KPI Meditation (2) – Der fiskalische Multiplikator als Grenzgänger zwischen Religion und Wissenschaft

Dies ist der zweite Teil einiger kleiner Meditationen über wirtschaftliche Key Performance Indicators (KPIs) – Kennzahlen, an denen sich Politik orientiert oder orientieren sollte. Teil 1 zur Arbeitseinkommensquote – eine Kennzahl, die mehr Beachtung verdient, findet sich hier.

Begriff und Entstehung

Der fiskalische Multiplikator gibt – vereinfacht gesprochen – an, wie sich eine veränderte Fiskalpolitik auf die Wirtschaftsleistung (GDP: Gross Domestic Product) auswirkt. Eingeführt von Richard F. Kahn und diskutiert von J0hn Maynard Keynes im 10. Kapitel seines einflussreichen Werkes ‚The General Theory of Employment, Interest and Money‘, ist der fiskalische Multiplikator seit dem Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

John Maynard Keynes

John Maynard Keynes

Aktuelle Bedeutung

Für die Eurozone wird mit Hilfe des fiskalischen Multiplikators von internationalen und nationalen Institutionen vorausgesagt, wie sich Budgetkonsolidierungen auf das GDP auswirken.

An einem Beispiel:
Konsolidiert Spanien sein Budget durch Steuererhöhungen oder Reduktion von Staatsausgaben um 2% des GDP und beträgt der fiskalische Multiplikator 0.5, dann bewirkt dies eine Reduktion des GDP um 1%. Beträgt der fiskalische Multiplikator hingegen 1.5, dann reduziert sich das GDP um 3%. Auch negative Multiplikatoren sind denkbar: die Wirtschaftsleistung würde demnach dann steigen, wenn der Staat spart. Dieser Glaube wird vom Keynesianer Paul Krugman gerne als ‚Confidence Fairy‘ – die gute Fee der Zuversicht – bezeichnet.

Aus dem fiskalischen Multiplikator werden weitere wichtige Indikatoren abgeleitet: Prognosen zum Verhältnis von Staatsschuld zu Wirtschaftsleistung (Debt-to-GDP Ratio) sowie zur Zunahme oder Abnahme der Arbeitslosigkeit. Verschätzt man sich und ist der Multiplikator bei Konsolidierungen höher als gedacht, ergeben sich unangenehme Konsequenzen: das GDP sinkt stärker als geplant, die Debt-to-GDP Ratio könnte sich verschlechtern statt verbessern, und zahlreiche Menschen werden zusätzlich der Arbeitslosigkeit preisgegeben.

Eine fröhliche Wissenschaft

Die für die Eurozone wichtigsten Prophezeihungen stammen von den Sehern und Seherinnen des Internationalen Währungsfonds (IMF – International Monetary Fund)  und der EU-Kommission. Sie bedienen sich für ihre Orakel einer Glaskugel namens Makroökonomie. Allerdings behaupten sie, dass es sich nicht um eine Glaskugel, sondern um Wissenschaft handelt. Es hat jedoch den Anschein, als seien ihre Gedanken bisher nur die Schatten ihrer Empfindungen gewesen.

Nun, Physiker pflegen einigermaßen einig darüber zu sein, dass ein mit 70 km/h vorwärts fahrendes Auto in einer Stunde etwa 70 km in Fahrtrichtung zurückgelegt haben wird. Anders  jedoch Ökonomen, wenn sie ihre seltsamen Fachdiskussionen über den fiskalischen Multiplikator führen: sie wären in unserem Beispiel  nicht einmal darüber einig, in welche Richtung die Reise geht. Konservative Ökonomen meinten etwa zu Obamas expansivem Fiskalpaket Anfang 2009, dass kein positiver Einfluss auf GDP und Arbeitslosigkeit zu erwarten sei. Zusätzliche Staatsausgaben würden in der Hauptsache private Ausgaben verdrängen, und Haushalte würden in der Erwartung von Steuererhöhungen unverzüglich zu sparen beginnen, da sich ja der Staat das zusätzlich ausgegebene Geld umgehend zurückholen müsse.

Umso erstaunlicher liest sich daher die Selbst- und Fremdkritik des Internationalen Währungsfond (IMF) in seinem im Oktober erschienenen World Economic Outlook  ( Seite 41 ff):

„Are We Underestimating Short-Term Fiscal Multipliers?
… The main finding, based on data for 28 economies, is that the multipliers used in generating growth forecasts have been systematically too low since the start of the Great Recession, by 0.4 to 1.2, depending on the forecast source and the specifics of the estimation approach. Informal evidence suggests that the multipliers implicitly used to generate these forecasts are about 0.5. So actual multipliers may be higher, in the range of 0.9 to 1.7.“

Ist der Multiplikator größer als 1, dann handelt es sich bei restriktiver Budgetpolitik um einen Schuss, der nach hinten losgeht. Nun, was sagt die Empirie – wie war es denn tatsächlich, z.B. zwischen 2009 und 2011 in jenen Eurozone-Staaten, bei denen es zu einer nennenswerten fiskalischen Konsolidierung (mehr als 0.5% des GDP) kam? Da der IMF in seinem dicken Werk mit dünner, aber immerhin existenter Selbstkritik das Ausmaß der fiskalischen Konsolidierung nicht wirklich klar darstellt, verwenden wir als bestverfügbare Annäherung die Berechnungen von Jean-Michel Six und Sophie Tahiri von Standards & Poors.

