Italien ist nicht Griechenland – ein wenig ‚Macro Accounting‘

Wird Italien seine Staatsschuld (genauer: das Verhältnis zwischen Staatsschuld und Bruttoinlandsprodukt) reduzieren können? Oder wird es dem Land so gehen wie Griechenland, dem es nicht gelang, sich wie angeblich einst Münchhausen am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen?

Die neue italienische Regierung unter Mario Monti wird sich vor allem auch an die Bürger wenden, um das Schuldenproblem in den Griff zu bekommen. Wie sind nun die Voraussetzungen des italienischen Haushaltssektors, zur Sanierung der Staatsschulden beizutragen?

Wir wollen uns dieser Frage vom Blickwinkel des ‚Stock-Flow Consistent Macro Accounting‘ her ansehen, einer Methode, die auf den bedeutenden Ökonomen Wynne Godley zurückgeht, und die unter anderem von Vertretern der ‚Modern Monetary Theory‘ wie Randy Wray und Bill Mitchell verwendet wird.

Zentral für diese Methode sind zunächst die folgenden Prinzipien:

  • Finanzvermögen tritt im allgemeinen als Kredit auf. Jener Teil des Finanzvermögens, der nicht als Kredit auftritt (z.B. Geldmünzen und Scheine), kann für praktische Zwecke vernachlässigt werden.
  • Zu jedem Kredit (‚financial asset‘) gibt es eine Schuld (‚financial liability‘).
  • Das Finanzvermögen (‚financial wealth‘) eines Wirtschaftssubjektes oder einer Gruppe von Wirtschaftssubjekten ist die Differenz: financial assets – financial liabilities.
  • Die Summe der financial assets und financial liabilities (’stock‘) ist zu jedem Zeitpunkt gleich Null. (Dieses für die weiteren Betrachtungen zentrale logische Prinzip wird erstaunlicherweise derzeit nur von einigen wenigen ökonomischen Richtungen gelehrt)
  • Kommt es zu einem Fluss (‚flow‘) eines Finanzwertes von einem Wirtschaftssubjekt zu einem anderen, so ist die Summe der dabei entstehenden financial assets und liabilities ebenfalls gleich Null.

Hat man sich mit diesen noch recht formalen Grundsätzen angefreundet, kann die Anwendung auf eine konkrete Fragestellung beginnen.

  • Zu diesem Zweck unterteilen wir die Volkswirtschaft in die Sektoren Haushalte, Nicht-Finanz-Unternehmen, Finanz-Unternehmen, Öffentliche Hand, und Rest-der-Welt.
  • Danach versuchen wir, einen initialen Bestand (stock) an financial assets und liabilities für jene Sektoren zu bestimmen, die uns interessieren.
  • Wir könnten dann damit voranschreiten, die Veränderungen (flow) während eines Bilanzjahres zu untersuchen. Am Ende des accounting-Jahres würde dann die Schlussbilanz gebildet, die gemeinsam mit der Eröffnungsbilanz Aufschluss über die Veränderungen während des Jahres gibt.

Wir wollen uns jedoch für dieses Posting mit einem Blick auf den stock an financial assets und liabilities von Eurozone-Staaten, und dabei insbesondere der Sektoren ‚Öffentliche Hand‘ und ‚Haushalte‘, begnügen.

Die Daten zu den angeführten Staaten und ihren Haushaltssektoren finden sich bei EuroStat. Meist wurde die Schlussbilanz 2009 herangezogen, für Frankreich die Eröffnungsbilanz 2009. Der nachfolgende Chart beruht auf demselben dataset.

Mit moderner Geldtheorie, stock-Daten und Chart bewaffnet können wir nun einige Aussagen wagen. Ich hoffe, dass Du diese Aussagen ebenso interessant findest wie ich, werter Leser!

Italien

  1. Es fällt auf, dass der italienische Haushaltsektor um fast 50 Prozent des GDP wohlhabender ist als der fast aller anderen Eurozone-Staaten (Ausnahme: Belgien), sowie auch als der Durchschnitt. Der Wohlstand des Haushaltsektors ist auch um ca. 50 Prozent des GDP höher als die Staatsverschuldung.
  2. Man sieht: Italien ist grundsätzlich imstande, durch Vermögenstransfer vom Haushaltssektor zur Öffentlichen Hand sein Staatsschuldenproblem völlig aus eigener Kraft zu lösen.
  3. Es ist jedoch noch das Problem der hohen Zinsen am Markt für Staatsanleihen zu berücksichtigen.

