Archiv des Autors: Alfred Fels

Zypern – Das Nachbarhaus wird abgebrannt

„Après moi le déluge! [Nach mir die Sintflut!] ist der Wahlruf jedes Kapitalisten und jeder Kapitalistennation.“
(K.Marx: Band I., MEW 23, S.285)

Herbst 2008: Die Commerzbank wird vom deutschen Staat in einer Nacht-und Nebel-Aktion geschlossen. Alle Einlagen unter 100.000.- Euro werden zur Deutschen Bank transferiert, alle darüber in eine „Bad Bank“, die abgewickelt wird. Voraussichtlicher Verlust für die Betroffenen: 40 – 80% der Einlagensumme. Die Schwankungsbreite der zu erwartenden Verluste ist enorm, die Unsicherheit groß, viele Betroffene werden erst in Jahren das Ausmaß des Schadens erfahren. Alle Einlagen der Deutschen Bank, sofern über 100.000.- Euro, werden an der Erhöhung ihrer Eigenkapitalquote auf 9% beteiligt. Auch hier ist der Verlust nicht kalkulierbar, er wird wohl irgendwo zwischen 20 und 30% der Einlagensumme liegen. Gesamtergebnis: Hunderttausende in- und ausländische Kunden werden von einem Tag auf den anderen enteignet.

Wäre eine derartige Vorgangsweise in Deutschland denkbar gewesen? Gibt es irgendeinen Staat in der westlichen Welt, der die Einlagen zur Sanierung einer Bank heranziehen würde? Würde eine politische Partei es wagen so zu verfahren? Und was hätte sie bei den nächsten Wahlen zu erwarten? Antwort: Kein demokratischer, westlicher Staat, keine politische Partei könnte so verfahren ohne ihre Existenz zu gefährden. Die Bürger würden in Scharen protestieren, ihr Geld beheben und die Verhältnisse destabiliseren. Woraus zu schließen ist: Die EU ist kein westlicher Staat, sie ist nicht demokratisch, sie hat sich für ihre Vorgangsweise nicht zu rechtfertigen und hat keine Konsequenzen zu erwarten. Woraus ferner zu schließen ist: die EU ist ein Projekt, wo die Mehrheit einem einzelnen Staat ihren Willen aufzwingt.

Nur: was ist der Wille der Mehrheit? Er ist aller Rettungs-Rhetorik zum Trotz: Nicht für die Schulden anderer einstehen zu müssen. Was heißt: das eigene Haus zu löschen, wenn es brennt, aber nicht das Nachbarhaus. Wenn alle nur für ihre eigenen Verhältnisse haften wollen, und nicht für die der anderen, dann wird die Mehrheit immer entscheiden: den betroffenen Staat im Regen stehen zu lassen. Das ist die EU, ein Staatenbund mit starkem Eigeninteresse der einzelnen Staaten. „Nach und neben mir die Sintflut“ schreit die Mehrheit und lässt das Nachbarhaus abbrennen, eins um das andere, bis das Feuer an seine eigene Tür dringt. Der demokratische Wille des einzelnen Staates verformt sich im Staatenbund zum totalitären Willen der Mehrheit, der durch das Eigeninteresse getragen wird.

Der bürgerliche Verstand weiß nur in seinen eigenen vier Wänden zu leben. Hilfe für andere gibt es nur eines erwarteten Gewinns wegen oder um den Preis der Unterwerfung. Nichts anderes besagt der Artikel 123 AEUV, wonach der „unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von [Mitgliedstaaten] durch die Europäische Zentralbank“ verboten ist. Hilfe darf es für sich genommen nicht geben, findet sie doch statt, muss sie durch eine Rosskur des betroffenen Staates erkauft werden. Die EU ist, eben weil unter kapitalistischen Bedingungen geformt, kein Friedens- sondern ein Kriegsprojekt. Sie unterwirft den Mitgliedsstaat durch von außen aufgezwungene Maßnahmen, vor denen sich ein einzelner und für sich allein agierender Staat hüten würde. Den bürgerlichen Verstand in einen Staatenbund zu stecken, heißt: Feuer zu entfachen, heißt: aus Demokratie totalitäre Verhältnisse gebären, heißt: den Krieg mit anderen Mitteln fortsetzen.

