Archiv der Kategorie: Krise der Arbeit

Roboter statt Arbeitnehmer (4): Gedankenexperimente zur Prüfung ökonomischer Theorien?

Dies ist der vierte Beitrag unserer kleinen Roboter-Serie. Anbei – zur Bequemlichkeit unser LeserInnnen – die Links zu den bisher erschienenen Beiträgen.

Die Neuauflage der Roboter-Diskussion enthält einige Gedankenexperimente und Zukunfts-Szenarien. Wir halten diese für anregend und widmen ihnen daher dieses Posting.

Orientieren wir uns zunächst an Wikipedia:

„Ein Gedankenexperiment (oder Gedankenversuch) ist ein gedankliches Hilfsmittel, um bestimmte Theorien zu untermauern, zu widerlegen, zu veranschaulichen oder weiter zu denken.“

Dies ist es, was wir wollen: geeignete Gedankenexperimente rund um das Roboter-Thema finden, die uns helfen, ökonomische Theorien besser zu verstehen und weiterzudenken.

Robert Skidelsky

Robert Skidelsky

Mit dem Keynesianer Robert Skidelsky sehen wir das Roboter-Bild als rhetorische Stilfigur, als Metonymie für alle Arten von Automatisierung: Software und softwaregesteuerte Hardware zum Ersatz menschlicher Arbeit. Er fragt zunächst in seinem empfehlenswerten aktuellen Beitrag „The Rise of the Robots“ :

„What impact will automation – the so-called ‚rise of the robots‘ – have on wages and employment over the coming decades?“

Es folgt sein  „Human Robot Mechanics“-Gedankenexperiment

„Imagine a handful of technicians replacing a fleet of taxi drivers and truckers, a small cadre of human mechanics maintaining a full robot workforce, or a single data analyst and his software replacing a bank of quantitative researchers. What produces value in such an economy will no longer be wage labor.“

… mit dem Lösungsvorschlag der fairen Verteilung der Produktivitätsgewinne nebst Arbeitszeitverkürzung:

„If one machine can cut necessary human labor by half, why make half of the workforce redundant, rather than employing the same number for half the time? Why not take advantage of automation to reduce the average working week from 40 hours to 30, and then to 20, and then to ten, with each diminishing block of labor time counting as a full time job? This would be possible if the gains from automation were not mostly seized by the rich and powerful, but were distributed fairly instead.
Rather than try to repel the advance of the machine, which is all that the Luddites could imagine, we should prepare for a future of more leisure, which automation makes possible. But, to do that, we first need a revolution in social thinking.“

Larry Summers

Larry Summers

Der Ökonom und ehemalige US Finanzminister Larry Summers entwickelte zu demselben Thema sein schlichtes „Doer“-Gedankenexperiment und präsentierte auch gleich dessen Konsequenzen, wie Economics Ph.D. Student Owen Zidar im Juni 2012 berichtete:

„At a recent talk at Berkeley, Larry Summers asked us to engage in the following thought experiment.

Suppose that a new technology called “the Doer” will be created tomorrow. Doers can do anything flawlessly. They can build a house, give a massage, or make a guitar.

What would the world of Doers look like?

  1. Cheaper, high quality goods would proliferate.
  2. The price of raw materials would increase as raw inputs for doers would become more scarce and thus more valuable.
  3. People who can think of new things for Doers to do or of new ways for Doers to do things will make a lot of money.
  4. For everyone else, the value of working for an hour will be nearly zero (since Doers can do everything already, no extra value is created). Therefore, hourly wages will go to zero.

