Roboter statt Arbeitnehmer (1): Rückgang der US Arbeitseinkommensquote trotz Reshoring

Überraschenderweise wurde das alte Thema der möglichen Vernichtung von Arbeitsplätzen durch technologischen Fortschritt gerade durch Paul Krugman im Dezember aus der Mottenkiste geholt und ins Bewusstsein von Berufs- und Amateur-Ökonomen gehoben.

Paul Krugman

Paul Krugman

Unmittelbarer Anlass war ein Artikel von Catherine Rampell, der mögliche Gründe für gelegentlich auftretende Rückverlagerungen von Produktions-Arbeitsplätzen in die USA (‚re-shoring‘) anführt:

  • günstige Energiekosten in den USA
  • kürzere Wertschöpfungsketten
  • bessere Qualitätskontrolle
  • bessere Sicherstellung von geistigem Eigentum
  • stark steigende Reallöhne in China (2010 mehr als dreimal so hoch wie 2000) bei gleichzeitiger Reallohn-Stagnation in ‚entwickelten Staaten‘

Die steigenden Löhne bieten nach Rampell einen großen Anreiz zu weiterer Automatisierung, was wiederum die Rückverlagerung von (wenigen) Arbeitsplätzen in die USA wirtschaftlicher macht:

„The most valuable part of each computer, a motherboard loaded with microprocessors and memory, is already largely made with robots …
As more robots are built, largely by other robots, „assembly can be done here as well as anywhere else,“ said Rob Enderle, an analyst based in San Jose, Calif., who has been following the computer electronics industry for a quarter-century. „That will replace most of the workers, though you will need a few people to manage the robots.“ „

In seinem ersten aktuellen Beitrag zu diesem Thema am 8.12.2012 – Rise of the Robots – stellt Krugman einen Zusammenhang zur fallenden Arbeitseinkommensquote in den USA her:

„What has happened, on the other hand, is a notable shift in income away from labor.“

USA: Arbeitseinkommensquote 1970-2010

USA: Arbeitseinkommensquote 1970-2010
Quelle: Paul Krugman Blog

Eine vergleichbare Entwicklung fand auch in den Staaten der Eurozone statt (siehe dazu unseren Beitrag hier ):

Eurozone-Staaten: Arbeitseinkommensquote 1980-2013

Eurozone-Staaten: Arbeitseinkommensquote 1980-2013
Quelle: economy at risk

Krugman schließt mit unüblicher Selbstkritik nebst Anspielung auf Karl Marx:

„I think our eyes have been averted from the capital/labor dimension of inequality, for several reasons. It didn’t seem crucial back in the 1990s, and not enough people (me included!) have looked up to notice that things have changed. It has echoes of old-fashioned Marxism — which shouldn’t be a reason to ignore facts, but too often is. And it has really uncomfortable implications.

But I think we’d better start paying attention to those implications.“

Wir werden die Diskussion dieses interessanten Themas in einigen Folgebeiträgen vertiefen.

Ein Kommentar

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Wissenschaft als Hingabe an Zwang

„Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“
(Goethe, Faust)

Oder etwa nicht? Sollte man ernsthaft vermuten, dass die EU-Getreuen zunächst denken und dann handeln? Dass sie tatsächlich einem wie auch immer gearteten Plan folgen? Dass die Konsolidierung der Staatshaushalte aus einem Nachdenken geboren wurde? Um Gottes Willen, nein! Alles, was an Papierwerk geschaffen wurde, alles, was heute an Begründungen nachgeschoben wird, soll umgekehrt die Tat rechtfertigen, die im Affekt gesetzt wurde. Und diese Tat war eine schöne nicht.

Man muss festhalten: Die Staaten weltweit fühlen sich zum Sparen gezwungen. Die USA ringt genauso um ihre Finanzen wie Großbritannien oder Japan. Nirgends jedoch wird die Konsolidierung der Haushalte mit einem derartigen Eifer betrieben wie hier in Europa und nirgends sind die dadurch verursachten Schäden so gross wie hier. Es ist wie im Mittelalter als hätten sich Geblendete zur Hexenverbrennung zusammengefunden. Woher stammt der merkwürdige Glaube an die Gesund-Schrumpfung?