Nur ein Narr glaubt, dass der Verstand wandelbar sei. Er ist und bleibt: partikular und egoistisch. In seiner demokratischen Form erhalten kann ihn nur das Ende der Union.

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Roboter statt Arbeitnehmer (2): Technologische und marktinduzierte Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit, oder wie Marx sagte: „Überschuss an Arbeitskraft“, hat immer zwei Dimensionen: eine technologische und eine auf den Markt bezogene. Die Technologie gibt vor, wieviele Produkte die beschäftigte Menge an Arbeitskraft schafft. Der Markt bestimmt, ob diese Produkte dann auch absorbiert werden. „Überschuss an Arbeitskraft“ entsteht, wenn (bei voller Markträumung) die verwendete Technologie zu wenig arbeitsintensiv ist oder (bei ausreichend arbeitsintensiver Technologie) die Markträumung misslingt. Beide Aspekte sind ineinander verwoben, analytisch tut man gut daran sie voneinander zu trennen.

Die „technologische Arbeitslosigkeit“ tritt ein, wenn trotz Markträumung und Gleichgewicht auf allen Märkten die zur Reproduktion der Gesellschaft notwendigen Produkte von einer Menge an Arbeitskraft produziert wird, die unterhalb der gesamten vorhandenen Arbeitszeitmenge liegt. Es kommt zu einem Überschuss an Arbeitskraft, der seinem Wesen nach technologisch bestimmt ist: Um das Überleben der Gesellschaft zu sichern, bedarf es beim gegebenen Stand der Technologie einfach nicht der Gesamtmenge der vorhandenen Lohnarbeit. Die überschüssigen Lohnarbeiter werden aussortiert und brachgelegt.

„Technologische Arbeitslosigkeit“, für sich betrachtet, ist ein begrüßenswertes Phänomen, besagt es doch nichts anderes als: die technologische Entwicklung der Gesellschaft ist so weit fortgeschritten, dass nicht mehr die gesamte Arbeitskraft zu ihrer Reproduktion erforderlich ist. Menschliche Ressourcen können abgezogen und brachgelegt werden, sei es in Richtung Freizeit, Bildung, Verwaltung oder Kunst. Negativ wird das Phänomen erst dann, wenn die betroffene brachgelegte Arbeitskraft nicht alimentiert wird, wenn sich also mitten in einer reichen und gesättigten Gesellschaft Armut breit macht.

Dagegen ist die „marktinduzierte Arbeitslosigkeit“, besonders unter den heutigen Bedingungen, eine Geißel. Sie besagt nichts anderes als: die vorhandene Technologie und Arbeitskraft wird nicht voll ausgeschöpft, die Kapazitätsauslastung liegt beharrlich unterhalb des Optimums. „Überschuss an Arbeitskraft“ ist hier das Synonym für eine Gesellschaft, die einen hochentwickelten technologischen Apparat mit sich schleppt, für den sie aber keine Verwendung sieht. Eine Gesellschaft also, die Technologie entwickelt, um sie letztendlich nicht zu gebrauchen, ja: zu zerstören.

Diese „marktinduzierte Arbeitslosigkeit“ wird über die Verteilung in das Gefüge hineingetragen, indem die einen, die ausreichend verdienen, nicht ihr gesamtes Einkommen in Nachfrage umsetzen, während die anderen, die gerne nachfragen würden, aufgrund ihres zu geringen Einkommens nicht können. Das durch die Technologie festgelegte Angebot an Produkten wird also durch die Nachfrage restringiert, sodass sich das „Gleichgewicht“ unterhalb des Optimums einpendelt. Überfüllte Lager, überfüllte Märkte, wider Willen brachgelegte Arbeitskraft sind das allgegenwärtige Erscheinungsbild der marktinduzierten Arbeitslosigkeit.

