Archiv der Kategorie: Arbeitseinkommensquote

Roboter statt Arbeitnehmer (4): Gedankenexperimente zur Prüfung ökonomischer Theorien?

Dies ist der vierte Beitrag unserer kleinen Roboter-Serie. Anbei – zur Bequemlichkeit unser LeserInnnen – die Links zu den bisher erschienenen Beiträgen.

Die Neuauflage der Roboter-Diskussion enthält einige Gedankenexperimente und Zukunfts-Szenarien. Wir halten diese für anregend und widmen ihnen daher dieses Posting.

Orientieren wir uns zunächst an Wikipedia:

„Ein Gedankenexperiment (oder Gedankenversuch) ist ein gedankliches Hilfsmittel, um bestimmte Theorien zu untermauern, zu widerlegen, zu veranschaulichen oder weiter zu denken.“

Dies ist es, was wir wollen: geeignete Gedankenexperimente rund um das Roboter-Thema finden, die uns helfen, ökonomische Theorien besser zu verstehen und weiterzudenken.

Robert Skidelsky

Robert Skidelsky

Mit dem Keynesianer Robert Skidelsky sehen wir das Roboter-Bild als rhetorische Stilfigur, als Metonymie für alle Arten von Automatisierung: Software und softwaregesteuerte Hardware zum Ersatz menschlicher Arbeit. Er fragt zunächst in seinem empfehlenswerten aktuellen Beitrag „The Rise of the Robots“ :

„What impact will automation – the so-called ‚rise of the robots‘ – have on wages and employment over the coming decades?“

Es folgt sein  „Human Robot Mechanics“-Gedankenexperiment

„Imagine a handful of technicians replacing a fleet of taxi drivers and truckers, a small cadre of human mechanics maintaining a full robot workforce, or a single data analyst and his software replacing a bank of quantitative researchers. What produces value in such an economy will no longer be wage labor.“

… mit dem Lösungsvorschlag der fairen Verteilung der Produktivitätsgewinne nebst Arbeitszeitverkürzung:

„If one machine can cut necessary human labor by half, why make half of the workforce redundant, rather than employing the same number for half the time? Why not take advantage of automation to reduce the average working week from 40 hours to 30, and then to 20, and then to ten, with each diminishing block of labor time counting as a full time job? This would be possible if the gains from automation were not mostly seized by the rich and powerful, but were distributed fairly instead.
Rather than try to repel the advance of the machine, which is all that the Luddites could imagine, we should prepare for a future of more leisure, which automation makes possible. But, to do that, we first need a revolution in social thinking.“

Larry Summers

Larry Summers

Der Ökonom und ehemalige US Finanzminister Larry Summers entwickelte zu demselben Thema sein schlichtes „Doer“-Gedankenexperiment und präsentierte auch gleich dessen Konsequenzen, wie Economics Ph.D. Student Owen Zidar im Juni 2012 berichtete:

„At a recent talk at Berkeley, Larry Summers asked us to engage in the following thought experiment.

Suppose that a new technology called “the Doer” will be created tomorrow. Doers can do anything flawlessly. They can build a house, give a massage, or make a guitar.

What would the world of Doers look like?

  1. Cheaper, high quality goods would proliferate.
  2. The price of raw materials would increase as raw inputs for doers would become more scarce and thus more valuable.
  3. People who can think of new things for Doers to do or of new ways for Doers to do things will make a lot of money.
  4. For everyone else, the value of working for an hour will be nearly zero (since Doers can do everything already, no extra value is created). Therefore, hourly wages will go to zero.

Citing 3D printers and Google’s driverless cars, Summers argued that while we aren’t quite living in the world of Doers, we are perhaps 15 or 20% of the way there.“

Paul Krugman

Paul Krugman

Krugman entwirft in seinem Posting „Is Growth Over“ vom 26.12.2012 das folgende  „Fantasy Technology Scenario“

„Consider for a moment a sort of fantasy technology scenario, in which we could produce intelligent robots able to do everything a person can do. Clearly, such a technology would remove all limits on per capita GDP, as long as you don’t count robots among the capitas. All you need to do is keep raising the ratio of robots to humans, and you get whatever GDP you want.“

… und stellt sich folgende Auswirkungen vor:

„Ah, you ask, but what about the people? Very good question. Smart machines may make higher GDP possible, but also reduce the demand for people — including smart people. So we could be looking at a society that grows ever richer, but in which all the gains in wealth accrue to whoever owns the robots.“

In seinem theoretisch relevanten Posting zu „Capital-biased Technological Progress“ von demselben Tag verwendet er ein etwas zweifelhaftes (und von Dean Baker zu Recht kritisiertes) ökonomisches Modell und erreicht damit eine erste interessante Abschätzung der Auswirkungen auf Löhne und funktionale Einkommensverteilung:

„What will the distribution of income be in this case? …

So what happens? It’s obvious from the figure that wages fall relative to the cost of capital; it’s less obvious, maybe, but nonetheless true that real wages must fall in absolute terms as well. In this specific example, technological progress reduces the real wage by a third, to 0.667, while the cost of capital rises to 2.33.“

Wir halten fest:

  • Die Roboter-Gedankenexperimente renommierter Ökonomen beziehen sich auf eine Ökonomie, in der Roboter (eigentlich: software-gestützte Automatisierung) fast alle oder alle Waren und Dienstleistungen besser und schneller produzieren können als der Mensch.
  • Gefragt wird nach der Zukunft von Arbeit und Arbeitszeit, dem Reallohn, sowie der funktionalen Einkommensverteilung, und nach den gesellschaftlichen Transformationen, die wir in dieser neuen Welt eventuell benötigen.
  • Weitere Fragen sollten sich auf die Herstellungskosten für Roboter, sowie auf den Preis der durch Roboter produzierten Waren und Dienstleistungen beziehen.

Was noch weitgehend fehlt, ist der zielgerichtete Einsatz der beschriebenen Gedankenexperimente, um ökonomische Theorien zu untermauern, zu widerlegen, zu veranschaulichen oder weiter zu denken.

Wir wollen dazu beispielhaft einige Fragen äußern und folgen dabei einem chronologischen Ansatz:

Genügend Stoff für kluge Dissionsbeiträge professioneller Ökonomen, sollte man meinen. Man fragt sich, warum diese interessante und relevante Diskussion nicht schon längst im Lichte der herrschenden und alternativen ökonomischen Theorien vertieft wird. Haben die Theorien oder deren Praktikanten etwa so wenig beizutragen?

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Arbeitseinkommen, Arbeitseinkommensquote, Arbeitsmarkt, Income Inequality, Krise der Arbeit, Profitrate, Technologische Arbeitslosigkeit

Roboter statt Arbeitnehmer (3): Eine von zwei möglichen Erklärungen der fallenden Arbeitseinkommensquote?

Steigende Profite, fallende Arbeitseinkommen

Im seinem zweiten aktuellen Beitrag zum Roboter-Thema vom 9.12.2012 – Robots and Robber Barons – anerkennt Paul Krugman zunächst nochmals ausdrücklich die fallende Arbeitseinkommensquote in den USA.

Paul Krugman

Paul Krugman

„… corporate profits are at a record high. How is that possible? It’s simple: profits have surged as a share of national income, while wages and other labor compensation are down. …“

Er verwirft das Argument, dass stagnierende Löhne im wesentlichen auf ein Verteilungsproblem zwischen den Arbeitnehmern zurückzuführen wären.

„Indeed, recent college graduates had stagnant incomes even before the financial crisis struck. Increasingly, profits have been rising at the expense of workers in general, including workers with the skills that were supposed to lead to success in today’s economy.“

Und sieht zwei mögliche Erklärungen:

„Why is this happening? As best as I can tell, there are two plausible explanations, both of which could be true to some extent. One is that technology has taken a turn that places labor at a disadvantage; the other is that we’re looking at the effects of a sharp increase in monopoly power. Think of these two stories as emphasizing robots on one side, robber barons on the other.“

Krugman gesteht ein, dass er noch keine Meinung zu den beiden möglichen Erklärungen hat, und ruft zu einer intensiven Diskussion auf:

„I don’t know how much of the devaluation of labor either technology or monopoly explains, in part because there has been so little discussion of what’s going on.  … As I said, this is a discussion that has barely begun — but it’s time to get started, before the robots and the robber barons turn our society into something unrecognizable.“

Roboter oder mit monopolistischer Macht ausgestattete kapitalistische Raubritter – ist das die Alternative?