Wenn es kein Nachdenken ist, keine Wissenschaft, keine redliche Forschung, die die Europäer zu ihrer Tat veranlasst, dann ist es: Zwang. Und tatsächlich behaupten die Verantwortlichen, dass sie den Zwängen der Märkte folgen, die die Finanzierung der Staaten über die Anleihenmärkte gewährleisten sollen. Solange man diese Prämisse akzeptiert, dass der Staat durch privates Geld versorgt werden soll, und nicht durch neu von der EZB geschöpftes, solange erscheint einem das Staaten-Dasein als Zwang.

Doch aufgepasst! Auch hier gibt es kein Nachdenken, kein Sinnieren, weshalb die japanische und US-Notenbank in der Lage sind den Staat zu versorgen und die EZB nicht. Kein Mensch denkt darüber nach, wieso für die einen gilt, was für die anderen nicht gilt, wie man aus den tagtäglichen Kommentaren ersehen kann. Stattdessen wird in grossen Lettern das Fehlverhalten der FED kritisiert und der nahe Zusammenbruch des US-Geldsystems behauptet. Ja, so blind können Hexenverbrenner sein!

Es ist nunmal eine Tatsache, dass sich die EZB durch die einzelstaatliche Zergliederung selbst blockiert. Keine nationale Notenbank will für die andere Verantwortung übernehmen, alle Handlungen werden aus der Sicht der eigenen Bilanz betrachtet, jeder starrt auf sich. Im Ergebnis führt dies dazu, dass die EZB wie eine private Geschäftsbank auftritt immer mit einem Auge auf ihre Assets. Der „lender of last resort“ mutiert unter dem Zwang der nationalen Perspektive zu einem profitorientierten Bankhaus.

Was bleibt den europäischen Staaten, wenn ihnen die Finanzierung durch die Notenbank versperrt bleibt? Wenn sie, weil jeder für sich, den Willen oder die Macht nicht besitzen die Notenbank zu zwingen? Was tun, wenn es keine Option einer dauerhaften Finanzierung durch die Notenpresse gibt? Sparen! Konsolidieren! Gesund-Schrumpfen! Sich dem Zwang wie einer Lust hingeben, die Unabhängigkeit der EZB beteuern und Studien veröffentlichen um seine Fixierung zu rechtfertigen. Das ist der Stand der Wissenschaft!

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KPI Meditation (2) – Der fiskalische Multiplikator als Grenzgänger zwischen Religion und Wissenschaft

Dies ist der zweite Teil einiger kleiner Meditationen über wirtschaftliche Key Performance Indicators (KPIs) – Kennzahlen, an denen sich Politik orientiert oder orientieren sollte. Teil 1 zur Arbeitseinkommensquote – eine Kennzahl, die mehr Beachtung verdient, findet sich hier.

Begriff und Entstehung

Der fiskalische Multiplikator gibt – vereinfacht gesprochen – an, wie sich eine veränderte Fiskalpolitik auf die Wirtschaftsleistung (GDP: Gross Domestic Product) auswirkt. Eingeführt von Richard F. Kahn und diskutiert von J0hn Maynard Keynes im 10. Kapitel seines einflussreichen Werkes ‚The General Theory of Employment, Interest and Money‘, ist der fiskalische Multiplikator seit dem Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

John Maynard Keynes

John Maynard Keynes

Aktuelle Bedeutung

Für die Eurozone wird mit Hilfe des fiskalischen Multiplikators von internationalen und nationalen Institutionen vorausgesagt, wie sich Budgetkonsolidierungen auf das GDP auswirken.