Eine Gesellschaft, die technologisch imstande wäre, Reichtum und Sättigung für alle zu schaffen, kehrt sich solcherart in eine Gesellschaft des Mangels mitten im Reichtum. Ursache und Folge sind ineinander verschränkt: Die Nicht-Alimentierung der Brachgelegten führt zu zusätzlicher Arbeitslosigkeit und Nicht-Alimentierung der zusätzlich Brachgelegten. Die Katze beisst sich in den Schwanz, oder wie es Marx sagte: Das Elend und der Reichtum, „der Lohnarbeiter und das Kapital sind wie Promotheus an den Felsen gefesselt.“ Ihr Schicksal erfüllt sich nur in wechselseitiger Abhängigkeit.

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Wissenschaft als Hingabe an Zwang

„Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“
(Goethe, Faust)

Oder etwa nicht? Sollte man ernsthaft vermuten, dass die EU-Getreuen zunächst denken und dann handeln? Dass sie tatsächlich einem wie auch immer gearteten Plan folgen? Dass die Konsolidierung der Staatshaushalte aus einem Nachdenken geboren wurde? Um Gottes Willen, nein! Alles, was an Papierwerk geschaffen wurde, alles, was heute an Begründungen nachgeschoben wird, soll umgekehrt die Tat rechtfertigen, die im Affekt gesetzt wurde. Und diese Tat war eine schöne nicht.

Man muss festhalten: Die Staaten weltweit fühlen sich zum Sparen gezwungen. Die USA ringt genauso um ihre Finanzen wie Großbritannien oder Japan. Nirgends jedoch wird die Konsolidierung der Haushalte mit einem derartigen Eifer betrieben wie hier in Europa und nirgends sind die dadurch verursachten Schäden so gross wie hier. Es ist wie im Mittelalter als hätten sich Geblendete zur Hexenverbrennung zusammengefunden. Woher stammt der merkwürdige Glaube an die Gesund-Schrumpfung?

Wenn es kein Nachdenken ist, keine Wissenschaft, keine redliche Forschung, die die Europäer zu ihrer Tat veranlasst, dann ist es: Zwang. Und tatsächlich behaupten die Verantwortlichen, dass sie den Zwängen der Märkte folgen, die die Finanzierung der Staaten über die Anleihenmärkte gewährleisten sollen. Solange man diese Prämisse akzeptiert, dass der Staat durch privates Geld versorgt werden soll, und nicht durch neu von der EZB geschöpftes, solange erscheint einem das Staaten-Dasein als Zwang.

Doch aufgepasst! Auch hier gibt es kein Nachdenken, kein Sinnieren, weshalb die japanische und US-Notenbank in der Lage sind den Staat zu versorgen und die EZB nicht. Kein Mensch denkt darüber nach, wieso für die einen gilt, was für die anderen nicht gilt, wie man aus den tagtäglichen Kommentaren ersehen kann. Stattdessen wird in grossen Lettern das Fehlverhalten der FED kritisiert und der nahe Zusammenbruch des US-Geldsystems behauptet. Ja, so blind können Hexenverbrenner sein!

Es ist nunmal eine Tatsache, dass sich die EZB durch die einzelstaatliche Zergliederung selbst blockiert. Keine nationale Notenbank will für die andere Verantwortung übernehmen, alle Handlungen werden aus der Sicht der eigenen Bilanz betrachtet, jeder starrt auf sich. Im Ergebnis führt dies dazu, dass die EZB wie eine private Geschäftsbank auftritt immer mit einem Auge auf ihre Assets. Der „lender of last resort“ mutiert unter dem Zwang der nationalen Perspektive zu einem profitorientierten Bankhaus.

