Quer gedacht: die Verschrottung der bürgerlichen Welt

Das erste Paradoxon der europäischen Krise ist: dass Staaten schneller zusammenbrechen als Banken. Oder etwas genauer formuliert: Dass lange, bevor die Kundeneinlagen der Banken gefährdet sind, der Preis der Staatsanleihen verfällt. Nach allen historischen Maßstäben ist das ein unerhörter Vorgang. Denn wie kann eine Einlage bei einer Bank sicherer sein als eine Anleihe des jeweiligen Staates?

Das zweite Paradoxon lautet: dass Banken, deren Marktkapitalisierung und Anleihen entwertet sind, voll funktionsfähig bleiben. Oder anders formuliert: Dass die Einlagen noch immer nicht gefährdet sind, obwohl die Aktien und Anleihen der betroffenen Bank ins Bodenlose fallen. Das wirft die Frage auf: Wie kann eine Einlage besser geschützt sein als das Eigenkapital sowie das restliche Fremdkapital der Bank?

Beides ist im Grunde unmöglich. Geht, wie im ersten Fall, der Staat in die Knie, dann fallen die Banken als größte Gläubiger des Staates mit. Es fällt auch die Staatsgarantie auf die Einlagen und damit das ganze Kreditgeldgebäude. Im zweiten Fall ist mit der Entwertung des Eigenkapitals die Liquiditätsbeschaffung der Bank bedroht und die Weiterführung des operativen Geschäfts.

Die Frage lautet also: In welcher Wunderwelt leben wir eigentlich? Wie kann ein Staat wie Griechenland in Konkurs gehen, die Aktionäre und Anleihenbesitzer der griechischen Banken de facto enteignet werden, und gleichzeitig die Einlagen bei diesen Banken bestehen bleiben? Man erinnere sich an den Fall Argentinien: Mit dem Staatskonkurs waren auch die Einlagen verloren.

Die Antwort lautet: Die ehernen Gesetze des Eigentums sind im EU-Raum ausser Kraft gesetzt. Im Gegensatz zu Argentinien bleiben die Banken intakt, auch wenn der Staat als Hüter der Währung in Konkurs geht. Verantwortlich dafür ist die Konstruktion des Euro als übernationales Geld und der EZB als überstaatliche Zentralbank: Sie versorgt Banken mit Geldern, die sie den Staaten untersagt.

Die Verrückheit dieses Vorgangs springt sofort ins Auge. Wozu Banken retten und Staaten in Konkurs gehen lassen, wieso nicht Staaten retten und die Sicherung der Banken ihnen übertragen? Wieso nicht Staaten Kredit geben, dafür aber Banken? Wieso die Banken mit kurzfristigen Geldern versorgen, damit sie Staatsanleihen kaufen? Wieso die Staatsanleihen nicht selbst kaufen, ohne Umweg über die Banken?

Alle Begründungen, die auf Eigentümerinteressen abzielen, greifen zu kurz. Denn die Eigentümer der Banken werden genauso wie ihre Gläubiger im Regen stehen gelassen. Sie zahlen die Zeche für eine Politik, die Institutionen schützt und Eigentümer bestraft. Nicht ein Aktionär oder Gläubiger einer griechischen Bank profitiert von der Geldversorgung der EZB, nur die Institution Bank selbst.

Eigentum und Institution werden konsequent auseinandergetrieben, die Institution stellt sich auf die Hinterfüsse, plustert sich auf und tritt dem Eigentümer wie dem Gläubiger ins Gesicht. Nichts anderes passiert, wenn sich eine griechische Bank am Vormittag Geld bei der EZB holt und am Nachmittag eine Kapitalerhöhung durchsetzt. Die Rechnung bezahlen Aktionäre und Gläubiger.

Was ist das für merkwürdige Welt, die sich hier auftut? Institution vor Eigentum? Institution vor Gläubigerinteressen? Und vor allem: Bankenversorgung vor Staatsversorgung? Anders gesagt, lässt die EZB Banken am Leben, die nach allen Kriterien des Marktes keine Lebensberechtigung mehr haben. Mit den Staaten aber verfährt sie umgekehrt: Sie verweigert ihnen die Unterstützung.

