Gesellschaft mit beschränkter Gegenwart – ein Kommentar zu Joseph Vogl

Joseph Vogls Essay „Das Gespenst des Kapitals“ ist eine Arbeit in der Tradition Michel Foucaults, allerdings mit viel mehr Mut zur Provokation und zur Ableitung des „letzten Grundes“ geschrieben. Auch wenn im Stil archäologisch, so bemüht sich Vogl doch, Zusammenhänge zu konstruieren, was ihn weite Teile des Buches kritisch argumentieren lässt.

Die Arbeit kreist um zwei historische Daten: Das Jahr 1796, das den Zusammenbruch der Assignaten und die Geburtsstunde des ungedeckten Papiergeldes durch die Bank of England brachte. Was in Frankreich in einem Misserfolg enden sollte, trug in England ganz wesentlich zur Stabilisierung der Verhältnisse bei. Und als zweites epochales Ereignis: das Schließen des „Goldfensters“ durch Richard Nixon im Jahr 1971.

Die Abkehr vom Warengeld und die Hinwendung zum Kreditgeld, das sich in einem Hin und Her zwischen diesen beiden Daten entfaltete, ist von einer einschneidenden Veränderung der Marktökonomie begleitet. Im Zentrum des Geschehens steht nicht mehr der Ausgleich von Angebot und Nachfrage in der Gegenwart, sondern die Finanzierung von Investitionen auf Basis von Zukunftserwartungen.

Mit der Einführung des Kreditgeldes fällt die Unterscheidung zwischen Investition und Spekulation. Ab nun trägt alles ökonomische Handeln spekulative, auf die Zukunft gerichtete Züge. Mehr noch: Spekulant ist, wer sich nicht hedged, wer also nach den Begriffen der Vorzeit: nicht Spekulant ist. Dieses Oxymoron zeigt die Verkehrung der Verhältnisse durch das Heraufziehen des Kreditgeldes.

Wenn das Warengeld die Waren in der Gegenwart zusammenführte, dann transportiert das Kreditgeld das Geschehen in die Zukunft. Wie das Kreditgeld definitorisch nur Anspruch auf Geld ist, so wird alles Marktgeschehen in die Zukunft verlagert. Kreditgeld ist ein sich ewig wiederholendes und niemals einzulösendes Versprechen auf Rückzahlung.

Dieser auf die Zukunft gerichtete Handel trägt Züge des Zwangs. Was den Menschen abverlangt wird, ist die Unterordnung unter das Marktgeschehen. Es geht für die Teilnehmer, wie Keynes einmal sagte, nicht darum, die schönste Frau eines Wettbewerbs zu wählen, sondern die von allen vermutete Schönste. So wird eine Welt der unentwegten Veränderung von Erwartungen entlang einer linearen Zeitskala kreiert.

Der neue kapitalistische Prozess ist ein auf die Zukunft gerichteter Erwartungsraum, der sich nicht einmal mit der Gegenwart rückkoppeln muss. Das Spiel wird unentwegt nach vorne getrieben und erzeugt eine Gesellschaft mit beschränkter Gegenwart. Wertdenken wird durch Denken auf Basis von Unsicherheit überwunden, Methoden des Chancen- und Risikomanagements rücken in den Vordergrund.

In der Allianz von Kreditgeld und Informationstechnologie erfährt der Zeitbegriff eine radikale Uminterpretation: Zeit wird linear, gegenstandslos und ein Loch, in dem Geschichte versinkt. Der Markt wird zum Alles beherrschenden „Gespenst“, nie fassbar, weil immer in die Zukunft eilend. Hektisch bewegt er sich nach vorne. Der an den Markt geheftete Fetisch nimmt beängstigende Züge an, die Verhältnisse als Ganzes werden unfrei.

Der in die Zukunft gerichtete Markt ist so wenig rational wie der Gesellschaft dienend. Es sind Prozesse der „Entbettung“, denen wir gegenüberstehen. Der Markt löst sich von der Gesellschaft, von der Politik, ja vom menschlichen Leben und kreiert eine neue Welt. Sein Verlangen auf Unterordnung aller gesellschaftlichen Bereiche radikalisiert sich im Fortgang des Prozesses.

„Was tun?“, Herr Vogl. Hier bleibt der Autor überraschend schmallippig. Wohl verlangt er die Loslösung von der neoliberalen Weltsicht und die Schaffung einer neuen ökonomischen Theorie, aber Forderungen politischer Natur sind dem Archäologen fremd. Vielleicht ist es ja auch ehrlicher: zunächst einmal zu denken und innezuhalten, bevor man etwas fordert.