Was bleibt den europäischen Staaten, wenn ihnen die Finanzierung durch die Notenbank versperrt bleibt? Wenn sie, weil jeder für sich, den Willen oder die Macht nicht besitzen die Notenbank zu zwingen? Was tun, wenn es keine Option einer dauerhaften Finanzierung durch die Notenpresse gibt? Sparen! Konsolidieren! Gesund-Schrumpfen! Sich dem Zwang wie einer Lust hingeben, die Unabhängigkeit der EZB beteuern und Studien veröffentlichen um seine Fixierung zu rechtfertigen. Das ist der Stand der Wissenschaft!

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Mit der Reduzierung der Staatsschuld schrumpft auch das Vermögen !

Wenn man das Gemurkse, das tagtägliche Entstehen krauser Ideen in den Köpfen der europäischen Politik beobachtet, fällt einem ganz spontan Karl Marx ein: „Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet?“ Ja, es hat sich etwas geändert im institutionellen Rahmen der europäischen Geldproduktion, das so verrückten Ideen wie „Haushaltsdisziplin“ und „Schuldenbremse“ Tür und Tor öffnet. Wir müssen in einer Zeit der materiellen Verwirrung leben, die mit der Fehlkonstruktion des eigenen Geldsystems über die Köpfe der Verantwortlichen hinweg Wahnsinnstaten produziert.

Denn was besagt die Idee einer „Schuldenbremse“ anderes als dass die Zahl der Staatspapiere reduziert werden soll? Dass also das, was als Grundlage für sicheren Kredit im gesamten Geldsystem diente, direkt und indirekt gekürzt werden soll? Dass das geschöpfte Geld unmittelbar über die Reduzierung der Staatsschuld und mittelbar über die Reduzierung der kredittauglichen Papiere restringiert werden soll? Dass also der Vermehrung der Zahl, dem Wesen des ganzen Akkumulationsprozesses, eine Grenze gezogen werden soll? Es ist als ob man sich seinen eigenen Tod, die Reduzierung der weissen Blutkörperchen, wünscht.

Seit jeher arbeitet Kapitalismus über die schleichende Ausdehnung der Zahl, was die Vermögen der Menschen mehrt. Nichts anderes besagt Akkumulation als dass sich das Zahlengerüst wie ein Baum nach oben reckt bis es durch die Krise gestürzt wird. Das Auftürmen von Kreditgeld und seine nachfolgende Implosion ist das Wesen des gesamtes Prozesses, in dem sich Zivilisation, die Entwicklung von Technik und Wissen, vollzieht. Doch noch nie hat sich eine Gesellschaft ihr eigenes Ende gewünscht, stets hat sie Regeln und Verhalten produziert, das dem eigenen Gedeihen dienlich ist. Die eigene Existenz ist die Messlatte allen Tuns.

Muss man tatsächlich Marxist sein um das zu begreifen? Muss ein Marxist die Liberalen und Konservativen lehren, dass die Reduktion der Kreditgeldmenge Stockung der Akkumulation bedeutet? Dass mit der Reduzierung der Staatsschuld das Gesamtprodukt und auch das Vermögen der Menschen schrumpft? Müssen die Kritiker die Rolle wechseln und in das Gewand der Apologeten schlüpfen? Verkehrte Welt! Man könnte sich dem Genuss der Selbstzerfleischung hingeben und das Ende des Prozesses herbeisehnen. Doch der intellektuelle Gehalt, die mangelnde Tiefe der Argumente, spornt jeden Modernen, auch einen Kritiker an, dagegenzuhalten.

Schon lange hat die Vorstellung des „Gesundschrumpfens“, der Reduktion der ökonomischen Aktivität durch Schrumpfung der Geldmenge in den Köpfen der Liberalen Hochkonjunktur, aber erst unter dem Regime der gemeinsamen Währung wird es zu einer fanatischen Idee, der auch Konservative begeistert folgen. Denn nichts anderes bedeutet der Euro als dass sich jeder einzelne Staat dem Diktat der Notenbank unterwirft. Er darf sich nicht über die Notenbank finanzieren und jedes Vergehen wird als Regelverstoss geahndet. Nur unter diesem Regelwerk ist der Staat in der Pflicht sein Budget und sich selbst zu schrumpfen anstatt sich der Geldvermehrung zu bedienen.