Sicherlich kann der globale Kapitalismus beträchtlichen technologischen Fortschritt für sich in Anspruch nehmen. Es ist ihm jedoch auch anzulasten, dass eine überwältigende Zahl an Menschen nicht oder nur im geringen Ausmaß an seinen Früchten beteiligt werden. Und wohlgemerkt: ich spreche hier nicht von Wachstum als Ideologie, und damit auch von Resourcenvernichtung und Umweltzerstörung, sondern von einem Fortschritt im Dienste der Menschen, wie es das Roboter-Bild ja auch ein wenig signalisiert.

Krugman’s unterschlägt die prinzipiellen Bewegungsgesetze des Kapitalismus und das ‚automatische Subjekt‘

Karl Marx

Karl Marx


Im Kapitel „Die Verwandlung von Geld in Kapital“ im Zweiten Abschnitt von „Das Kapital, Bd. I“ nähert sich Karl Marx in einer berühmten Passage den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus wie folgt an:

„Die selbständigen Formen, die Geldformen, welche der Wert der Waren in der einfachen Zirkulation annimmt, vermitteln nur den Warenaustausch und verschwinden im Endresultat der Bewegung. In der Zirkulation G – W – G funktionieren dagegen beide, Ware und Geld, nur als verschiedne Existenzweisen des Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre, sozusagen nur verkleidete Existenzweise. Er geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt. …

Kaufen, um zu verkaufen, oder vollständiger, kaufen, um teurer zu verkaufen, G – W – G‘, scheint zwar nur einer Art des Kapitals, dem Kaufmannskapital, eigentümliche Form. Aber auch das industrielle Kapital ist Geld, das sich im Ware verwandelt und durch den Verkauf der Ware in mehr Geld rückverwandelt. Akte, die etwa zwischen dem Kauf und dem Verkaufe, außerhalb der Zirkulationssphäre, vorgehn, ändern nichts an dieser Form der Bewegung. In dem zinstragenden Kapital endlich stellt sich die Zirkulation G – W – G‘ abgekürzt dar, in ihrem Resultat ohne die Vermittlung, sozusagen im Lapidarstil, als G – G‘, Geld, das gleich mehr Geld, Wert, der größer als er selbst ist.“

Auch in moderner Lesart kann gesagt werden, dass das erste Gesetz des Kapitalismus das Gewinnstreben  ist. Hierfür sind alle legalen, und zu oft auch unmoralische und illegale Mittel recht. Zwanghaft muss aus Geld mehr Geld werden, egal ob durch realwirtschaftliche Tätigkeit oder Finanzspekulation, durch Lobbying für profitable Gesetze, durch ‚Provisionen‘ bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und dem Verkauf staatlichen Eigentums, durch Steuervermeidung und Steuerhinterziehung, durch technischen Fortschritt und Raubrittertum, durch Outsourcing und stagnierende Gehälter.

Doch es bedarf der Raubritter nicht, um jedes Jahr aufs Neue den Produktivitätszuwachs den Arbeitnehmern vorzuenthalten und die Arbeitseinkommensquote weiter zu senken. Alle Arten von Kapitalvertretern finden dies selbstverständlich, und häufig spielen auch Arbeitnehmervertreter und Arbeitnehmer mit, um im globalen ‚race to the bottom‘ den Standort zu stärken und vermeintlich Arbeitsplätze zu sichern. Und höhlen damit die Konsumnachfrage weiter aus, und prolongieren die Krise.

Nun, in dieser kleinen Serie beschäftigen wir uns mit Überlegungen zur Hypothese, dass menschliche Arbeit zunehmend durch Roboter ersetzt werden kann, oder – in Krugman’s Worten – mit ‚capital-biased technological change‘. Andere Aspekte des automatischen Subjekts sollen hier also nicht weiter vertieft werden.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Arbeitseinkommen, Arbeitseinkommensquote, Profitrate, Technologische Arbeitslosigkeit, Uncategorized

Roboter statt Arbeitnehmer (2): Technologische und marktinduzierte Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit, oder wie Marx sagte: „Überschuss an Arbeitskraft“, hat immer zwei Dimensionen: eine technologische und eine auf den Markt bezogene. Die Technologie gibt vor, wieviele Produkte die beschäftigte Menge an Arbeitskraft schafft. Der Markt bestimmt, ob diese Produkte dann auch absorbiert werden. „Überschuss an Arbeitskraft“ entsteht, wenn (bei voller Markträumung) die verwendete Technologie zu wenig arbeitsintensiv ist oder (bei ausreichend arbeitsintensiver Technologie) die Markträumung misslingt. Beide Aspekte sind ineinander verwoben, analytisch tut man gut daran sie voneinander zu trennen.