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Finanzmarkt, Geld, Gold, Kreditgeld, Krise des Kapitalismus, Reflexivität, Risikomanagement

5 Antworten zu “Gesellschaft mit beschränkter Gegenwart – ein Kommentar zu Joseph Vogl

  1. Alfred,
    mit diesem Text ist dir ein großer Wurf gelungen. Ich freue mich, dass er in diesem Blog veröffentlicht werden konnte. Auch glaube ich einen kleinen Nachklang aus unseren Gesprächen beim Wandern zu vernehmen, in denen wir beim Verständnis des Geld- und Kreditbegriffs ein Stück voranschritten.

    Hoffentlich gelingt es in der Zukunft einem von uns, auch die Überlegungen zu den Begriffen Staatsschuld, Staatsgeld und Staatskapital ähnlich gut zu formulieren, wie dir das mit diesem Text gelungen ist.

    Dein Kommentar zu Vogls ‚Gespenst‘ zeigt klar, wie sich im kredit- und IT-getriebenen Finanzkapitalismus wirtschaftliches Handeln in den Erwartungsraum, und damit ins Vermutete, ins Geglaubte und Irreale verschoben hat, und welche Zwänge daraus folgen. Wir sind nun weit entfernt von der Vorstellung, dass es am Markt hauptsächlich darum geht, dass ein reales Angebot (Waren und Dienstleistungen) mit realer Nachfrage (den realen Bedürfnissen potenzieller Käufer) zusammentrifft. Vielmehr wird in einem beängstigenden Ausmaß unablässig auf Zukunft gewettet.

    In der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt sich, dass uns am Weg in diese Zukunft zahlreiche Tretminen in Form von nie aufhörenden Wettverlusten mächtiger und ’systemrelevanter‘ Spieler erwarten, die durch die laufende Verwandlung von Zukunft in Gegenwart automatisch detonieren. Wie wir als Gesellschaft mit diesen Tretminen umgehen, wird von einiger Relevanz sein und stark über die Verteilung von Armut und Reichtum mitentscheiden.

    • Christian Hofmann

      Den Finanzmarkt und die Banken wieder zur Dienstleistung zurückzuführen,dazu haben wir schon genügend Konzepte auf dieser Webseite und auch genügend konkrete pragmatische Umsetzungsschritte von seiten der EU gehört. Die Frage ist nur ob sie rasch genug in dem heterogen politischen Biotop der EU und Weltwirtschaft beschlossen und umgesetzt werden können. Wie befriedigt die Politik oder noch besser wie schaltet sie den Einfluß der Lobbies der Finanzdienstleiter und Unternehmer aus, um gerechtere Wirtschaftssysteme zu schaffen? Hängen die EU-Politiker nicht selbst persönlich an deren Gängelband? Siehe Beispiele von EU-Politikern, die bei Abwahl als gutbezahlte Berater, Lobbyisten, Aufsichtsräte globaler Unternehmen oder Finanzdienstleister landen.

      Was mich noch mehr bewegt ist die Tatsache, dass – wenn wir die EU mit einem Projekt vergleichen – wir ständig über Finanzierung und Projektstruktur (wer spielt mit, wer hat welche Machtposition) reden, aber nie über die Projektziele und schon gar nicht über die Projektaufgaben.
      Am Beispiel des Teilprojekts Griechenlandrettung: Nach einer Assetbewertung müßte eine Vision entwickelt werden, welche Branchen, Wirtschaftssektoren sollen in 10 Jahren wie stark sein, was soll regional wieder produziert und angebaut werden, kann Griechenland unter Kosten/Nutzen-Aspekten ein Energielieferant für ganz Europa sein. Aus dieser Vision und den daraus angeleiteten Zielen werden Aufgaben abgeleitet, die es rein kaufmännisch wert sind, umgesetzt zu werden. Dann erst überlegt man sich die Finanzierung, z.B. Mittel aus Hahn´s Regionalförderungstopf, aber auch wie soll Griechenland in Zukunft gemanagt werden, wieviel Staatsanteil, welche Sozialpartnerstrukturen, Steuerpolitik. Geht man nicht so an die Lösung der Krise, werden, wie in der der Wirtschaft bei großen Projekten auch üblich, Fremdanbieter ohne wirtschaftpolitische EU-Steuerung sich die besten Stücke aus der Beute holen ohne Rücksicht auf die Wertvorstellungen von good old Europe. Mehr visionäre gesamtheitliche aktive Wirtschaftspolitik der EU ist gefordert, nicht nur finanzpolitisches Reagieren!