Man muss dankbar sein, dass die Fanatiker an die Grenzen der Wirklichkeit stossen. Wann immer sie ihr Regelwerk verschärfen und den Staaten noch mehr Disziplin auferlegen, also die Schrumpfung der Zahl durch Sparen oder Schuldenschnitt verlangen, reagieren die Märkte mit Panik. Sie erzwingen eine Reaktion im gegenteiligen Sinne, eine Lockerung der Geldpolitik, eine versteckte oder offene Finanzierung der Staaten durch die EZB. Ja, meine Herren, die Kritiker stehen nun auf der Seite der Märkte, hören auf ihren Pulsschlag, während ihr die kranken Ideen pflegt! Noch erzwingt die ökonomische Wirklichkeit Vernunft.

Materie und Idee stehen in einem bemerkenswerten Verhältnis zueinander. Einerseits ist es das Eurosystem selbst, das die Idee der Schuldenbremse produziert, weil kein Staat für den anderen über die gemeinsame Notenbank haften, weil jeder für sich kalkulieren will. Das lässt die Notenbank in Inaktivität erstarren, zumindest in Bezug auf die Finanzierung der Staaten. Andererseits ist es die verrückte Idee selbst, die die ökonomische Aktivität nach unten schraubt und die Krise virulent werden lässt. Das Ergebnis ist, was wir tagtäglich erleben: Die Notenbank handelt, obwohl sie eigentlich gar nicht handeln will.

Man muss kein Prophet sein, um den Sieg der Vernunft, sprich: der Wirklichkeit, vorherzusagen. In letzter Instanz wird sich das Eurosystem zertrümmern oder den Weg der Integration beschreiten, sodass der Staat wieder über der Notenbank zu stehen kommt und ihm der Weg der Selbstfinanzierung nicht weiter versperrt bleibt. Aber bis dahin hat die Idee unendlich viel Leiden produziert, Vermögensverlust und Arbeitslosigkeit, und die Wirklichkeit vielleicht in einer Art verändert, die uns allen nicht angenehm sein wird. Den Fanatikern muss man vorwerfen, dass sie von dem Zusammenspiel der Kräfte nichts verstanden haben.

Längst haben wir den Punkt erreicht, wo die Märkte aufatmen, wenn sie in den Genuss pragmatischer Geldpolitik kommen und sich zu Tode erschrecken, wenn die radikalen Stimmen laut werden. Das hindert die Sparfanatiker jedoch nicht auch die Wirklichkeit noch uminterpretieren zu wollen, die Beruhigung der Märkte auf ihre Fahnen zu schreiben, wo doch jedes Kind begreift, dass die Dinge umgekehrt liegen. Zu lernen ist ein Verfahren, das Gläubigen fremd ist. Eher noch werden sie im Sinne der Notwendigkeit handeln und trotzdem das Gegenteil behaupten. Ich befürchte: damit werden wir leben müssen.

PS: Dem aufmerksamen Leser ist natürlich nicht entgangen, dass das Marxsche Zitat vollständig heißt: „Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“ (Manifest der kommunistischen Partei, MEW 4, S. 480, 1848). So weit möchte ich nicht gehen. In keinem Hirn einer Klasse können die verrückten Ideen der Sparsamkeit geboren worden sein. Gerade wir Kritiker müssen mit gutem Beispiel voran gehen und: lernen.

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Kreditgeld

Es gehört zu den grossen Mysterien der Gegenwart, dass Geld nicht mehr als ein bilanzielles Verhältnis ist. Genauer: eine Forderung auf der Aktivseite des Gläubigers, der eine Verbindlichkeit auf der Passivseite des Schuldners gegenübersteht. Geld ist ein janusköpfiges Gebilde, bilanzielle Forderung und Verbindlichkeit zugleich, die sich gegenseitig aufheben. Wann immer man an Geld denkt, ist die Forderung des einen und die Verbindlichkeit des anderen bereits mitgedacht. Man nennt diese Art von Geld: Kreditgeld.