An einem Beispiel:
Konsolidiert Spanien sein Budget durch Steuererhöhungen oder Reduktion von Staatsausgaben um 2% des GDP und beträgt der fiskalische Multiplikator 0.5, dann bewirkt dies eine Reduktion des GDP um 1%. Beträgt der fiskalische Multiplikator hingegen 1.5, dann reduziert sich das GDP um 3%. Auch negative Multiplikatoren sind denkbar: die Wirtschaftsleistung würde demnach dann steigen, wenn der Staat spart. Dieser Glaube wird vom Keynesianer Paul Krugman gerne als ‚Confidence Fairy‘ – die gute Fee der Zuversicht – bezeichnet.

Aus dem fiskalischen Multiplikator werden weitere wichtige Indikatoren abgeleitet: Prognosen zum Verhältnis von Staatsschuld zu Wirtschaftsleistung (Debt-to-GDP Ratio) sowie zur Zunahme oder Abnahme der Arbeitslosigkeit. Verschätzt man sich und ist der Multiplikator bei Konsolidierungen höher als gedacht, ergeben sich unangenehme Konsequenzen: das GDP sinkt stärker als geplant, die Debt-to-GDP Ratio könnte sich verschlechtern statt verbessern, und zahlreiche Menschen werden zusätzlich der Arbeitslosigkeit preisgegeben.

Eine fröhliche Wissenschaft

Die für die Eurozone wichtigsten Prophezeihungen stammen von den Sehern und Seherinnen des Internationalen Währungsfonds (IMF – International Monetary Fund)  und der EU-Kommission. Sie bedienen sich für ihre Orakel einer Glaskugel namens Makroökonomie. Allerdings behaupten sie, dass es sich nicht um eine Glaskugel, sondern um Wissenschaft handelt. Es hat jedoch den Anschein, als seien ihre Gedanken bisher nur die Schatten ihrer Empfindungen gewesen.

Nun, Physiker pflegen einigermaßen einig darüber zu sein, dass ein mit 70 km/h vorwärts fahrendes Auto in einer Stunde etwa 70 km in Fahrtrichtung zurückgelegt haben wird. Anders  jedoch Ökonomen, wenn sie ihre seltsamen Fachdiskussionen über den fiskalischen Multiplikator führen: sie wären in unserem Beispiel  nicht einmal darüber einig, in welche Richtung die Reise geht. Konservative Ökonomen meinten etwa zu Obamas expansivem Fiskalpaket Anfang 2009, dass kein positiver Einfluss auf GDP und Arbeitslosigkeit zu erwarten sei. Zusätzliche Staatsausgaben würden in der Hauptsache private Ausgaben verdrängen, und Haushalte würden in der Erwartung von Steuererhöhungen unverzüglich zu sparen beginnen, da sich ja der Staat das zusätzlich ausgegebene Geld umgehend zurückholen müsse.

Umso erstaunlicher liest sich daher die Selbst- und Fremdkritik des Internationalen Währungsfond (IMF) in seinem im Oktober erschienenen World Economic Outlook  ( Seite 41 ff):

„Are We Underestimating Short-Term Fiscal Multipliers?
… The main finding, based on data for 28 economies, is that the multipliers used in generating growth forecasts have been systematically too low since the start of the Great Recession, by 0.4 to 1.2, depending on the forecast source and the specifics of the estimation approach. Informal evidence suggests that the multipliers implicitly used to generate these forecasts are about 0.5. So actual multipliers may be higher, in the range of 0.9 to 1.7.“

Ist der Multiplikator größer als 1, dann handelt es sich bei restriktiver Budgetpolitik um einen Schuss, der nach hinten losgeht. Nun, was sagt die Empirie – wie war es denn tatsächlich, z.B. zwischen 2009 und 2011 in jenen Eurozone-Staaten, bei denen es zu einer nennenswerten fiskalischen Konsolidierung (mehr als 0.5% des GDP) kam? Da der IMF in seinem dicken Werk mit dünner, aber immerhin existenter Selbstkritik das Ausmaß der fiskalischen Konsolidierung nicht wirklich klar darstellt, verwenden wir als bestverfügbare Annäherung die Berechnungen von Jean-Michel Six und Sophie Tahiri von Standards & Poors.