Citing 3D printers and Google’s driverless cars, Summers argued that while we aren’t quite living in the world of Doers, we are perhaps 15 or 20% of the way there.“

Paul Krugman

Paul Krugman

Krugman entwirft in seinem Posting „Is Growth Over“ vom 26.12.2012 das folgende  „Fantasy Technology Scenario“

„Consider for a moment a sort of fantasy technology scenario, in which we could produce intelligent robots able to do everything a person can do. Clearly, such a technology would remove all limits on per capita GDP, as long as you don’t count robots among the capitas. All you need to do is keep raising the ratio of robots to humans, and you get whatever GDP you want.“

… und stellt sich folgende Auswirkungen vor:

„Ah, you ask, but what about the people? Very good question. Smart machines may make higher GDP possible, but also reduce the demand for people — including smart people. So we could be looking at a society that grows ever richer, but in which all the gains in wealth accrue to whoever owns the robots.“

In seinem theoretisch relevanten Posting zu „Capital-biased Technological Progress“ von demselben Tag verwendet er ein etwas zweifelhaftes (und von Dean Baker zu Recht kritisiertes) ökonomisches Modell und erreicht damit eine erste interessante Abschätzung der Auswirkungen auf Löhne und funktionale Einkommensverteilung:

„What will the distribution of income be in this case? …

So what happens? It’s obvious from the figure that wages fall relative to the cost of capital; it’s less obvious, maybe, but nonetheless true that real wages must fall in absolute terms as well. In this specific example, technological progress reduces the real wage by a third, to 0.667, while the cost of capital rises to 2.33.“

Wir halten fest:

  • Die Roboter-Gedankenexperimente renommierter Ökonomen beziehen sich auf eine Ökonomie, in der Roboter (eigentlich: software-gestützte Automatisierung) fast alle oder alle Waren und Dienstleistungen besser und schneller produzieren können als der Mensch.
  • Gefragt wird nach der Zukunft von Arbeit und Arbeitszeit, dem Reallohn, sowie der funktionalen Einkommensverteilung, und nach den gesellschaftlichen Transformationen, die wir in dieser neuen Welt eventuell benötigen.
  • Weitere Fragen sollten sich auf die Herstellungskosten für Roboter, sowie auf den Preis der durch Roboter produzierten Waren und Dienstleistungen beziehen.

Was noch weitgehend fehlt, ist der zielgerichtete Einsatz der beschriebenen Gedankenexperimente, um ökonomische Theorien zu untermauern, zu widerlegen, zu veranschaulichen oder weiter zu denken.

Wir wollen dazu beispielhaft einige Fragen äußern und folgen dabei einem chronologischen Ansatz:

Genügend Stoff für kluge Dissionsbeiträge professioneller Ökonomen, sollte man meinen. Man fragt sich, warum diese interessante und relevante Diskussion nicht schon längst im Lichte der herrschenden und alternativen ökonomischen Theorien vertieft wird. Haben die Theorien oder deren Praktikanten etwa so wenig beizutragen?

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Roboter statt Arbeitnehmer (2): Technologische und marktinduzierte Arbeitslosigkeit

Arbeitslosigkeit, oder wie Marx sagte: „Überschuss an Arbeitskraft“, hat immer zwei Dimensionen: eine technologische und eine auf den Markt bezogene. Die Technologie gibt vor, wieviele Produkte die beschäftigte Menge an Arbeitskraft schafft. Der Markt bestimmt, ob diese Produkte dann auch absorbiert werden. „Überschuss an Arbeitskraft“ entsteht, wenn (bei voller Markträumung) die verwendete Technologie zu wenig arbeitsintensiv ist oder (bei ausreichend arbeitsintensiver Technologie) die Markträumung misslingt. Beide Aspekte sind ineinander verwoben, analytisch tut man gut daran sie voneinander zu trennen.

Die „technologische Arbeitslosigkeit“ tritt ein, wenn trotz Markträumung und Gleichgewicht auf allen Märkten die zur Reproduktion der Gesellschaft notwendigen Produkte von einer Menge an Arbeitskraft produziert wird, die unterhalb der gesamten vorhandenen Arbeitszeitmenge liegt. Es kommt zu einem Überschuss an Arbeitskraft, der seinem Wesen nach technologisch bestimmt ist: Um das Überleben der Gesellschaft zu sichern, bedarf es beim gegebenen Stand der Technologie einfach nicht der Gesamtmenge der vorhandenen Lohnarbeit. Die überschüssigen Lohnarbeiter werden aussortiert und brachgelegt.