Der erste fundamentale Satz, der aus dem Geld als Kreditgeld folgt, lautet: dass die Öffnung eines Geldkontrakts das Entstehen eines Kreditverhältnisses ist. Und umgekehrt: das Schliessen des Kontrakts die Bedienung eben dieser Schuld. Kontrakteröffnung heisst Bilanzverlängerung und Kontraktschliessung Bilanzverkürzung. Der Gläubiger, die Geschäftsbank, bucht das Geld passiv (Buchgeld) und die Forderung aktiv. Und der Schuldner das Buchgeld aktiv und die Forderung passiv. Hokuspokus: es werde Geld!

Dass Geld aus dem Nichts, durch blosse Bilanzverlängerung der Geschäftsbanken und der Notenbank entsteht, ist heute ein Allgemeinplatz. Nicht aber der zweite grundlegende Satz, der aus dem Geld als Kreditgeld folgt: Dass sich alle Forderungen und Verbindlichkeiten im geschlossenen Raum auf Null summieren. Für ein Gemeinwesen nur aus Privaten und ohne Staat und Ausland heisst das, dass die Forderungen der einen den Verbindlichkeiten der anderen entsprechen und aufsummiert gleich Null sind.

Daraus folgt der dritte Satz: Dass ein Überhang an privaten Forderungen („Outside-Money“) nur möglich ist, wenn der Staat oder das Ausland einen Überhang an Verbindlichkeiten haben. Wer Geldakkumulation sagt, meint also immer: Vermehrung der Geldmenge, was heisst: simultane Vermehrung von Forderungen und Verbindlichkeiten. Wer aber von privatem Reichtum spricht, soll sagen: Verschuldung des Auslands oder des Staats. Eine Reichtumsbildung innerhalb des Privatsektors ist ein Widerspruch in sich.

Nun gut. Was lässt sich in einer ersten Annäherung sagen? Traue niemals jenen, die von Verschuldung sprechen und die Forderungen vergessen! Wenn einer von Staatsschuld spricht, sei Dir bewusst, dass er privaten Reichtum meint. Traue nie jemandem, der die Staatsschuld schrumpfen sehen will! Pass`auf bei dem Wort der „Verkleinerung der Bankbilanzen“, denn es besagt nichts anderes: als dass Deine Guthaben vernichtet werden sollen. Nur ein Schelm glaubt, dass mit „jenen“ heute nicht schon längst „alle“ gemeint sind.

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Vom Münzgeld zum elektronischen Kreditgeld – eine Polemik

Wir haben uns in der Welt der „Geldzeichen“ (K.Marx) schon sehr, sehr weit ins Abseits bewegt. War die Einlage historisch ein Depositum, so gilt sie heute als Verbindlichkeit der Bank gegenüber dem Kunden. Wie so oft hat die Rechtslage die Metamorphose des Geldes bloß sanktioniert, indem sie es von einer Ware zu einem Kreditverhältnis stempelte.

Um sich die Verrücktheit des Vorgangs vor Augen zu führen, versetze man sich in die Lage eines neuzeitlichen Händlers, der seine Silbermünzen bei einem Bankier hinterlegt und im Gegenzug eine Geldnote erhält. Diese Note mag als Geld zirkulieren und doch war jedem klar, dass es sich nur um einen Stellvertreter, ein Zeichen, handelt.

Man stelle sich ferner vor, dass es der Bankier gewagt hätte mehr Noten als Silbereinlagen auszugeben mit dem Argument, dass die Einlösung der Noten nur sehr sporadisch stattfinde, was ihm erlaube die Zahl der Zeichen zu erhöhen. Der Betrug wäre aufgeflogen und der Tisch des Bankiers wäre von einer wütenden Menge zerbrochen worden („banca rotta“).

Anders heute: Niemand sieht in einer Einlage ein Depositum, das zu verwahren ist und jeder akzeptiert, dass es als Kreditvertrag gehandhabt wird. Die deponierten Geldnoten werden durch eine Buchung bestätigt und jeder wiegt sich in dem Glauben, die Buchung zu jeder Zeit in Bargeld eintauschen zu können. Allein: Die Dinge stehen anders.