Fiskalischer Multiplikator 2009-2011 für ausgewählte Eurozone-Staaten (Six & Tahiri, 25.9.2012)

Staaten Fiskalische
Konsolidierung
(% des GDP)
Reduktion der Wirtschaftsleistung
(% des GDP)
Fiskalischer
Multiplikator
Griechenland 11.9 18.1 1.5
Portugal 7.3 4.8 0.7
Irland 4.1 13.5 3.3
Spanien 3.4 7.1 2.1
Frankreich 1.5 1.5 1.0
Italien 0.7 0.9 1.3
Durchschnitt 4.8 7.7 1.6

Für Eurozone-Staaten mit fiskalischem Konsolidierungsbedarf > 0.5 % lag also der durchschnittliche fiskalische Multiplikator bei etwa 1.6.

Wachstumsprognosen der Troika und Realität

Wir werfen noch einen kurzen Blick auf die bisherigen Wachstumsprognosen der Troika, mit anerkennender Erwähnung von Jesse Frederik von ‚Follow the Money‘. Die folgende von ihm erstellte Grafik zeigt übersichtlich die Troika-Prognosen zum griechischen Wirtschaftswachstum und vergleicht sie mit der tatsächlichen Entwicklung – ein Leckerbissen für alle Freunde der Visualisierung.

Troika GDP Prognose 2007-2012Quelle: Follow the Money, Datum: 13.11.2012

Troika GDP Prognose 2007-2012
Quelle: Follow the Money, Datum: 13.11.2012

Es fällt auf, dass bei aufeinanderfolgenden Voraussagen die Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Erholung zunimmt. Je weniger sich also der alte Glaube erfüllte, desto stärker wurde an ihm festgehalten – dies nur als bescheidener Hinweis für Religions-Soziologen.

Schlussfolgerungen und Ausblick

  • Der desaströse Zustand der Mainstream-Makroökonomie führte zu einer gewaltigen Unterschätzung der fiskalischen Multiplikatoren für Eurozone-Staaten mit fiskalischem Konsolidierungsbedarf.
  • Daraus ergab sich eine wesentlich höhere reale Wirtschaftsschrumpfung (Priester der Ökonomen-Kaste ziehen den Begriff ’negatives Wachstum‘ vor) und Arbeitslosigkeit als angenommen. Auch die Debt-to-GDP Ratio konnte nicht wie vorgesehen verbessert werden.
  • Es entsteht ein erhöhter Finanzierungsbedarf für Eurozone-Problemstaaten.
  • Eine zuverlässige fiskalische Stabilisierungspolitik ist in weite Ferne gerückt, wie am ‚Frontrunner‘ Griechenland erkennbar. Die gegenwärtige Fiskalpolitik der Eurozone ist als erfolglos zu qualifizieren und dabei, jegliches Vertrauen zu verspielen.
  • Eine offene Diskussion alternativer Lösungsansätze ist dringend geboten.

Eine separate Aufgabenstellung wäre eine erkenntnistheoretisch orientierte Kritik der bisherigen ökonomischen Wissenschaft und ihrer Methoden, am Beispiel des fiskalischen Multiplikators. Ein guter Philosoph hätte seinen Spaß daran.

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Mit der Reduzierung der Staatsschuld schrumpft auch das Vermögen !

Wenn man das Gemurkse, das tagtägliche Entstehen krauser Ideen in den Köpfen der europäischen Politik beobachtet, fällt einem ganz spontan Karl Marx ein: „Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet?“ Ja, es hat sich etwas geändert im institutionellen Rahmen der europäischen Geldproduktion, das so verrückten Ideen wie „Haushaltsdisziplin“ und „Schuldenbremse“ Tür und Tor öffnet. Wir müssen in einer Zeit der materiellen Verwirrung leben, die mit der Fehlkonstruktion des eigenen Geldsystems über die Köpfe der Verantwortlichen hinweg Wahnsinnstaten produziert.

