold

  2. Andreas B.U. Kirchmayr

    Hey! Douglas Adams, Priesterkaste und überhaupt, der respektlose Umgang mit hochkarätigen Experten … ts ts ts – das hätte ich mir nicht erwartet:
    BIN UMSO POSITIVER ÜBERRASCHT! Gratuliere!
    Andreas

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