„Technologische Arbeitslosigkeit“, für sich betrachtet, ist ein begrüßenswertes Phänomen, besagt es doch nichts anderes als: die technologische Entwicklung der Gesellschaft ist so weit fortgeschritten, dass nicht mehr die gesamte Arbeitskraft zu ihrer Reproduktion erforderlich ist. Menschliche Ressourcen können abgezogen und brachgelegt werden, sei es in Richtung Freizeit, Bildung, Verwaltung oder Kunst. Negativ wird das Phänomen erst dann, wenn die betroffene brachgelegte Arbeitskraft nicht alimentiert wird, wenn sich also mitten in einer reichen und gesättigten Gesellschaft Armut breit macht.

Dagegen ist die „marktinduzierte Arbeitslosigkeit“, besonders unter den heutigen Bedingungen, eine Geißel. Sie besagt nichts anderes als: die vorhandene Technologie und Arbeitskraft wird nicht voll ausgeschöpft, die Kapazitätsauslastung liegt beharrlich unterhalb des Optimums. „Überschuss an Arbeitskraft“ ist hier das Synonym für eine Gesellschaft, die einen hochentwickelten technologischen Apparat mit sich schleppt, für den sie aber keine Verwendung sieht. Eine Gesellschaft also, die Technologie entwickelt, um sie letztendlich nicht zu gebrauchen, ja: zu zerstören.

Diese „marktinduzierte Arbeitslosigkeit“ wird über die Verteilung in das Gefüge hineingetragen, indem die einen, die ausreichend verdienen, nicht ihr gesamtes Einkommen in Nachfrage umsetzen, während die anderen, die gerne nachfragen würden, aufgrund ihres zu geringen Einkommens nicht können. Das durch die Technologie festgelegte Angebot an Produkten wird also durch die Nachfrage restringiert, sodass sich das „Gleichgewicht“ unterhalb des Optimums einpendelt. Überfüllte Lager, überfüllte Märkte, wider Willen brachgelegte Arbeitskraft sind das allgegenwärtige Erscheinungsbild der marktinduzierten Arbeitslosigkeit.

Eine Gesellschaft, die technologisch imstande wäre, Reichtum und Sättigung für alle zu schaffen, kehrt sich solcherart in eine Gesellschaft des Mangels mitten im Reichtum. Ursache und Folge sind ineinander verschränkt: Die Nicht-Alimentierung der Brachgelegten führt zu zusätzlicher Arbeitslosigkeit und Nicht-Alimentierung der zusätzlich Brachgelegten. Die Katze beisst sich in den Schwanz, oder wie es Marx sagte: Das Elend und der Reichtum, „der Lohnarbeiter und das Kapital sind wie Promotheus an den Felsen gefesselt.“ Ihr Schicksal erfüllt sich nur in wechselseitiger Abhängigkeit.

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Eine alternative Vision für die Krise der Eurozone

Wir freuen uns, den nachfolgenden Aufruf für eine andere Politik zur Überwindung der Krise in der Eurozone hier veröffentlichen zu können. Der ursprüngliche Text findet sich im empfehlenswerten Blog Naked Keynesianism – die Redaktion.

An Alternative Vision for the Eurozone Crisis

The Eurozone crisis has been reduced, according to the mainstream diagnosis, to a fiscal crisis caused by excessive public spending and a competitiveness gap between North and South. The mainstream solution is to close this gap by means of ‘expansionary fiscal austerity’ and wage reductions. This has been admitted even by the IMF to be a dead end.

In our opinion the root of the Euro crisis lies in both the inadequate institutional set up of the Eurozone, which lacks a genuine lender of last resort and sufficiently coordinated fiscal and wage policies, and on an over-liquid and under-regulated international financial market that was more than happy to finance any imbalance – no matter how unsustainable it was.