Denn was besagt die Idee einer „Schuldenbremse“ anderes als dass die Zahl der Staatspapiere reduziert werden soll? Dass also das, was als Grundlage für sicheren Kredit im gesamten Geldsystem diente, direkt und indirekt gekürzt werden soll? Dass das geschöpfte Geld unmittelbar über die Reduzierung der Staatsschuld und mittelbar über die Reduzierung der kredittauglichen Papiere restringiert werden soll? Dass also der Vermehrung der Zahl, dem Wesen des ganzen Akkumulationsprozesses, eine Grenze gezogen werden soll? Es ist als ob man sich seinen eigenen Tod, die Reduzierung der weissen Blutkörperchen, wünscht.

Seit jeher arbeitet Kapitalismus über die schleichende Ausdehnung der Zahl, was die Vermögen der Menschen mehrt. Nichts anderes besagt Akkumulation als dass sich das Zahlengerüst wie ein Baum nach oben reckt bis es durch die Krise gestürzt wird. Das Auftürmen von Kreditgeld und seine nachfolgende Implosion ist das Wesen des gesamtes Prozesses, in dem sich Zivilisation, die Entwicklung von Technik und Wissen, vollzieht. Doch noch nie hat sich eine Gesellschaft ihr eigenes Ende gewünscht, stets hat sie Regeln und Verhalten produziert, das dem eigenen Gedeihen dienlich ist. Die eigene Existenz ist die Messlatte allen Tuns.

Muss man tatsächlich Marxist sein um das zu begreifen? Muss ein Marxist die Liberalen und Konservativen lehren, dass die Reduktion der Kreditgeldmenge Stockung der Akkumulation bedeutet? Dass mit der Reduzierung der Staatsschuld das Gesamtprodukt und auch das Vermögen der Menschen schrumpft? Müssen die Kritiker die Rolle wechseln und in das Gewand der Apologeten schlüpfen? Verkehrte Welt! Man könnte sich dem Genuss der Selbstzerfleischung hingeben und das Ende des Prozesses herbeisehnen. Doch der intellektuelle Gehalt, die mangelnde Tiefe der Argumente, spornt jeden Modernen, auch einen Kritiker an, dagegenzuhalten.

Schon lange hat die Vorstellung des „Gesundschrumpfens“, der Reduktion der ökonomischen Aktivität durch Schrumpfung der Geldmenge in den Köpfen der Liberalen Hochkonjunktur, aber erst unter dem Regime der gemeinsamen Währung wird es zu einer fanatischen Idee, der auch Konservative begeistert folgen. Denn nichts anderes bedeutet der Euro als dass sich jeder einzelne Staat dem Diktat der Notenbank unterwirft. Er darf sich nicht über die Notenbank finanzieren und jedes Vergehen wird als Regelverstoss geahndet. Nur unter diesem Regelwerk ist der Staat in der Pflicht sein Budget und sich selbst zu schrumpfen anstatt sich der Geldvermehrung zu bedienen.

Man muss dankbar sein, dass die Fanatiker an die Grenzen der Wirklichkeit stossen. Wann immer sie ihr Regelwerk verschärfen und den Staaten noch mehr Disziplin auferlegen, also die Schrumpfung der Zahl durch Sparen oder Schuldenschnitt verlangen, reagieren die Märkte mit Panik. Sie erzwingen eine Reaktion im gegenteiligen Sinne, eine Lockerung der Geldpolitik, eine versteckte oder offene Finanzierung der Staaten durch die EZB. Ja, meine Herren, die Kritiker stehen nun auf der Seite der Märkte, hören auf ihren Pulsschlag, während ihr die kranken Ideen pflegt! Noch erzwingt die ökonomische Wirklichkeit Vernunft.

Materie und Idee stehen in einem bemerkenswerten Verhältnis zueinander. Einerseits ist es das Eurosystem selbst, das die Idee der Schuldenbremse produziert, weil kein Staat für den anderen über die gemeinsame Notenbank haften, weil jeder für sich kalkulieren will. Das lässt die Notenbank in Inaktivität erstarren, zumindest in Bezug auf die Finanzierung der Staaten. Andererseits ist es die verrückte Idee selbst, die die ökonomische Aktivität nach unten schraubt und die Krise virulent werden lässt. Das Ergebnis ist, was wir tagtäglich erleben: Die Notenbank handelt, obwohl sie eigentlich gar nicht handeln will.