      • Alfred Felsberger

        Lieber Christian,

        in gewisser Hinsicht stimme ich zu, in gewisser nicht. Das Problem, das uns plagt, heisst: Vertrauen und Kalkulierbarkeit. Soweit hast Du recht. Wer investiert schon gerne in einem Europa, von dem er nicht weiss wie es aussehen wird, welche Länder welche Währungen haben werden, welche Institutionen welche Rollen übernehmen, ob die Staaten so bleiben wie sie sind oder auch nicht. Eine Investition in diesem Raum erinnert an das Schiessen auf ein bewegliches Ziel. Das kann nicht gut gehen.

        Andererseits geht die Unsicherheit ganz erheblich von den Finanzmärkten aus und weniger von der alltäglichen Politik, wie Infrastruktur, Steuern, etc. Wenn ich eine Institution nennen müsste, die rundum versagt, dann ist es die EZB. Eine gemeinsame Währung zu haben, heisst: ein gemeinsames Konto zu führen, dem Partner freien Zugriff auf Liquidität zu gestatten. Das findet weder im Verhältnis der Notenbanken untereinander noch zwischen den Staaten und Notenbanken statt.

        Wenn man US-Zeitungen wie das WSJ liest, begegnet einem sprachloses Staunen über die Unfähigkeit der Europäer die Rolle einer Notenbank zu verstehen. Gewiss: Die Deutsche Bundesbank konnte aufgrund ihrer Überschüsse über Jahrzehnte eine restriktive Geldpolitik betreiben, doch die EZB kann es in dem veränderten Umfeld nicht. Dies nicht verstehen zu wollen, ist die Ursache der misslichen währungspolitischen Lage. Und von diesem Konstruktionsfehler aus wälzt sich die Unsicherheit durch das ganze System.

        Alfred

      • Alfred Felsberger

        Das erste, was zu tun wäre, quasi als Sofortmassnahmen bevor man alle anderen Schritte der Integration setzt, ist die Garantie zu geben: dass kein weiterer Staat in Konkurs geht. Denn wie sollten sich Investoren in einem EU-Staat finden, dessen Umlaufrendite den nahenden Konkurs anzeigt? Das kann auf viele Arten erreicht werden: durch eine Absichtserklärung der EZB, durch das Ausrufen einer Zinsobergrenze für Staatsanleihen oder durch den aggressiven Aufkauf der Papiere. Das sinnlose Bluten muss ein Ende haben bevor man zu denken beginnt.

        Mit der Stabilisierung der Anleihemärkte würde sich die Lage rasch beruhigen. Aktien, Staatsanleihen und Edelmetalle würden steigen. Man würde sich wichtige Zeit kaufen, um das Projekt Europa nach vorne zu treiben. Und nicht nur das: Die massive Verschränkung der nationalen Notenbanken würde das Gesamtziel unmissverständlich vorgeben. Nicht mehr: Austritt eines Landes, sondern Integration stünde dann auf der Tagesordnung. Und die Märkte hätten endlich ein festes Ziel, auf das sie sich einrichten können..

        Alfred

  2. Alfred Felsberger

    In Europa droht ein Flächenbrand, das Verschwinden der elektronischen Bytes, die nur Kreditgeld sind. Ausgehend von Griechenland, das als Exerzierfeld dienen durfte, droht sich diese Kernschmelze nach Spanien, Italien und weiss Gott wohin zu verlagern. Wenn es brennt, muss gelöscht werden. Und das einzige Wasser, das wir haben, ist die EZB und ihre Fähigkeit dahinschmelzende Partikel zu sterilisieren. Was wir am wenigsten im Moment benötigen, sind philosophische Gedankenübungen und nationale Ressentiments, die sich in Geldeinheiten rechnen.

    Nur leider ist das Subjekt, mit dem wir es zu tun haben, so wenig rational wie ein Menschenfreund. Wenn das Haus brennt, schreit der brave Bürger: „Um Gottes willen, nur nicht vor meiner Tür!“ Nachbarschaftlche Hilfe ist dem bürgerlichen Code nicht einprogrammiert, so sehr das Christentum das auch verlangen möchte. In einem gewissen Sinne ergeht es uns Europäern wie Ikarus, der aus Übermut und Borniertheit gegen die Sonne flog. Doch wer will schon aus der griechischen Mythologie was lernen?

    Alfred

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