What we had in Continental Europe were mutually dependent models of growth. The mercantilist export-led growth of the North could not have been sustained without a (remarkably easy-to-finance) debt-driven model in the South, accumulating trade deficits and private and public debt. In the aftermath of the financial crisis, the private debt was turned into sovereign debt. The Irish case is an extreme example of this process. The ensuing austerity policies enforced upon the governments increased unemployment to a socially unacceptable level. If continued these policies will lead to a prolonged depression and even more social unrest.

European institutions were and still are not able to deal with such structural imbalances in an adequate way. Mass unemployment and social deprivation resulting from austerity policies is threatening the survival of democracy in the European Union.

Alternative perspectives
On the basis of our diagnosis we are convinced that Europe should reverse the current austerity policy regime. This would require profound institutional and policy change.

In terms of monetary policy, we believe that ECB should act as a credible lender of last resort to relieve the sovereign debt crisis. Strict regulation of financial markets is a further step, and it is necessary to separate investment banking from commercial banking.

In terms of fiscal policy, the link between the ECB and fiscal conditionality should be fundamentally changed. Monetary policy should support and accommodate progressive fiscal rules aiming at employment creation and growth. Budget deficits can only be consolidated in a growing economy.

These growth stimulating policies are consistent with the desired long run stabilization of debt-to-GDP ratios. In the present situation of mass unemployment, these policies do not carry a significant risk of inflation.

We also believe that the adjustment has to be supported by stimulation of consumption via higher wages starting from the core surplus countries (like Germany) where wage restraint policies have considerably contributed to the growing income inequalities and current account imbalances in the Eurozone.

If the German finance minister believes in what he said, that no country can live forever beyond its means, then it must also be clear that no country can live indefinitely below its means. This implies that the change in the wage policy in Germany has to be an important part of the solution.

Mutual prosperity of the Eurozone countries and their citizens through demand expansion, rather than demand contraction through fiscal consolidation for the benefit of high finance, must be recognized as the imperative for the political viability of the Euro project. We must have the intellectual honesty and courage to act accordingly.

Signed by

—-

Amit Bhaduri
Jawaharlal Nehru University, New Delhi, India

Thomas Boylan
National University of Ireland, Galway, Ireland

Sergio Cesaratto
Università degli studi, Siena, Italy

Nadia Garbellini
Università degli Studi di Pavia, Italy

Torsten Niechoj
Rhine-Waal University of Applied Sciences, Kamp-Lintfort, Germany

Gabriel Palma
University of Cambridge, UK

Srinivas Raghavendra
National University of Ireland, Galway, Ireland

Rune Skarstein
Norwegian University of Science and Technology, Norway

Herbert Walther
Vienna University of Economics and Business, Austria

Ariel L. Wirkierman
Università Cattolica di Milano, Italy

Kazimierz Laski
University of Linz, Austria

Corresponding author: Srinivas Raghavendra (s.raghav@nuigalway.ie)

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KPI Meditation (1) – Die Arbeitseinkommensquote

Mit diesem Posting übernehmen wir das in der Unternehmenswelt so beliebte Konzept des Key Performance Indicator, um über die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise nachzudenken.

In der deutschen Wikipedia findet sich zur holprig-deutschen Übersetzung ‚Leistungskennzahl‘ keine Eintragung. Zu ‚Key Performance Indicator‘ hingegen wird erläutert:

„Der Begriff Key Performance Indicator (KPI) bzw. Leistungskennzahl bezeichnet in der Betriebswirtschaftslehre Kennzahlen, anhand derer der Fortschritt oder der Erfüllungsgrad hinsichtlich wichtiger Zielsetzungen oder kritischer Erfolgsfaktoren innerhalb einer Organisation gemessen und/oder ermittelt werden kann (siehe auch Betriebswirtschaftliche Kennzahl).“

Die Arbeitseinkommensquote gilt als grober, aber zuverlässiger KPI für die funktionale Verteilung des Einkommens zwischen Profiten und Arbeitseinkommen. Sie ist der Anteil des Arbeitsentgelts (Arbeitnehmerentgelt + kalkulatorischer Unternehmerlohn) am Volkseinkommen und wird durch Verschiebungen im Verhältnis von abhängig zu selbstständig Erwerbstätigen kaum beeinflusst. Üblicherweise wird das Brutto-Arbeitsentgelt (vor Sozialversicherungsabgaben und Lohnsteuer) verwendet.