Also, wir lernen: Institution vor Eigentum! Was heißt: Institution vor dem Bürger als Eigentümer. Und weiter: Institution vor Staat! Was heißt: Institution vor dem Bürger als Staatsbürger. Wir erleben also mit einem Wort: Die Verschrottung der bürgerlichen Welt über das Vehikel der Geldpolitik. Das Zugrabetragen alles dessen, was dem Bürger einst lieb war: Eigentum und Staat.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Bürgertum, Institutionen, Krise des Kapitalismus, Markt für Staatsanleihen, Public Debt

4 Antworten zu “Quer gedacht: die Verschrottung der bürgerlichen Welt

  1. Alfred,
    danke für diesen anregenden Beitrag.
    Kannst du einen tieferen Grund für das Prinzip ‚Institution vor Bürger‘ erkennen? Und wie lange wird diese Entwicklung deiner Meinung nach anhalten?

  2. Alfred Felsberger

    Hallo Gerold,

    „Institution vor Mensch“, man könnte auch sagen: „Entmenschlichung des Lebens“, ist ein Grundprinzip der Moderne. Es tritt zunnächst in Form des Verwaltungsstaats in Erscheinung, der den absolutistischen Staat, getragen vom Geschlecht, ablöste. Mit der Gründung der Aktiengesellschaft frisst sich die Institution in das Unternehmen hinein, indem es den Unternehmer zum Eigentümer und Nicht-Akteur degradiert.

    Das sind Entmenschlichungsprozesse, man könnte mit Nietzsche auch sagen: es sei Dekadenz, der Verlust von Lebenskraft. Das Leben wird zugunsten von Institutionen zurückgedrängt, das Tote nimmt überhand. Alle diese Institutionen entwickeln einen für sie charakteristischen Überlebenswillen, sie attrahieren Ressourcen und verleihen Macht. Der Einzelne existiert nur mehr im Geflecht der Institutionen.

    Zu fragen ist: Ob die Institutionalisierung das Profitprinzip gefährdet, ob es den Lebenswillen und die Initiative der marktwirtschaftlichen Prozesse abwürgt, ob es also eine widersprüchliche Entwicklung innerhalb der Moderne selbst ist. Denn es war das Profitprinzip, das die Institutionalisierung in Form des Verwaltungsstaats geboren hat, die nun wie ein Bumerang auf es selbst zurückschlägt.

    Alfred

  3. Liebe Freunde,
    versteh euren Katzenjammer sehr gut.
    So lang die Aktiva an Volksvermögen noch voll zur Besicherung reichen, werden die Banken nicht auf die Kreditvergabe verzichten wollen.
    Und die Politiker auf die Korrumpierung der Wähler durch kreditfinanzierten Stimmenkauf.
    Der österr.Bürger hat sich selbst schon am Weg nach Stalingrad verschrottet,damit bis heute seine Autorität eingebüßt.
    Trotzdem: wenn’s bald echt kracht,werden die Leut wieder normaler. Vorher nicht.

    Wieder frei (mit 2% Sparbuchzinsen) in die old economy zurückgekehrt,
    im Bewußtsein mit Bankaktien jetzt den großen Riss machen zu können-
    und darauf zu verzichten:
    euer
    Stefan(Gaudernak)

  4. Alfred Felsberger

    Hallo Stefan,

    der große Riss mit Bankaktien erinnert im Moment mehr an eine Abrissbirne: die Eigentümer werden konsequent enteignet. Dass am Ende des ganzen Wahns die Verstaatlichung der Institute steht, steht wohl außer Frage.

    Passieren wird’s freilich erst nach einigen weiteren Kapitalerhöhungen, d.h.: nach dem finalen Abschöpfen der Privaten. Und ja: Rallies wird’s immer geben, auch noch bei 3 Cents. Das ist das Spiel. Verdoppeln kann man immer…..

    Alfred

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