Die „technologische Arbeitslosigkeit“ tritt ein, wenn trotz Markträumung und Gleichgewicht auf allen Märkten die zur Reproduktion der Gesellschaft notwendigen Produkte von einer Menge an Arbeitskraft produziert wird, die unterhalb der gesamten vorhandenen Arbeitszeitmenge liegt. Es kommt zu einem Überschuss an Arbeitskraft, der seinem Wesen nach technologisch bestimmt ist: Um das Überleben der Gesellschaft zu sichern, bedarf es beim gegebenen Stand der Technologie einfach nicht der Gesamtmenge der vorhandenen Lohnarbeit. Die überschüssigen Lohnarbeiter werden aussortiert und brachgelegt.

„Technologische Arbeitslosigkeit“, für sich betrachtet, ist ein begrüßenswertes Phänomen, besagt es doch nichts anderes als: die technologische Entwicklung der Gesellschaft ist so weit fortgeschritten, dass nicht mehr die gesamte Arbeitskraft zu ihrer Reproduktion erforderlich ist. Menschliche Ressourcen können abgezogen und brachgelegt werden, sei es in Richtung Freizeit, Bildung, Verwaltung oder Kunst. Negativ wird das Phänomen erst dann, wenn die betroffene brachgelegte Arbeitskraft nicht alimentiert wird, wenn sich also mitten in einer reichen und gesättigten Gesellschaft Armut breit macht.

Dagegen ist die „marktinduzierte Arbeitslosigkeit“, besonders unter den heutigen Bedingungen, eine Geißel. Sie besagt nichts anderes als: die vorhandene Technologie und Arbeitskraft wird nicht voll ausgeschöpft, die Kapazitätsauslastung liegt beharrlich unterhalb des Optimums. „Überschuss an Arbeitskraft“ ist hier das Synonym für eine Gesellschaft, die einen hochentwickelten technologischen Apparat mit sich schleppt, für den sie aber keine Verwendung sieht. Eine Gesellschaft also, die Technologie entwickelt, um sie letztendlich nicht zu gebrauchen, ja: zu zerstören.

Diese „marktinduzierte Arbeitslosigkeit“ wird über die Verteilung in das Gefüge hineingetragen, indem die einen, die ausreichend verdienen, nicht ihr gesamtes Einkommen in Nachfrage umsetzen, während die anderen, die gerne nachfragen würden, aufgrund ihres zu geringen Einkommens nicht können. Das durch die Technologie festgelegte Angebot an Produkten wird also durch die Nachfrage restringiert, sodass sich das „Gleichgewicht“ unterhalb des Optimums einpendelt. Überfüllte Lager, überfüllte Märkte, wider Willen brachgelegte Arbeitskraft sind das allgegenwärtige Erscheinungsbild der marktinduzierten Arbeitslosigkeit.

Eine Gesellschaft, die technologisch imstande wäre, Reichtum und Sättigung für alle zu schaffen, kehrt sich solcherart in eine Gesellschaft des Mangels mitten im Reichtum. Ursache und Folge sind ineinander verschränkt: Die Nicht-Alimentierung der Brachgelegten führt zu zusätzlicher Arbeitslosigkeit und Nicht-Alimentierung der zusätzlich Brachgelegten. Die Katze beisst sich in den Schwanz, oder wie es Marx sagte: Das Elend und der Reichtum, „der Lohnarbeiter und das Kapital sind wie Promotheus an den Felsen gefesselt.“ Ihr Schicksal erfüllt sich nur in wechselseitiger Abhängigkeit.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Arbeitseinkommensquote, Arbeitslosigkeit, Krise der Arbeit, Marktinduzierte Arbeitslosigkeit, Technologische Arbeitslosigkeit