Engelbert Stockhammer

Engelbert Stockhammer

Stockhammer bringt in seiner aktuellen Studie ‚Rising Inequality as a Root Cause of the Present Crisis‘ den Rückgang der Arbeitseinkommensquote (adjusted wage share) als Krisenursache für Kontinentaleuropa ins Spiel.

Joseph Stiglitz

Joseph Stiglitz

Stiglitz stellt für die USA u.a. in seinem Buch ‚The Price of Inequality‘ dar, dass steigende Einkommens- und Vermögensungleichheit das Wachstum hemmt und Instabilität – also Finanz- und Wirtschaftskrisen – begünstigt.

Grund genug, diesem Thema für die Eurozone noch etwas detaillierter nachzugehen.

Die Arbeitseinkommensquote in den Staaten der Eurozone seit 1980

Sehen wir uns dazu ein erstes Bild für jene Eurozone-Staaten an, für die zumindest ab 1980 Daten vorliegen:

Der Abwärtstrend ist deutlich zu erkennen. Doch welche Bedeutung hat diese Entwicklung? Und warum beginnen wir den Chart im Jahr 1980? Zunächst zur zweiten Frage.

Globalisierung

Jacques de Larosière, ehemaliger IMF Direktor und Gouverneur der Banque de France, sagt in seinen Reflexionen zur Geschichte der Globaliserung über deren aktuelle Phase:

„After the second world war, the Bretton Woods system tried to rebuild a certain order based on gradual liberalisation of international trade and the abandonment of competitive evaluations under the authority of the IMF. This system worked rather well in spite of the end of the fixed exchange rate in 1971.

Then the deregulation of the 80’s and the „thatcherian“ reaction against the excesses of state interventionism have led to a new phase of globalisation, the one we know today. The end of the planified soviet system of economies in 1989 accelerated the process and now China and India are intergrated in the world system.“

Wir befinden uns also in einer neuen und intensiven Phase der Globalisierung, die Anfang der 1980-er Jahre begann.

Arbeitseinkommens-Verluste

Um die Bedeutung dieser Entwicklung besser zu verstehen, wollen wir uns zunächst am Beispiel des Jahres 2013 ansehen, welche jährlichen Verluste an Arbeitseinkommen im Vergleich zu 1980 – unserem Referenzjahr – auftreten. Für das Jahr 2013 handelt es sich natürlich noch nicht um tatsächliche Verluste, sondern um prognostizierte.

Arbeitseinkommens-Verluste in der Eurozone, in Prozent des GDP
Staat Verlust 2013
Belgien -5,0
Deutschland -5,5
Irland -21,2
Griechenland -12,4
Spanien -15,4
Frankreich -7,8
Italien -12,4
Luxemburg -10,2
Niederlande -9,1
Österreich -8,9
Portugal -12,6
Finnland -7,1



Die folgende Grafik stellt den Sachverhalt anschaulich dar (Grafik anklicken für ein vergrößertes Bild):

Offene Fragen

An dieser Stelle ergeben sich einige weitere Fragen zu den Auswirkungen der Arbeitseinkommens-Verluste, mit denen wir das heutige Posting abschließen wollen:

  • Wenn die Arbeitseinkommens-Quote um 10% des GDP sinkt, und die Gewinnquote in demselben Ausmaß steigt, wie verändert sich die Nachfrage nach Investitions- und Konsumgütern?
  • Wenn das Brutto-Arbeitseinkommen um 10% des GDP sinkt, was bedeutet dies für das Haushalts-Nettoeinkommen?
  • Gibt es eine Arbeitseinkommensquote, die als zu niedrig angesehen werden kann, und woran würde man sie erkennen?
  • Wie kann die Gesamtnachfrage (aggregate demand) überhaupt aufrechterhalten werden, wenn die Arbeitseinkommensquote signifikant sinkt?
  • Ab wann würde in einem solchen System massive Arbeitslosigkeit – wie etwa derzeit in Spanien und Griechenland – auftreten?
  • In welchem Ausmaß hat seit 1980 die Erhöhung des Kreditvolumens die reduzierte Nachfrage der Haushalte kompensiert und damit die Entstehung beträchtlicher Arbeitslosigkeit in die Zukunft verschoben?

Wir hoffen, unsere gelegentlichen Leser/innen angeregt zu haben und behalten uns vor, die eine oder andere der gestellten Fragen in einem Folge-Posting zu vertiefen.

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Schafft Arbeit für die Arbeitslosen – Teil 2: Anmerkungen zu den Ursachen

Können wir die Probleme der Eurozone lösen, wenn wir deren Ursachen missverstehen? – Wohl kaum.
Dies gilt dann auch für die Arbeitslosigkeit und angrenzende Probleme, wie etwa die wachsende Anzahl von Menschen, die im Prekariat leben (z.B. die ‚working poor‘).

Was nun sind die wesentlichsten Ursachen, und was ist deren Missverstehen?

Eine der überzeugendsten Analysen zu den Ursachen der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise stammt vom österreichischen Ökonomen Engelbert Stockhammer, der derzeit als Professor of Economics an der Kingston University London lehrt.

Engelbert Stockhammer

Engelbert Stockhammer

In seiner exzellenten Studie „Rising Inequality as a Root Cause of the Present Crisis“ (April 2012) zeichnet er ein instruktives Bild der Zusammenhänge:

Er beschreibt also zwei Hauptursachen, die seit Beginn der 1980-er Jahre wirksam waren, nämlich

  • die Deregulierung der Finanzmärkte, die privaten Haushalten und Staaten ermöglichte, vermehrt Schulden aufzunehmen.
  • sowie die immer ungleichere Einkommens- und Vermögensverteilung. Diese hätte ohne steigende Verschuldung zu einer signifikanten Schwächung der Binnen-Nachfrage geführt, da Bezieher geringerer Einkommen einen höheren Anteil ihres Einkommens konsumieren.

Die zunehmende Ungleichheit zeigt sich in den englischsprechenden Staaten insbesondere im spektakulären Wachstum der Top-Einkommen (so haben etwa die oberen 1% der Einkommensbezieher in den USA ihren Einkommensanteil um mehr als 10% gesteigert), während in den kontinentaleuropäischen Staaten besonders der dramatische Rückgang der bereinigten Lohnquote (etwa um 10% des GDP) auffällt.

Innerhalb der Staaten kam es mit dem steigenden Vermögen der Superreichen und der Deregulation der Finanzmärkte zur Einführung zahlreicher Finanzprodukte, die überdurchschnittliche Renditen versprachen. Wie sich nun im Rückblick zeigt, führte diese Entwicklung zu Asset-Bubbles, besonders bei Immobilien.

Für die globalen wirtschaftlichen Verflechtungen hingegen erwies sich die Herausbildung von zwei verschiedenen Wachstumsmodellen als relevant:

  • In den englischsprechenden Staaten sowie in Mittelmeer-Staaten kam es zu einem schuldengetriebenen Wachstumsmodell, begleitet von Leistungsbilanzdefiziten.
  • In Staaten wie Deutschland, Japan oder China kam es hingegen zu einem exportgetriebenen Wachstumsmodell, begleitet von Leistungsbilanzüberschüssen.

Stockhammer kommt also zur Schlussfolgerung, dass Einkommens- und Vermögensungleichheit im Zusammenspiel mit der Deregulation der Finanzmärkte die fundamentale Ursache der gegenwärtigen Krise und der mit ihr verbundenen Ungleichgewichte und Folgen darstellt.