Man muss kein Prophet sein, um den Sieg der Vernunft, sprich: der Wirklichkeit, vorherzusagen. In letzter Instanz wird sich das Eurosystem zertrümmern oder den Weg der Integration beschreiten, sodass der Staat wieder über der Notenbank zu stehen kommt und ihm der Weg der Selbstfinanzierung nicht weiter versperrt bleibt. Aber bis dahin hat die Idee unendlich viel Leiden produziert, Vermögensverlust und Arbeitslosigkeit, und die Wirklichkeit vielleicht in einer Art verändert, die uns allen nicht angenehm sein wird. Den Fanatikern muss man vorwerfen, dass sie von dem Zusammenspiel der Kräfte nichts verstanden haben.

Längst haben wir den Punkt erreicht, wo die Märkte aufatmen, wenn sie in den Genuss pragmatischer Geldpolitik kommen und sich zu Tode erschrecken, wenn die radikalen Stimmen laut werden. Das hindert die Sparfanatiker jedoch nicht auch die Wirklichkeit noch uminterpretieren zu wollen, die Beruhigung der Märkte auf ihre Fahnen zu schreiben, wo doch jedes Kind begreift, dass die Dinge umgekehrt liegen. Zu lernen ist ein Verfahren, das Gläubigen fremd ist. Eher noch werden sie im Sinne der Notwendigkeit handeln und trotzdem das Gegenteil behaupten. Ich befürchte: damit werden wir leben müssen.

PS: Dem aufmerksamen Leser ist natürlich nicht entgangen, dass das Marxsche Zitat vollständig heißt: „Was beweist die Geschichte der Ideen anders, als daß die geistige Produktion sich mit der materiellen umgestaltet? Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.“ (Manifest der kommunistischen Partei, MEW 4, S. 480, 1848). So weit möchte ich nicht gehen. In keinem Hirn einer Klasse können die verrückten Ideen der Sparsamkeit geboren worden sein. Gerade wir Kritiker müssen mit gutem Beispiel voran gehen und: lernen.

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Eine alternative Vision für die Krise der Eurozone

Wir freuen uns, den nachfolgenden Aufruf für eine andere Politik zur Überwindung der Krise in der Eurozone hier veröffentlichen zu können. Der ursprüngliche Text findet sich im empfehlenswerten Blog Naked Keynesianism – die Redaktion.

An Alternative Vision for the Eurozone Crisis

The Eurozone crisis has been reduced, according to the mainstream diagnosis, to a fiscal crisis caused by excessive public spending and a competitiveness gap between North and South. The mainstream solution is to close this gap by means of ‘expansionary fiscal austerity’ and wage reductions. This has been admitted even by the IMF to be a dead end.

In our opinion the root of the Euro crisis lies in both the inadequate institutional set up of the Eurozone, which lacks a genuine lender of last resort and sufficiently coordinated fiscal and wage policies, and on an over-liquid and under-regulated international financial market that was more than happy to finance any imbalance – no matter how unsustainable it was.

What we had in Continental Europe were mutually dependent models of growth. The mercantilist export-led growth of the North could not have been sustained without a (remarkably easy-to-finance) debt-driven model in the South, accumulating trade deficits and private and public debt. In the aftermath of the financial crisis, the private debt was turned into sovereign debt. The Irish case is an extreme example of this process. The ensuing austerity policies enforced upon the governments increased unemployment to a socially unacceptable level. If continued these policies will lead to a prolonged depression and even more social unrest.

European institutions were and still are not able to deal with such structural imbalances in an adequate way. Mass unemployment and social deprivation resulting from austerity policies is threatening the survival of democracy in the European Union.

Alternative perspectives
On the basis of our diagnosis we are convinced that Europe should reverse the current austerity policy regime. This would require profound institutional and policy change.