Griechenland

  1. Einem financial wealth von 65 Prozent des GDP bei den Haushalten steht hier eine Staatsschuld von (hier noch) 143 Prozent des GDP gegenüber.
  2. Wir erkennen ohne weiteres, dass das griechische Staatsschuldenproblem nicht durch Vermögenstransfer von den Haushalten zum Staat (Steuern, Abgaben, Reduzierung von Transferzahlungen an Haushalte) gelöst werden kann, sondern andere Mittel und Sektoren herangezogen werden müssen.

Italien ist eben nicht Griechenland. In einem Punkt vielleicht aber doch: beide eignen sich für einen herrlich entspannenden Urlaub an traumhaften Stränden und Buchten. Wäre doch schön, wenn die Eurozone die aktuellen Schwierigkeiten meistern würde, und deren Bewohner wieder ein wenig positiver in die Zukunft blicken könnten.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Geld und Kredit, Macro Accounting, Public Debt

2 Antworten zu “Italien ist nicht Griechenland – ein wenig ‚Macro Accounting‘

  1. Alfred Felsberger

    Hallo Gerold,

    vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag. Man tut gut daran zu erwähnen, dass makroökonomische Modelle eine lange ökonomische Tradition haben. Sie gehen zurück auf die Physiokraten („Quesnay`s Tableau“) und wurden dann von Marx („Reproduktionsschemata“) und später Kalecki
    weiterentwicklet. Das Aufkommen der marginalistischen Theorie hat sie in den Hintergrund treten lassen. Erst Minsky and Tobin haben sie wiederbelebt.

    Schon Marx war die Bedeutung des Kredits bewusst, zumal er sich bei der Analyse der Reproduktion die Frage stellte, wie der Mehrwert bei einem sektoralen Gleichgewicht überhaupt realisiert werden kann. Wenn alle Konten zwischen den Sektoren ausgeglichen sind, dann existiert nirgendwo Nachfrage, die den Surplus kaufen könnte. Seine Antwort war: der Kredit hat dafür zu sorgen, den Surplus aufzusaugen und solcherart den Mehrwert zu realisieren.

    Heute hat sich die Ökonomie gänzlich zu einer kreditgetriebenen entwickelt. Aus dem vorgeschossenen Kredit lässt sich auf die Akkumulations-und Wachstumsdynamik der Ökonomie schliessen. Modelle dieser Art sind insofern interessant, weil sie den Verteilungsaspekt in den Vordergrund rücken. Das kreditgetriebene Wachstum stockt, wenn einzelne Kreditnehmer (Arbeitnehmerhaushalte, Staaten) überspannt sind. Ich denke, dass dies ein wichtiger Aspekt der aktuellen Krise ist.

    Alfred

  2. Alfred Felsberger

    Hallo Gerold,

    Mit dem gestrigen Tag hat die Krise eine neue Dimension gewonnen: Die französischen, belgischen und österreichischen Staatsanleihen sind gehörig unter Druck geraten. Der Spread zu den deutschen Staatsanleihen hat sich dramatisch erweitert. Selbst die finnischen und niederländischen Papiere wackeln. Die Krise ergreift ganz Europa.

    Ich erwarte, dass die EZB ihr Mandat ändern und unbegrenzt die europäischen Staaten finanzieren wird. Dies deshalb, weil die aktuelle Gleichgültigkeit der Aktienmärkte völlig unerklärlich ist. Noch vor zwei Monaten hätte ein Tag wie gestern einen Kurssturz von 4-7% ausgelöst.
    Aktien- und Anleihemärkte haben sich endgültig entkoppelt.

    Vorher jedoch wird das neoklassische Dogma europaweit in der Verfassung verankert , wie soeben in Österreich durch die „Schuldenbremse“ geschehen. Mit einem Wort: Die EZB wartet noch, bis die nationale Politik das neoliberale Regime verfassungsrechtlich installiert hat. Dann wird gehandelt.

    Ein weiteres Zögern und Zaudern der EZB würde die Kapitalbasis Europas untergraben, das Banken- und Versicherungssystem zur Gänze in die Knie zwingen. Soweit geht die Borniertheit der EZB nicht. Anders lässt sich die Gelassenheit der Aktienmärkte nicht erklären. Sie wissen, dass was Dramatisches in der Luft liegt.

    Alfred

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