Roboter statt Arbeitnehmer (3): Eine von zwei möglichen Erklärungen der fallenden Arbeitseinkommensquote?

Steigende Profite, fallende Arbeitseinkommen

Im seinem zweiten aktuellen Beitrag zum Roboter-Thema vom 9.12.2012 – Robots and Robber Barons – anerkennt Paul Krugman zunächst nochmals ausdrücklich die fallende Arbeitseinkommensquote in den USA.

Paul Krugman

Paul Krugman

„… corporate profits are at a record high. How is that possible? It’s simple: profits have surged as a share of national income, while wages and other labor compensation are down. …“

Er verwirft das Argument, dass stagnierende Löhne im wesentlichen auf ein Verteilungsproblem zwischen den Arbeitnehmern zurückzuführen wären.

„Indeed, recent college graduates had stagnant incomes even before the financial crisis struck. Increasingly, profits have been rising at the expense of workers in general, including workers with the skills that were supposed to lead to success in today’s economy.“

Und sieht zwei mögliche Erklärungen:

„Why is this happening? As best as I can tell, there are two plausible explanations, both of which could be true to some extent. One is that technology has taken a turn that places labor at a disadvantage; the other is that we’re looking at the effects of a sharp increase in monopoly power. Think of these two stories as emphasizing robots on one side, robber barons on the other.“

Krugman gesteht ein, dass er noch keine Meinung zu den beiden möglichen Erklärungen hat, und ruft zu einer intensiven Diskussion auf:

„I don’t know how much of the devaluation of labor either technology or monopoly explains, in part because there has been so little discussion of what’s going on.  … As I said, this is a discussion that has barely begun — but it’s time to get started, before the robots and the robber barons turn our society into something unrecognizable.“

Roboter oder mit monopolistischer Macht ausgestattete kapitalistische Raubritter – ist das die Alternative?

Sicherlich kann der globale Kapitalismus beträchtlichen technologischen Fortschritt für sich in Anspruch nehmen. Es ist ihm jedoch auch anzulasten, dass eine überwältigende Zahl an Menschen nicht oder nur im geringen Ausmaß an seinen Früchten beteiligt werden. Und wohlgemerkt: ich spreche hier nicht von Wachstum als Ideologie, und damit auch von Resourcenvernichtung und Umweltzerstörung, sondern von einem Fortschritt im Dienste der Menschen, wie es das Roboter-Bild ja auch ein wenig signalisiert.

Krugman’s unterschlägt die prinzipiellen Bewegungsgesetze des Kapitalismus und das ‚automatische Subjekt‘

Karl Marx

Karl Marx


Im Kapitel „Die Verwandlung von Geld in Kapital“ im Zweiten Abschnitt von „Das Kapital, Bd. I“ nähert sich Karl Marx in einer berühmten Passage den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus wie folgt an:

„Die selbständigen Formen, die Geldformen, welche der Wert der Waren in der einfachen Zirkulation annimmt, vermitteln nur den Warenaustausch und verschwinden im Endresultat der Bewegung. In der Zirkulation G – W – G funktionieren dagegen beide, Ware und Geld, nur als verschiedne Existenzweisen des Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre, sozusagen nur verkleidete Existenzweise. Er geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt. …

Kaufen, um zu verkaufen, oder vollständiger, kaufen, um teurer zu verkaufen, G – W – G‘, scheint zwar nur einer Art des Kapitals, dem Kaufmannskapital, eigentümliche Form. Aber auch das industrielle Kapital ist Geld, das sich im Ware verwandelt und durch den Verkauf der Ware in mehr Geld rückverwandelt. Akte, die etwa zwischen dem Kauf und dem Verkaufe, außerhalb der Zirkulationssphäre, vorgehn, ändern nichts an dieser Form der Bewegung. In dem zinstragenden Kapital endlich stellt sich die Zirkulation G – W – G‘ abgekürzt dar, in ihrem Resultat ohne die Vermittlung, sozusagen im Lapidarstil, als G – G‘, Geld, das gleich mehr Geld, Wert, der größer als er selbst ist.“