In terms of monetary policy, we believe that ECB should act as a credible lender of last resort to relieve the sovereign debt crisis. Strict regulation of financial markets is a further step, and it is necessary to separate investment banking from commercial banking.

In terms of fiscal policy, the link between the ECB and fiscal conditionality should be fundamentally changed. Monetary policy should support and accommodate progressive fiscal rules aiming at employment creation and growth. Budget deficits can only be consolidated in a growing economy.

These growth stimulating policies are consistent with the desired long run stabilization of debt-to-GDP ratios. In the present situation of mass unemployment, these policies do not carry a significant risk of inflation.

We also believe that the adjustment has to be supported by stimulation of consumption via higher wages starting from the core surplus countries (like Germany) where wage restraint policies have considerably contributed to the growing income inequalities and current account imbalances in the Eurozone.

If the German finance minister believes in what he said, that no country can live forever beyond its means, then it must also be clear that no country can live indefinitely below its means. This implies that the change in the wage policy in Germany has to be an important part of the solution.

Mutual prosperity of the Eurozone countries and their citizens through demand expansion, rather than demand contraction through fiscal consolidation for the benefit of high finance, must be recognized as the imperative for the political viability of the Euro project. We must have the intellectual honesty and courage to act accordingly.

Signed by

—-

Amit Bhaduri
Jawaharlal Nehru University, New Delhi, India

Thomas Boylan
National University of Ireland, Galway, Ireland

Sergio Cesaratto
Università degli studi, Siena, Italy

Nadia Garbellini
Università degli Studi di Pavia, Italy

Torsten Niechoj
Rhine-Waal University of Applied Sciences, Kamp-Lintfort, Germany

Gabriel Palma
University of Cambridge, UK

Srinivas Raghavendra
National University of Ireland, Galway, Ireland

Rune Skarstein
Norwegian University of Science and Technology, Norway

Herbert Walther
Vienna University of Economics and Business, Austria

Ariel L. Wirkierman
Università Cattolica di Milano, Italy

Kazimierz Laski
University of Linz, Austria

Corresponding author: Srinivas Raghavendra (s.raghav@nuigalway.ie)

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Kreditgeld

Es gehört zu den grossen Mysterien der Gegenwart, dass Geld nicht mehr als ein bilanzielles Verhältnis ist. Genauer: eine Forderung auf der Aktivseite des Gläubigers, der eine Verbindlichkeit auf der Passivseite des Schuldners gegenübersteht. Geld ist ein janusköpfiges Gebilde, bilanzielle Forderung und Verbindlichkeit zugleich, die sich gegenseitig aufheben. Wann immer man an Geld denkt, ist die Forderung des einen und die Verbindlichkeit des anderen bereits mitgedacht. Man nennt diese Art von Geld: Kreditgeld.

Der erste fundamentale Satz, der aus dem Geld als Kreditgeld folgt, lautet: dass die Öffnung eines Geldkontrakts das Entstehen eines Kreditverhältnisses ist. Und umgekehrt: das Schliessen des Kontrakts die Bedienung eben dieser Schuld. Kontrakteröffnung heisst Bilanzverlängerung und Kontraktschliessung Bilanzverkürzung. Der Gläubiger, die Geschäftsbank, bucht das Geld passiv (Buchgeld) und die Forderung aktiv. Und der Schuldner das Buchgeld aktiv und die Forderung passiv. Hokuspokus: es werde Geld!

Dass Geld aus dem Nichts, durch blosse Bilanzverlängerung der Geschäftsbanken und der Notenbank entsteht, ist heute ein Allgemeinplatz. Nicht aber der zweite grundlegende Satz, der aus dem Geld als Kreditgeld folgt: Dass sich alle Forderungen und Verbindlichkeiten im geschlossenen Raum auf Null summieren. Für ein Gemeinwesen nur aus Privaten und ohne Staat und Ausland heisst das, dass die Forderungen der einen den Verbindlichkeiten der anderen entsprechen und aufsummiert gleich Null sind.

