Monatsarchiv: Februar 2012

Sparen als Verzicht auf Zukunft ?

Werte Leser/innen,
Gerold hat immer noch einige Research-Aktivitäten vorpriorisiert, die ihn an seinem nächsten Blog-Beitrag hindern. Er geht davon aus, diesen unhaltbaren Zustand bis Anfang März überwunden zu haben.

Glücklicherweise springt Alfred mit dem folgenden Gastbeitrag in die Lücke (oder heißt das Bresche?):

Ja, es ist wahr: Das neoliberale Regime hat sich mit aller Härte und Brutalität in Europa durchgesetzt. Es wird sich so schnell niemand finden lassen, der das Ungetüm wieder zu vertreiben vermag. Schon werden die Köpfe gerade geschlagen und die Meinungen gleich gemacht. Spürst Du nicht auch die alles bezwingende Kraft, mit der die Ideologie zu Werke geht?

Es ist, als ob sich die Menschen im Sparzwang selbst gefunden hätten. Über Generationen vererbt, von Geburt an eingeübt, ist dem Bürger das Sparen viel zu lieb, als dass er es kritisch hinterfragen könnte. Eher ließe er sich die Hände abschlagen als seine eigene Borniertheit zu überwinden. Heißt nicht Sparen sich gegen die Unwägbarkeiten der Zukunft zu schützen?

Risiko und Sparen gehen unter den Verhältnissen der fortgeschrittenen Moderne eine verhängnisvolle Ehe ein. Umso mehr sich der Prozess globalisiert, umso stärker sich die Risiken ausdifferenzieren, desto notwendiger scheint es dem Bürger den entfesselten Kräften des Marktes den Willen zur Genügsamkeit gegenüberzusetzen. Das Maßlose wird mit Mäßigung zu zähmen gesucht.

Der Sinn des Sparens wird pervertiert. Anstatt zu investieren wird gespart um die Investition zu unterbinden, anstatt sich in Verzicht zu üben, um zukünftige Gewinne zu ermöglichen, wird auf die Gewinne der Zukunft einfach verzichtet. Wie der Profit entwickelt sich das Sparen zum Selbstzweck, zu einem auf sich selbst bezogenen Mechanismus, der mit jedem Schritt in eine Richtung einen weiteren erfordert.

Hat es je ein krasseres Missverständnis des eigenen geschichtlichen Verhältnisses gegeben, haben sich jemals Menschen mehr über ihre eigene Welt getäuscht? Während der Moderne vor sich hin spart und auf alle Gewinne der Zukunft vernichtet, belächelt er den Gottesglauben des Mittelalters, der den Wucher und die Prosperität unterband. Will noch jemand behaupten, dass der Moderne ein Aufgeklärter ist?

Viel zerstörerischer auf das Ganze als der Klassenkampf wirkt das mangelnde Verständnis des geschichtlichen Verhältnisses, indem man lebt. Solange der Bürger glaubt, den Profit durch Sparen reinstallieren zu können, ist ihm die Zerstörung des Ganzen sicher. Wozu noch an die Produktivkräfte glauben, die die Moderne überwinden? Sind wir nicht Zeuge einer historischen Selbstdemontage?

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