Auch in moderner Lesart kann gesagt werden, dass das erste Gesetz des Kapitalismus das Gewinnstreben  ist. Hierfür sind alle legalen, und zu oft auch unmoralische und illegale Mittel recht. Zwanghaft muss aus Geld mehr Geld werden, egal ob durch realwirtschaftliche Tätigkeit oder Finanzspekulation, durch Lobbying für profitable Gesetze, durch ‚Provisionen‘ bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und dem Verkauf staatlichen Eigentums, durch Steuervermeidung und Steuerhinterziehung, durch technischen Fortschritt und Raubrittertum, durch Outsourcing und stagnierende Gehälter.

Doch es bedarf der Raubritter nicht, um jedes Jahr aufs Neue den Produktivitätszuwachs den Arbeitnehmern vorzuenthalten und die Arbeitseinkommensquote weiter zu senken. Alle Arten von Kapitalvertretern finden dies selbstverständlich, und häufig spielen auch Arbeitnehmervertreter und Arbeitnehmer mit, um im globalen ‚race to the bottom‘ den Standort zu stärken und vermeintlich Arbeitsplätze zu sichern. Und höhlen damit die Konsumnachfrage weiter aus, und prolongieren die Krise.

Nun, in dieser kleinen Serie beschäftigen wir uns mit Überlegungen zur Hypothese, dass menschliche Arbeit zunehmend durch Roboter ersetzt werden kann, oder – in Krugman’s Worten – mit ‚capital-biased technological change‘. Andere Aspekte des automatischen Subjekts sollen hier also nicht weiter vertieft werden.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Arbeitseinkommen, Arbeitseinkommensquote, Profitrate, Technologische Arbeitslosigkeit, Uncategorized

Eine Antwort zu “Roboter statt Arbeitnehmer (3): Eine von zwei möglichen Erklärungen der fallenden Arbeitseinkommensquote?

  1. A. Fels

    Ja, „Robber Barrons“, Raubritter, nicht gerade ein freundlicher Begriff für das „automatisch“ akkumulierende Kapital. Die Geschichte ist voll mit verleumderischen Begriffen, die danach trachten, die historische Rolle des Kapitals als Vermögensvermehrer zu diskreditieren. Dabei gilt das Gesetz, dass umso schärfer die Verteilungskonflikte, desto radikaler die Begriffe werden. Wer kennt nicht das „schaffende oder raffende Kapital“ der Nationalsozialisten oder die „Kapitalistenklasse“ als Synonym bolschewistischer Propaganda? Es steht nicht gut um unsere Zeit, wenn gerade heute diese Begriffe wieder en vogue werden.

    Personifizierungen oder Verleumdungen spiegeln die Unfähigkeit einer Gesellschaft, sich mit ihren Gesetzen und Strukturen zu versöhnen. An die Stelle des Verständnisses des eigenen Lebenszusammenhangs tritt der blinde Hass. Die bürgerliche Moral, so aufrichtig und ehrlich sie sich zu verkaufen trachtet, war schon immer ein Einfallstor für irrationale Empfindungen. Man denke nur an den Antisemitismus, der sich mit dem Übergang zur Neuzeit von einem religiösen in einen ökonomischen verwandelte, oder an die Vielzahl von Weltuntergangsstimmungen, die doch immer nur die Angst vor dem eigenen Versagen spiegelten.

    Es hat etwas Beschämendes an sich, wenn man gebildete Ökonomen zur Ordnung rufen muss, wenn man ihnen die Fragwürdigkeit ihrer Begriffe verdeutlichen muss, wo sie doch ihr Leben lang nichts anderes tun als mit Begriffen zu spielen. Entweder lernen wir in Strukturen und Gesetzmäßigkeiten zu denken oder wir versinken in Hass und Beschimpfungen. Gewiss ist es makaber, dass gerade Karl Marx, dessen Name zum Synonym des Hasses werden sollte, der Welt genau das vermitteln wollte. Wir sollten nie aufhören daran zu erinnern, und ich bin froh, lieber Gerold, dass Du das in Deinem Beitrag gemacht hast.

    A.Fels

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