Wie hingegen werden die Krisenursachen typischerweise missverstanden?

Im Binnen-Diskurs der Eurozone wird die Ursache der Krise hauptsächlich dem unverantwortlichen Handeln verschiedener Teilnehmer zugeschrieben, wobei systemische und strukturelle Fragen gar nicht erst diskutiert werden. Verursacher (’schuld‘) sind demnach

  • unverantwortliche Staaten, die sich immer weiter verschulden.
  • unverantwortliche Haushalte, die über ihre Verhältnisse leben.
  • unverantwortliche Banken, die uneinbringliche Kredite vergeben haben oder mit komplexen Finanzprodukten Verluste schreiben, und in der Folge staatliche Unterstützung benötigen.

Die Konnotation zwischen ‚Schulden‘ und ‚Schuld‘ wird dabei – hauptsächlich von konservativen Kräften – ganz zwanglos hergestellt.

Bei solchem Missverstehen liegt dann auch der Fehlschluss sehr nahe, dass die Krise überwunden werden kann, wenn die ‚unverantwortlichen‘ Teilnehmer wieder zu ‚verantwortlichem‘ Handeln gebracht werden.

Ein Kommentar

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Schafft Arbeit für die Arbeitslosen – Teil 1: Zur Lage

Gemäß der am 2. Mai von Eurostat publizierten Arbeitslosendaten für März 2012 liegt die durchschnittliche Arbeitslosigkeit im Euroland (EA17) nunmehr bei 10,9% und ist damit um 1% höher als vor einem Jahr.

Besonders dramatisch war die Entwicklung im letzten Jahr in

  • Spanien: nun 24,1% und damit eine Steigerung der Quote um 3,3%
  • Griechenland: 21,7% (dies ist noch die Jänner-Zahl) – um volle 7% höher als im Jänner 2011
  • sowie in Portugal: 15,3% – eine Steigerung von 2,9%

Das folgende Bild (Quelle: Eurostat) stellt dies anschaulich dar:

Total Unemployment in Euroarea (January 1995 - March 2012)

Noch schlimmer die Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit im letzten Jahr in

  • Griechenland: 51,2% (Jänner 2012) – eine Steigerung der Quote gegenüber Jänner 2011 um 13,9%!
  • Spanien: 51,1% (März 2012) – und damit um 6,2% höher als im März 2011
  • Portugal: 36,1% (März 2012) – Quote um 8,5% höher
  • und Italien: 35,9% (März 2012) – und damit 7,6% mehr Jugendliche ohne Job

In Griechenland und Spanien ist damit jeder zweite arbeitsfähige und willige Jugendliche (Alter >15 und <25) Jahren arbeitslos. In Portugal und Italien mehr als jeder Dritte! Hier werden Hoffnungen zerstört, berufliche Entwicklungen und Familiengründungen verunmöglicht, und es wird von unserer Überfluss-Gesellschaft materielle Not erzeugt!

Eine grafische Darstellung dieser beunruhigenden Entwicklung:

Youth Unemployment in Euroarea (January 1995 - March 2012)

Es lohnt sich, die beiden Bilder einige Zeit auf sich wirken zu lassen. Dabei entsteht zumindest für den Autor dieses Artikels ein tiefer Unwille, die dargestellten Fakten einfach hinzunehmen.

Die jugendlichen und erwachsenen Arbeitslosen im Euroland – und darüber hinaus das Prekariat – verdienen unsere Solidarität mit ihrer Notlage, die überdies den von der UN-Vollversammlung im Jahr 1948 verkündeten Menschenrechten widerspricht.

Ein Auszug aus Artikel 23:

  • „Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.“
  • „Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen.“

Wir werden daher in einigen Folge-Beiträgen Überlegungen und Reform-Vorschläge zur Diskussion stellen.

Es ist an der Zeit, nicht nur die monetären Aspekte der Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern vor allem auch deren Opfer in den Mittelpunkt der Überlegungen zu stellen.

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