Schafft Arbeit für die Arbeitslosen – Teil 2: Anmerkungen zu den Ursachen

Können wir die Probleme der Eurozone lösen, wenn wir deren Ursachen missverstehen? – Wohl kaum.
Dies gilt dann auch für die Arbeitslosigkeit und angrenzende Probleme, wie etwa die wachsende Anzahl von Menschen, die im Prekariat leben (z.B. die ‚working poor‘).

Was nun sind die wesentlichsten Ursachen, und was ist deren Missverstehen?

Eine der überzeugendsten Analysen zu den Ursachen der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise stammt vom österreichischen Ökonomen Engelbert Stockhammer, der derzeit als Professor of Economics an der Kingston University London lehrt.

Engelbert Stockhammer

Engelbert Stockhammer

In seiner exzellenten Studie „Rising Inequality as a Root Cause of the Present Crisis“ (April 2012) zeichnet er ein instruktives Bild der Zusammenhänge:

Er beschreibt also zwei Hauptursachen, die seit Beginn der 1980-er Jahre wirksam waren, nämlich

  • die Deregulierung der Finanzmärkte, die privaten Haushalten und Staaten ermöglichte, vermehrt Schulden aufzunehmen.
  • sowie die immer ungleichere Einkommens- und Vermögensverteilung. Diese hätte ohne steigende Verschuldung zu einer signifikanten Schwächung der Binnen-Nachfrage geführt, da Bezieher geringerer Einkommen einen höheren Anteil ihres Einkommens konsumieren.

Die zunehmende Ungleichheit zeigt sich in den englischsprechenden Staaten insbesondere im spektakulären Wachstum der Top-Einkommen (so haben etwa die oberen 1% der Einkommensbezieher in den USA ihren Einkommensanteil um mehr als 10% gesteigert), während in den kontinentaleuropäischen Staaten besonders der dramatische Rückgang der bereinigten Lohnquote (etwa um 10% des GDP) auffällt.

Innerhalb der Staaten kam es mit dem steigenden Vermögen der Superreichen und der Deregulation der Finanzmärkte zur Einführung zahlreicher Finanzprodukte, die überdurchschnittliche Renditen versprachen. Wie sich nun im Rückblick zeigt, führte diese Entwicklung zu Asset-Bubbles, besonders bei Immobilien.

Für die globalen wirtschaftlichen Verflechtungen hingegen erwies sich die Herausbildung von zwei verschiedenen Wachstumsmodellen als relevant:

  • In den englischsprechenden Staaten sowie in Mittelmeer-Staaten kam es zu einem schuldengetriebenen Wachstumsmodell, begleitet von Leistungsbilanzdefiziten.
  • In Staaten wie Deutschland, Japan oder China kam es hingegen zu einem exportgetriebenen Wachstumsmodell, begleitet von Leistungsbilanzüberschüssen.

Stockhammer kommt also zur Schlussfolgerung, dass Einkommens- und Vermögensungleichheit im Zusammenspiel mit der Deregulation der Finanzmärkte die fundamentale Ursache der gegenwärtigen Krise und der mit ihr verbundenen Ungleichgewichte und Folgen darstellt.

Wie hingegen werden die Krisenursachen typischerweise missverstanden?

Im Binnen-Diskurs der Eurozone wird die Ursache der Krise hauptsächlich dem unverantwortlichen Handeln verschiedener Teilnehmer zugeschrieben, wobei systemische und strukturelle Fragen gar nicht erst diskutiert werden. Verursacher (’schuld‘) sind demnach

  • unverantwortliche Staaten, die sich immer weiter verschulden.
  • unverantwortliche Haushalte, die über ihre Verhältnisse leben.
  • unverantwortliche Banken, die uneinbringliche Kredite vergeben haben oder mit komplexen Finanzprodukten Verluste schreiben, und in der Folge staatliche Unterstützung benötigen.

Die Konnotation zwischen ‚Schulden‘ und ‚Schuld‘ wird dabei – hauptsächlich von konservativen Kräften – ganz zwanglos hergestellt.

Bei solchem Missverstehen liegt dann auch der Fehlschluss sehr nahe, dass die Krise überwunden werden kann, wenn die ‚unverantwortlichen‘ Teilnehmer wieder zu ‚verantwortlichem‘ Handeln gebracht werden.

Advertisements

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Arbeitseinkommen, Income Inequality, Krise der Arbeit, Krise des Kapitalismus, Profitrate, Wealth Inequality

Eine Antwort zu “Schafft Arbeit für die Arbeitslosen – Teil 2: Anmerkungen zu den Ursachen

  1. Alfred Felsberger

    Hallo Gerold,

    Danke für diesen Beitrag. Ich muss jedoch etwas klarstellen: Die steigende Verschuldung der Staaten, Haushalte und Unternehmen kann, wie Du richtig bemerkst, nicht Ursache der Krise sein, sondern nur deren Folge. Es war die Verschuldung aller, die die gesamtwirtschaftliche Nachfrage in den vergangenen Jahrzehnten hoch hielt. Ohne die Befeuerung der Nachfrage durch private Geldproduktion wäre der wirtschaftliche Prozess schon viel früher erlahmt..

    Umgekehrt aber kann auch die Ungleichverteilung der Einkommen nicht Ursache der Krise sein, sondern nur deren Folge. Denn wie kann etwas den Status einer Ursache beanspruchen, das für sich alleine genommen gar nicht existiert? Wer bestimmt die Verteilung, wo laufen die Entscheidungsprozesse ab, die die Einkommen festlegen? Der Verweis auf Liberalisierung und Deregulierung greift zu kurz. Es sind die Unternehmen, wo diese Entscheidungen fallen, dort sind, wenn überhaupt, die Kräfte zu suchen, die den Namen „Ursache“ verdienen.

    Mit einem Wort: Die Ökonomen drehen sich immer nur im Kreis. Sie suchen die Ursache und entdecken immer nur Folgen. Sie brechen irgendwo in den Kreislauf ein und nennen das Ursache. Dabei werden sie von politischem Wunschdenken getrieben. Jeder Ökonom sucht sich die Bruchstelle aus, wo er seine Ursache platzieren will. Und von dort aus soll dann der Staat handeln oder eben, wie bei den Liberalen, nicht handeln. Kann man das noch ernst nehmen?

    Alfred

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s