KPI Meditation (1) – Die Arbeitseinkommensquote

Mit diesem Posting übernehmen wir das in der Unternehmenswelt so beliebte Konzept des Key Performance Indicator, um über die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise nachzudenken.

In der deutschen Wikipedia findet sich zur holprig-deutschen Übersetzung ‚Leistungskennzahl‘ keine Eintragung. Zu ‚Key Performance Indicator‘ hingegen wird erläutert:

„Der Begriff Key Performance Indicator (KPI) bzw. Leistungskennzahl bezeichnet in der Betriebswirtschaftslehre Kennzahlen, anhand derer der Fortschritt oder der Erfüllungsgrad hinsichtlich wichtiger Zielsetzungen oder kritischer Erfolgsfaktoren innerhalb einer Organisation gemessen und/oder ermittelt werden kann (siehe auch Betriebswirtschaftliche Kennzahl).“

Die Arbeitseinkommensquote gilt als grober, aber zuverlässiger KPI für die funktionale Verteilung des Einkommens zwischen Profiten und Arbeitseinkommen. Sie ist der Anteil des Arbeitsentgelts (Arbeitnehmerentgelt + kalkulatorischer Unternehmerlohn) am Volkseinkommen und wird durch Verschiebungen im Verhältnis von abhängig zu selbstständig Erwerbstätigen kaum beeinflusst. Üblicherweise wird das Brutto-Arbeitsentgelt (vor Sozialversicherungsabgaben und Lohnsteuer) verwendet.

Engelbert Stockhammer

Engelbert Stockhammer

Stockhammer bringt in seiner aktuellen Studie ‚Rising Inequality as a Root Cause of the Present Crisis‘ den Rückgang der Arbeitseinkommensquote (adjusted wage share) als Krisenursache für Kontinentaleuropa ins Spiel.

Joseph Stiglitz

Joseph Stiglitz

Stiglitz stellt für die USA u.a. in seinem Buch ‚The Price of Inequality‘ dar, dass steigende Einkommens- und Vermögensungleichheit das Wachstum hemmt und Instabilität – also Finanz- und Wirtschaftskrisen – begünstigt.

Grund genug, diesem Thema für die Eurozone noch etwas detaillierter nachzugehen.

Die Arbeitseinkommensquote in den Staaten der Eurozone seit 1980

Sehen wir uns dazu ein erstes Bild für jene Eurozone-Staaten an, für die zumindest ab 1980 Daten vorliegen:

Der Abwärtstrend ist deutlich zu erkennen. Doch welche Bedeutung hat diese Entwicklung? Und warum beginnen wir den Chart im Jahr 1980? Zunächst zur zweiten Frage.

Globalisierung

Jacques de Larosière, ehemaliger IMF Direktor und Gouverneur der Banque de France, sagt in seinen Reflexionen zur Geschichte der Globaliserung über deren aktuelle Phase:

„After the second world war, the Bretton Woods system tried to rebuild a certain order based on gradual liberalisation of international trade and the abandonment of competitive evaluations under the authority of the IMF. This system worked rather well in spite of the end of the fixed exchange rate in 1971.

Then the deregulation of the 80’s and the „thatcherian“ reaction against the excesses of state interventionism have led to a new phase of globalisation, the one we know today. The end of the planified soviet system of economies in 1989 accelerated the process and now China and India are intergrated in the world system.“

Wir befinden uns also in einer neuen und intensiven Phase der Globalisierung, die Anfang der 1980-er Jahre begann.

Arbeitseinkommens-Verluste

Um die Bedeutung dieser Entwicklung besser zu verstehen, wollen wir uns zunächst am Beispiel des Jahres 2013 ansehen, welche jährlichen Verluste an Arbeitseinkommen im Vergleich zu 1980 – unserem Referenzjahr – auftreten. Für das Jahr 2013 handelt es sich natürlich noch nicht um tatsächliche Verluste, sondern um prognostizierte.