Fiskalischer Multiplikator 2009-2011 für ausgewählte Eurozone-Staaten (Six & Tahiri, 25.9.2012)

Staaten Fiskalische
Konsolidierung
(% des GDP)
Reduktion der Wirtschaftsleistung
(% des GDP)
Fiskalischer
Multiplikator
Griechenland 11.9 18.1 1.5
Portugal 7.3 4.8 0.7
Irland 4.1 13.5 3.3
Spanien 3.4 7.1 2.1
Frankreich 1.5 1.5 1.0
Italien 0.7 0.9 1.3
Durchschnitt 4.8 7.7 1.6

Für Eurozone-Staaten mit fiskalischem Konsolidierungsbedarf > 0.5 % lag also der durchschnittliche fiskalische Multiplikator bei etwa 1.6.

Wachstumsprognosen der Troika und Realität

Wir werfen noch einen kurzen Blick auf die bisherigen Wachstumsprognosen der Troika, mit anerkennender Erwähnung von Jesse Frederik von ‚Follow the Money‘. Die folgende von ihm erstellte Grafik zeigt übersichtlich die Troika-Prognosen zum griechischen Wirtschaftswachstum und vergleicht sie mit der tatsächlichen Entwicklung – ein Leckerbissen für alle Freunde der Visualisierung.

Troika GDP Prognose 2007-2012Quelle: Follow the Money, Datum: 13.11.2012

Troika GDP Prognose 2007-2012
Quelle: Follow the Money, Datum: 13.11.2012

Es fällt auf, dass bei aufeinanderfolgenden Voraussagen die Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Erholung zunimmt. Je weniger sich also der alte Glaube erfüllte, desto stärker wurde an ihm festgehalten – dies nur als bescheidener Hinweis für Religions-Soziologen.

Schlussfolgerungen und Ausblick

  • Der desaströse Zustand der Mainstream-Makroökonomie führte zu einer gewaltigen Unterschätzung der fiskalischen Multiplikatoren für Eurozone-Staaten mit fiskalischem Konsolidierungsbedarf.
  • Daraus ergab sich eine wesentlich höhere reale Wirtschaftsschrumpfung (Priester der Ökonomen-Kaste ziehen den Begriff ’negatives Wachstum‘ vor) und Arbeitslosigkeit als angenommen. Auch die Debt-to-GDP Ratio konnte nicht wie vorgesehen verbessert werden.
  • Es entsteht ein erhöhter Finanzierungsbedarf für Eurozone-Problemstaaten.
  • Eine zuverlässige fiskalische Stabilisierungspolitik ist in weite Ferne gerückt, wie am ‚Frontrunner‘ Griechenland erkennbar. Die gegenwärtige Fiskalpolitik der Eurozone ist als erfolglos zu qualifizieren und dabei, jegliches Vertrauen zu verspielen.
  • Eine offene Diskussion alternativer Lösungsansätze ist dringend geboten.

Eine separate Aufgabenstellung wäre eine erkenntnistheoretisch orientierte Kritik der bisherigen ökonomischen Wissenschaft und ihrer Methoden, am Beispiel des fiskalischen Multiplikators. Ein guter Philosoph hätte seinen Spaß daran.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Eurozone Optionen, Public Debt, Schuldenbremse, Sparen, Wirtschaftswachstum

4 Antworten zu “KPI Meditation (2) – Der fiskalische Multiplikator als Grenzgänger zwischen Religion und Wissenschaft

  1. Christian Hofmann

    Ein Super-Artikel über die Hilflosigkeit und Methodenstarre von Makro-Ökonomen. Auf deren Expertise vertrauen Politiker und treffen dann Entscheidungen, machen Aussagen in der Öffentlichkeit (z.B. griechische Minister über die baldige Erholung ihrer Wirtschaft).
    Ad angesprochene Lösungsansätze:
    – Bandbreiten bei den Prognosen, Einführung von Bedingungen, Wahrscheinlichkeiten – also Anwendung lange bekannter statistischer Methoden
    – Pönale für Fehlprognosen wie z.B. „Institut X, MAkro-Ökonom Y darf 6 Monate lang keine Prognose mehr veröffentlichen“, weil er mehr als 50% daneben lag
    – Schulung für Politiker a) Ökonomie b) Entscheidungstheorie c) Hinterfragung von Expertenmeinungen

    • Christian: der fiskalische Multiplikator hat auch eine Tradition, politisch-ideologisch instrumentalisiert zu werden.