Woher kommt diese Selbsttäuschung? Stammt sie aus der Tatsache, dass als Geld heute Noten fungieren und nicht Silbermünzen? Wäre es unsereinem verständlicher, dass die Einlage ein Depositum ist, wenn wir statt des Bargeldes Silbermünzen bei der Bank einzahlen würden? Wohl kaum. Solange wir das Gefühl haben, dass die Bank das Silber liefert, ist die Frage des Geldes irrelevant.

Stammt die Selbsttäuschung aus der Elektronik, aus dem ungeheuren Vorgang, dass die Einlage als bloßes Zahlenwerk mit einem Vorzeichen abgebildet wird? Wäre es uns verständlicher, dass es sich bei der Einlage um ein Depositum handelt, wenn die Bank zu einer handschriftlichen Bestätigung gezwungen würde? Wahrscheinlich, zumindest liegt das der Wahrheit schon näher.

Die Aushöhlung der Einlage, ihre Reduktion auf ein Kreditverhältnis im Bewusstsein der Menschen, hat also irgendwo auf dem Weg zwischen Verbuchung und Elektronik stattgefunden, das heißt zeitlich fixiert: im zweiten Drittel des vorigen Jahrhunderts. Und dieses Bewusstsein wurde institutionell und rechtlich sanktioniert, nicht nur in Bezug auf die Einlage sondern auch durch die Schließung des „Goldfensters“.

Dass aber die Uminterpretation der Einlage in ein Kreditverhältnis den alten Trick der italienischen Bankiers wiederbelebte, ist uns bis heute nicht ausreichend bewusst. Wie damals die Bankiers die Einlage zur Ausgabe von überschüssigen Noten missbrauchten, verwenden sie heute das Depositum für die Eröffnung eines Kreditverhältnisses mit einem Dritten und erhöhen dadurch die Zirkulation der Buchungen.

Geld ist, streng auf Basis des Depositums definiert, die Summe aller Noten und Münzen. Alle Sichteinlagen, die darüber hinaus geschaffen werden, sind Buchungen, privat produziertes, aus dem Nichts geschöpftes Geld. Dass die Bankiers von heute noch weiter als ihre Vorgänger gehen, zeigt der verrückte Vorgang, für dieses Geld auch noch Zins zu verlangen.

Was wäre mit einem italienischen Bankier passiert, der seine ausgegebenen und durch Einlagen nicht gedeckten Noten mit einem Zins versehen hätte? Der es gewagt hätte, auf durch Silber nicht gedecktes Geld, ein Einkommen zu verbuchen? „Banko rotto“ wäre es nicht gewesen, aber mit Sicherheit ein geächteter, wenn nicht bestrafter Bankier.

Wir mögen mit diesem Betrug heute leben, auch weil wir ihn nicht hinreichend verstehen. Nur das Kapital, das sich hart aus der Produktion nährt, hat für diese Art von Geld- und Zinsvermehrung keine Ressourcen über. Mit jedem Jahr, wo das aus dem Nichts geschöpfte Geld die Zinseinnahmen vermehrt, sinkt der Anteil des produktiven Kapitals am Kuchen ab. Und das ist das Drama der heutigen Lage.

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Gesellschaft mit beschränkter Gegenwart – ein Kommentar zu Joseph Vogl

Joseph Vogls Essay „Das Gespenst des Kapitals“ ist eine Arbeit in der Tradition Michel Foucaults, allerdings mit viel mehr Mut zur Provokation und zur Ableitung des „letzten Grundes“ geschrieben. Auch wenn im Stil archäologisch, so bemüht sich Vogl doch, Zusammenhänge zu konstruieren, was ihn weite Teile des Buches kritisch argumentieren lässt.

