Vom Münzgeld zum elektronischen Kreditgeld – eine Polemik

Wir haben uns in der Welt der „Geldzeichen“ (K.Marx) schon sehr, sehr weit ins Abseits bewegt. War die Einlage historisch ein Depositum, so gilt sie heute als Verbindlichkeit der Bank gegenüber dem Kunden. Wie so oft hat die Rechtslage die Metamorphose des Geldes bloß sanktioniert, indem sie es von einer Ware zu einem Kreditverhältnis stempelte.

Um sich die Verrücktheit des Vorgangs vor Augen zu führen, versetze man sich in die Lage eines neuzeitlichen Händlers, der seine Silbermünzen bei einem Bankier hinterlegt und im Gegenzug eine Geldnote erhält. Diese Note mag als Geld zirkulieren und doch war jedem klar, dass es sich nur um einen Stellvertreter, ein Zeichen, handelt.

Man stelle sich ferner vor, dass es der Bankier gewagt hätte mehr Noten als Silbereinlagen auszugeben mit dem Argument, dass die Einlösung der Noten nur sehr sporadisch stattfinde, was ihm erlaube die Zahl der Zeichen zu erhöhen. Der Betrug wäre aufgeflogen und der Tisch des Bankiers wäre von einer wütenden Menge zerbrochen worden („banca rotta“).

Anders heute: Niemand sieht in einer Einlage ein Depositum, das zu verwahren ist und jeder akzeptiert, dass es als Kreditvertrag gehandhabt wird. Die deponierten Geldnoten werden durch eine Buchung bestätigt und jeder wiegt sich in dem Glauben, die Buchung zu jeder Zeit in Bargeld eintauschen zu können. Allein: Die Dinge stehen anders.

Woher kommt diese Selbsttäuschung? Stammt sie aus der Tatsache, dass als Geld heute Noten fungieren und nicht Silbermünzen? Wäre es unsereinem verständlicher, dass die Einlage ein Depositum ist, wenn wir statt des Bargeldes Silbermünzen bei der Bank einzahlen würden? Wohl kaum. Solange wir das Gefühl haben, dass die Bank das Silber liefert, ist die Frage des Geldes irrelevant.

Stammt die Selbsttäuschung aus der Elektronik, aus dem ungeheuren Vorgang, dass die Einlage als bloßes Zahlenwerk mit einem Vorzeichen abgebildet wird? Wäre es uns verständlicher, dass es sich bei der Einlage um ein Depositum handelt, wenn die Bank zu einer handschriftlichen Bestätigung gezwungen würde? Wahrscheinlich, zumindest liegt das der Wahrheit schon näher.

Die Aushöhlung der Einlage, ihre Reduktion auf ein Kreditverhältnis im Bewusstsein der Menschen, hat also irgendwo auf dem Weg zwischen Verbuchung und Elektronik stattgefunden, das heißt zeitlich fixiert: im zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Und dieses Bewusstsein wurde institutionell und rechtlich sanktioniert, nicht nur in Bezug auf die Einlage sondern auch durch die Schließung des „Goldfensters“.

Dass aber die Uminterpretation der Einlage in ein Kreditverhältnis den alten Trick der italienischen Bankiers wiederbelebte, ist uns bis heute nicht ausreichend bewusst. Wie damals die Bankiers die Einlage zur Ausgabe von überschüssigen Noten missbrauchten, verwenden sie heute das Depositum für die Eröffnung eines Kreditverhältnisses mit einem Dritten und erhöhen dadurch die Zirkulation der Buchungen.

Geld ist, streng auf Basis des Depositums definiert, die Summe aller Noten und Münzen. Alle Sichteinlagen, die darüber hinaus geschaffen werden, sind Buchungen, privat produziertes, aus dem Nichts geschöpftes Geld. Dass die Bankiers von heute noch weiter als ihre Vorgänger gehen, zeigt der verrückte Vorgang, für dieses Geld auch noch Zins zu verlangen.

Was wäre mit einem italienischen Bankier passiert, der seine ausgegebenen und durch Einlagen nicht gedeckten Noten mit einem Zins versehen hätte? Der es gewagt hätte, auf durch Silber nicht gedecktes Geld, ein Einkommen zu verbuchen? „Banko rotto“ wäre es nicht gewesen, aber mit Sicherheit ein geächteter, wenn nicht bestrafter Bankier.

Wir mögen mit diesem Betrug heute leben, auch weil wir ihn nicht hinreichend verstehen. Nur das Kapital, das sich hart aus der Produktion nährt, hat für diese Art von Geld- und Zinsvermehrung keine Ressourcen über. Mit jedem Jahr, wo das aus dem Nichts geschöpfte Geld die Zinseinnahmen vermehrt, sinkt der Anteil des produktiven Kapitals am Kuchen ab. Und das ist das Drama der heutigen Lage.

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