Arbeitseinkommens-Verluste in der Eurozone, in Prozent des GDP
Staat Verlust 2013
Belgien -5,0
Deutschland -5,5
Irland -21,2
Griechenland -12,4
Spanien -15,4
Frankreich -7,8
Italien -12,4
Luxemburg -10,2
Niederlande -9,1
Österreich -8,9
Portugal -12,6
Finnland -7,1



Die folgende Grafik stellt den Sachverhalt anschaulich dar (Grafik anklicken für ein vergrößertes Bild):

Offene Fragen

An dieser Stelle ergeben sich einige weitere Fragen zu den Auswirkungen der Arbeitseinkommens-Verluste, mit denen wir das heutige Posting abschließen wollen:

  • Wenn die Arbeitseinkommens-Quote um 10% des GDP sinkt, und die Gewinnquote in demselben Ausmaß steigt, wie verändert sich die Nachfrage nach Investitions- und Konsumgütern?
  • Wenn das Brutto-Arbeitseinkommen um 10% des GDP sinkt, was bedeutet dies für das Haushalts-Nettoeinkommen?
  • Gibt es eine Arbeitseinkommensquote, die als zu niedrig angesehen werden kann, und woran würde man sie erkennen?
  • Wie kann die Gesamtnachfrage (aggregate demand) überhaupt aufrechterhalten werden, wenn die Arbeitseinkommensquote signifikant sinkt?
  • Ab wann würde in einem solchen System massive Arbeitslosigkeit – wie etwa derzeit in Spanien und Griechenland – auftreten?
  • In welchem Ausmaß hat seit 1980 die Erhöhung des Kreditvolumens die reduzierte Nachfrage der Haushalte kompensiert und damit die Entstehung beträchtlicher Arbeitslosigkeit in die Zukunft verschoben?

Wir hoffen, unsere gelegentlichen Leser/innen angeregt zu haben und behalten uns vor, die eine oder andere der gestellten Fragen in einem Folge-Posting zu vertiefen.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Arbeitseinkommen, Arbeitsmarkt, Krise der Arbeit, Krise des Kapitalismus, Profitrate, Wirtschaftswachstum

2 Antworten zu “KPI Meditation (1) – Die Arbeitseinkommensquote

  1. A. Felsberger

    Man kann es sehr einfach auf den Punkt bringen: Jede Gesellschaft, die ein nennenswertes Mehrprodukt schafft, muss es zwischen Luxuskonsum und Investition aufteilen. Keine wäre so töricht sich des Luxuskonsums, das heisst: des Konsums über die Grenzen der Reproduktion hinaus, zu entsagen. Im Kapitalismus aber ist dieses „Luxuskonsumverbot“ strukturell angelegt, indem erstens: das Einkommen der Arbeiter auf das Reproduktionsniveau festgelegt ist, und zweitens: die Kapitalisten zu wenige sind und sich noch dazu zu schnell erschöpfen. Anders gesagt: Die Arbeiter wollen Luxus konsumieren, können aber nicht, die Kapitalisten könnten konsumieren, wollen aber nicht. Das ist des Dramas erster Teil.

    Der Luxuskonsum macht gerade einmal 1-2% des BSP aus. Das ist für eine Gesellschaft, die ein Mehrprodukt erzeugt, entschieden zu wenig. Stattdessen sucht der Kapitalismus zwanghaft nach Investitionschancen und findet sie nicht. Er türmt Produktionsmittel auf, höher und höher, bis sie zu Luftschlösser werden. Er weiss nicht was tun mit seinem Mehrprodukt, denn seine innere Stimme verweigert den Konsum. In seiner Verzweiflung zieht er unprofitable Investitionen dem Konsum vor, abzulesen an den Überkapazitäten, die sich allerorts bilden. Nach dem Motto: Besser das Vermögen durch Verluste zu vernichten als es zu konsumieren. Und das ist der Schlussakt des unwürdigen Schauspiels.

  2. A. Felsberger

    Irgendwo bei Karl Marx steht das Diktum, dass der letzte Grund aller Krisen die Armut und Konsumtionsbeschränkung der Massen sei. Er hätte hinzufügen sollen: Und die Beschränktheit der Kapitalisten ihr Mehrprodukt zu konsumieren anstatt es unentwegt aufs Neue zu investieren. Ohne Luxuskonsum erstickt die Welt in Produktionsmitteln, die abgeschrieben und brachgelegt als Mahnmal für zukünftige Generationen in die Höhe ragen. So vererbt jede Zivilisation der nächsten ihre Geschichte und ihr ganz persönliches Drama. Und nicht nur ihren technologischen Stand.

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