Die Arbeit kreist um zwei historische Daten: Das Jahr 1796, das den Zusammenbruch der Assignaten und die Geburtsstunde des ungedeckten Papiergeldes durch die Bank of England brachte. Was in Frankreich in einem Misserfolg enden sollte, trug in England ganz wesentlich zur Stabilisierung der Verhältnisse bei. Und als zweites epochales Ereignis: das Schließen des „Goldfensters“ durch Richard Nixon im Jahr 1971.

Die Abkehr vom Warengeld und die Hinwendung zum Kreditgeld, das sich in einem Hin und Her zwischen diesen beiden Daten entfaltete, ist von einer einschneidenden Veränderung der Marktökonomie begleitet. Im Zentrum des Geschehens steht nicht mehr der Ausgleich von Angebot und Nachfrage in der Gegenwart, sondern die Finanzierung von Investitionen auf Basis von Zukunftserwartungen.

Mit der Einführung des Kreditgeldes fällt die Unterscheidung zwischen Investition und Spekulation. Ab nun trägt alles ökonomische Handeln spekulative, auf die Zukunft gerichtete Züge. Mehr noch: Spekulant ist, wer sich nicht hedged, wer also nach den Begriffen der Vorzeit: nicht Spekulant ist. Dieses Oxymoron zeigt die Verkehrung der Verhältnisse durch das Heraufziehen des Kreditgeldes.

Wenn das Warengeld die Waren in der Gegenwart zusammenführte, dann transportiert das Kreditgeld das Geschehen in die Zukunft. Wie das Kreditgeld definitorisch nur Anspruch auf Geld ist, so wird alles Marktgeschehen in die Zukunft verlagert. Kreditgeld ist ein sich ewig wiederholendes und niemals einzulösendes Versprechen auf Rückzahlung.

Dieser auf die Zukunft gerichtete Handel trägt Züge des Zwangs. Was den Menschen abverlangt wird, ist die Unterordnung unter das Marktgeschehen. Es geht für die Teilnehmer, wie Keynes einmal sagte, nicht darum, die schönste Frau eines Wettbewerbs zu wählen, sondern die von allen vermutete Schönste. So wird eine Welt der unentwegten Veränderung von Erwartungen entlang einer linearen Zeitskala kreiert.

Der neue kapitalistische Prozess ist ein auf die Zukunft gerichteter Erwartungsraum, der sich nicht einmal mit der Gegenwart rückkoppeln muss. Das Spiel wird unentwegt nach vorne getrieben und erzeugt eine Gesellschaft mit beschränkter Gegenwart. Wertdenken wird durch Denken auf Basis von Unsicherheit überwunden, Methoden des Chancen- und Risikomanagements rücken in den Vordergrund.

In der Allianz von Kreditgeld und Informationstechnologie erfährt der Zeitbegriff eine radikale Uminterpretation: Zeit wird linear, gegenstandslos und ein Loch, in dem Geschichte versinkt. Der Markt wird zum Alles beherrschenden „Gespenst“, nie fassbar, weil immer in die Zukunft eilend. Hektisch bewegt er sich nach vorne. Der an den Markt geheftete Fetisch nimmt beängstigende Züge an, die Verhältnisse als Ganzes werden unfrei.

Der in die Zukunft gerichtete Markt ist so wenig rational wie der Gesellschaft dienend. Es sind Prozesse der „Entbettung“, denen wir gegenüberstehen. Der Markt löst sich von der Gesellschaft, von der Politik, ja vom menschlichen Leben und kreiert eine neue Welt. Sein Verlangen auf Unterordnung aller gesellschaftlichen Bereiche radikalisiert sich im Fortgang des Prozesses.

„Was tun?“, Herr Vogl. Hier bleibt der Autor überraschend schmallippig. Wohl verlangt er die Loslösung von der neoliberalen Weltsicht und die Schaffung einer neuen ökonomischen Theorie, aber Forderungen politischer Natur sind dem Archäologen fremd. Vielleicht ist es ja auch ehrlicher: zunächst einmal zu denken und innezuhalten, bevor man etwas fordert.

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