Monatsarchiv: Mai 2012

Schafft Arbeit für die Arbeitslosen – Teil 2: Anmerkungen zu den Ursachen

Können wir die Probleme der Eurozone lösen, wenn wir deren Ursachen missverstehen? – Wohl kaum.
Dies gilt dann auch für die Arbeitslosigkeit und angrenzende Probleme, wie etwa die wachsende Anzahl von Menschen, die im Prekariat leben (z.B. die ‚working poor‘).

Was nun sind die wesentlichsten Ursachen, und was ist deren Missverstehen?

Eine der überzeugendsten Analysen zu den Ursachen der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise stammt vom österreichischen Ökonomen Engelbert Stockhammer, der derzeit als Professor of Economics an der Kingston University London lehrt.

Engelbert Stockhammer

Engelbert Stockhammer

In seiner exzellenten Studie „Rising Inequality as a Root Cause of the Present Crisis“ (April 2012) zeichnet er ein instruktives Bild der Zusammenhänge:

Er beschreibt also zwei Hauptursachen, die seit Beginn der 1980-er Jahre wirksam waren, nämlich

  • die Deregulierung der Finanzmärkte, die privaten Haushalten und Staaten ermöglichte, vermehrt Schulden aufzunehmen.
  • sowie die immer ungleichere Einkommens- und Vermögensverteilung. Diese hätte ohne steigende Verschuldung zu einer signifikanten Schwächung der Binnen-Nachfrage geführt, da Bezieher geringerer Einkommen einen höheren Anteil ihres Einkommens konsumieren.

Die zunehmende Ungleichheit zeigt sich in den englischsprechenden Staaten insbesondere im spektakulären Wachstum der Top-Einkommen (so haben etwa die oberen 1% der Einkommensbezieher in den USA ihren Einkommensanteil um mehr als 10% gesteigert), während in den kontinentaleuropäischen Staaten besonders der dramatische Rückgang der bereinigten Lohnquote (etwa um 10% des GDP) auffällt.

Innerhalb der Staaten kam es mit dem steigenden Vermögen der Superreichen und der Deregulation der Finanzmärkte zur Einführung zahlreicher Finanzprodukte, die überdurchschnittliche Renditen versprachen. Wie sich nun im Rückblick zeigt, führte diese Entwicklung zu Asset-Bubbles, besonders bei Immobilien.

Für die globalen wirtschaftlichen Verflechtungen hingegen erwies sich die Herausbildung von zwei verschiedenen Wachstumsmodellen als relevant:

  • In den englischsprechenden Staaten sowie in Mittelmeer-Staaten kam es zu einem schuldengetriebenen Wachstumsmodell, begleitet von Leistungsbilanzdefiziten.
  • In Staaten wie Deutschland, Japan oder China kam es hingegen zu einem exportgetriebenen Wachstumsmodell, begleitet von Leistungsbilanzüberschüssen.

Stockhammer kommt also zur Schlussfolgerung, dass Einkommens- und Vermögensungleichheit im Zusammenspiel mit der Deregulation der Finanzmärkte die fundamentale Ursache der gegenwärtigen Krise und der mit ihr verbundenen Ungleichgewichte und Folgen darstellt.

Wie hingegen werden die Krisenursachen typischerweise missverstanden?

Im Binnen-Diskurs der Eurozone wird die Ursache der Krise hauptsächlich dem unverantwortlichen Handeln verschiedener Teilnehmer zugeschrieben, wobei systemische und strukturelle Fragen gar nicht erst diskutiert werden. Verursacher (’schuld‘) sind demnach

  • unverantwortliche Staaten, die sich immer weiter verschulden.
  • unverantwortliche Haushalte, die über ihre Verhältnisse leben.
  • unverantwortliche Banken, die uneinbringliche Kredite vergeben haben oder mit komplexen Finanzprodukten Verluste schreiben, und in der Folge staatliche Unterstützung benötigen.

Die Konnotation zwischen ‚Schulden‘ und ‚Schuld‘ wird dabei – hauptsächlich von konservativen Kräften – ganz zwanglos hergestellt.

Bei solchem Missverstehen liegt dann auch der Fehlschluss sehr nahe, dass die Krise überwunden werden kann, wenn die ‚unverantwortlichen‘ Teilnehmer wieder zu ‚verantwortlichem‘ Handeln gebracht werden.

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Ein Kommentar

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Schafft Arbeit für die Arbeitslosen – Teil 1: Zur Lage

Gemäß der am 2. Mai von Eurostat publizierten Arbeitslosendaten für März 2012 liegt die durchschnittliche Arbeitslosigkeit im Euroland (EA17) nunmehr bei 10,9% und ist damit um 1% höher als vor einem Jahr.

Besonders dramatisch war die Entwicklung im letzten Jahr in

  • Spanien: nun 24,1% und damit eine Steigerung der Quote um 3,3%
  • Griechenland: 21,7% (dies ist noch die Jänner-Zahl) – um volle 7% höher als im Jänner 2011
  • sowie in Portugal: 15,3% – eine Steigerung von 2,9%

Das folgende Bild (Quelle: Eurostat) stellt dies anschaulich dar:

Total Unemployment in Euroarea (January 1995 - March 2012)

Noch schlimmer die Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit im letzten Jahr in

  • Griechenland: 51,2% (Jänner 2012) – eine Steigerung der Quote gegenüber Jänner 2011 um 13,9%!
  • Spanien: 51,1% (März 2012) – und damit um 6,2% höher als im März 2011
  • Portugal: 36,1% (März 2012) – Quote um 8,5% höher
  • und Italien: 35,9% (März 2012) – und damit 7,6% mehr Jugendliche ohne Job

In Griechenland und Spanien ist damit jeder zweite arbeitsfähige und willige Jugendliche (Alter >15 und <25) Jahren arbeitslos. In Portugal und Italien mehr als jeder Dritte! Hier werden Hoffnungen zerstört, berufliche Entwicklungen und Familiengründungen verunmöglicht, und es wird von unserer Überfluss-Gesellschaft materielle Not erzeugt!

Eine grafische Darstellung dieser beunruhigenden Entwicklung:

Youth Unemployment in Euroarea (January 1995 - March 2012)

Es lohnt sich, die beiden Bilder einige Zeit auf sich wirken zu lassen. Dabei entsteht zumindest für den Autor dieses Artikels ein tiefer Unwille, die dargestellten Fakten einfach hinzunehmen.

Die jugendlichen und erwachsenen Arbeitslosen im Euroland – und darüber hinaus das Prekariat – verdienen unsere Solidarität mit ihrer Notlage, die überdies den von der UN-Vollversammlung im Jahr 1948 verkündeten Menschenrechten widerspricht.

Ein Auszug aus Artikel 23:

  • „Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.“
  • „Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“

Wir werden daher in einigen Folge-Beiträgen Überlegungen und Reform-Vorschläge zur Diskussion stellen.

Es ist an der Zeit, nicht nur die monetären Aspekte der Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern vor allem auch deren Opfer in den Mittelpunkt der Überlegungen zu stellen.

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