      Neoklassische Ökonomen, liberale und konservative Politiker sowie Kapitalvertreter neigen häufig dazu, den (immer nur als ineffizient wahrgenommenen) Staat als Bürde für die Wirtschaft zu sehen, der die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen und des Standortes behindert. Sie argumentieren wenn möglich auch in der Krise, dass der Multiplikator relativ niedrig ist (deutlich kleiner als 1). Keynesianische Ökonomen, Mitte-Links-Politiker und Arbeitnehmervertreter stehen einem antizyklischen Eingreifen des Staates in der Krise positiver gegenüber und argumentieren mit einem höheren Multiplikator (deutlich größer als 1). Die Realität in der Eurozonen-Krise scheint ihnen in der Multiplikator-Diskussion bisher Recht zu geben.

      Der wissenschaftliche Gehalt ist jedoch auf beiden Seiten wenig überzeugend. Man hat sich jahrzehntelang nicht um gute historische Daten zu diesem Thema gekümmert, differenziert manchmal begrifflich nicht ausreichend (sprechen wir jetzt von Einnahmen-Erhöhungen oder Ausgaben-Senkungen?, von Impact-Multiplier oder aufsummiertem Multiplier über mehrere Jahre?), und untersucht häufig nur unzureichend alle weiteren wichtigen Variablen (Geldpolitik, Arbeitslosigkeit), welche die Auswirkungen fiskalischer Maßnahmen auf GDP und Arbeitslosigkeit verstärken oder dämpfen könnten.

      Neben den üblichen Diskussionen pro und contra Austerity werden mögliche ‚dritte Wege‘ schon gar nicht mehr wahrgenommen – wie etwa Reduktion der dramatischen Ungleichheit zwischen Reich und Arm, gesetzliche und politische Maßnahmen gegen legale und illegale Steuerflucht, eurozonenweite Initiative zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, Eindämmen schädlicher Folgen der Globalisierung (race to the bottom), etc.

  2. stefan w schmitz

    Lieber Gerold,

    die makro-ökonomie ist keine wissenschaft; aber die tabelle, die du präsentierst, ist wohl auch nicht besonders schlau: die fiskalische position ist doch nicht die einzige determinante des BIP wachstums dieser länder?

    die multiplikator ist ein ganz kleiner teil einer konjunkturtheorie; es gibt zahlreiche andere konjunkturtheorien.

    aus wissenschaftstheoretischer sicht hast du recht; die konjunkturtheorie ist ein feines feld – jede theorie hat ihren eigenen empirischen apparat und – siehe da – dieser liefert brav die erwarteten parameter, signifikanzen etc. und wenn nicht beim ersten versuch, dann bestimmt nach ein paar adaptionen der daten, der schätzmethode …

    al, stefan

  3. Stefan: danke für den facettenreichen Kommentar.

    Zunächst mal sollte der Anspruch bestehen, Volkswirtschaftslehre in Theorie und Praxis wissenschaftlich zu betreiben. Was ‚wissenschaftlich‘ in diesem Fall bedeutet, ist innerhalb der Disziplin zu erstreiten, wobei auch auf Kritik von außen gehört werden sollte.

    Am Beispiel des fiskalischen Multiplikators besteht der Anlass für Kritik von innen und außen im Versagen der Voraussagen der Troika in einem für die Eurozone zentralen Politikbereich, nämlich den Auswirkungen der verordneten Austeritäts-Politik. Das ’soul-searching‘ des IMF im aktuellen WEO ist zu begrüßen, es sollte jedoch eine breitere Diskussion zu den Ursachen des Versagens geführt werden.

    Wenn man sich die zahlreichen Studien zum fiscal multiplier ansieht, springt sofort deren beträchtliche Heterogenität ins Auge. Unterschiedlich sind Definition und Untergliederung fiskalischer Interventionen, Schätzmethoden, Berücksichtigung relevanter Input-Parameter (etwa zu Wirtschaftslage, Geldpolitik, Außenhandel, Wettbewerbsfähigkeit). Weiters fällt die häufig recht schmale empirische Basis auf; es sind kaum ausreichend Fälle mit allen relevanten Parametern dokumentiert (hier sollte es eigentlich eine allgemein zugängliche Wissensbasis geben). Dazu kommt dann noch, dass auch der Output uneinheitlich ist (impact multiplier, peak multiplier, cumulative multiplier, vorhergesagte Arbeitslosigkeit, etc).

    Was aber wohl noch wichtiger ist: wenn der ‚generelle‘ fiskalische Multiplikator für Eurozone-Staaten, die sich einem staatlichen ‚deleveraging‘ verschrieben haben, tatsächlich über 1.5 liegt, ist dann nicht diese Politik – die direkt in beträchtliche Arbeitslosigkeit führt – insgesamt in Frage zu stellen?

    Und: wie kann es unter einem solchen deflationären Regime dann noch zu wirtschaftlicher Entwicklung, bzw. – wohl mehr in Deinem Sinne – zu ausreichend Investitionen mit positivem ’net present value‘ kommen?

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