Daraus folgt der dritte Satz: Dass ein Überhang an privaten Forderungen („Outside-Money“) nur möglich ist, wenn der Staat oder das Ausland einen Überhang an Verbindlichkeiten haben. Wer Geldakkumulation sagt, meint also immer: Vermehrung der Geldmenge, was heisst: simultane Vermehrung von Forderungen und Verbindlichkeiten. Wer aber von privatem Reichtum spricht, soll sagen: Verschuldung des Auslands oder des Staats. Eine Reichtumsbildung innerhalb des Privatsektors ist ein Widerspruch in sich.

Nun gut. Was lässt sich in einer ersten Annäherung sagen? Traue niemals jenen, die von Verschuldung sprechen und die Forderungen vergessen! Wenn einer von Staatsschuld spricht, sei Dir bewusst, dass er privaten Reichtum meint. Traue nie jemandem, der die Staatsschuld schrumpfen sehen will! Pass`auf bei dem Wort der „Verkleinerung der Bankbilanzen“, denn es besagt nichts anderes: als dass Deine Guthaben vernichtet werden sollen. Nur ein Schelm glaubt, dass mit „jenen“ heute nicht schon längst „alle“ gemeint sind.

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KPI Meditation (1) – Die Arbeitseinkommensquote

Mit diesem Posting übernehmen wir das in der Unternehmenswelt so beliebte Konzept des Key Performance Indicator, um über die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise nachzudenken.

In der deutschen Wikipedia findet sich zur holprig-deutschen Übersetzung ‚Leistungskennzahl‘ keine Eintragung. Zu ‚Key Performance Indicator‘ hingegen wird erläutert:

„Der Begriff Key Performance Indicator (KPI) bzw. Leistungskennzahl bezeichnet in der Betriebswirtschaftslehre Kennzahlen, anhand derer der Fortschritt oder der Erfüllungsgrad hinsichtlich wichtiger Zielsetzungen oder kritischer Erfolgsfaktoren innerhalb einer Organisation gemessen und/oder ermittelt werden kann (siehe auch Betriebswirtschaftliche Kennzahl).“

Die Arbeitseinkommensquote gilt als grober, aber zuverlässiger KPI für die funktionale Verteilung des Einkommens zwischen Profiten und Arbeitseinkommen. Sie ist der Anteil des Arbeitsentgelts (Arbeitnehmerentgelt + kalkulatorischer Unternehmerlohn) am Volkseinkommen und wird durch Verschiebungen im Verhältnis von abhängig zu selbstständig Erwerbstätigen kaum beeinflusst. Üblicherweise wird das Brutto-Arbeitsentgelt (vor Sozialversicherungsabgaben und Lohnsteuer) verwendet.

Engelbert Stockhammer

Engelbert Stockhammer

Stockhammer bringt in seiner aktuellen Studie ‚Rising Inequality as a Root Cause of the Present Crisis‘ den Rückgang der Arbeitseinkommensquote (adjusted wage share) als Krisenursache für Kontinentaleuropa ins Spiel.

Joseph Stiglitz

Joseph Stiglitz

Stiglitz stellt für die USA u.a. in seinem Buch ‚The Price of Inequality‘ dar, dass steigende Einkommens- und Vermögensungleichheit das Wachstum hemmt und Instabilität – also Finanz- und Wirtschaftskrisen – begünstigt.

Grund genug, diesem Thema für die Eurozone noch etwas detaillierter nachzugehen.

Die Arbeitseinkommensquote in den Staaten der Eurozone seit 1980

Sehen wir uns dazu ein erstes Bild für jene Eurozone-Staaten an, für die zumindest ab 1980 Daten vorliegen:

Der Abwärtstrend ist deutlich zu erkennen. Doch welche Bedeutung hat diese Entwicklung? Und warum beginnen wir den Chart im Jahr 1980? Zunächst zur zweiten Frage.

Globalisierung

Jacques de Larosière, ehemaliger IMF Direktor und Gouverneur der Banque de France, sagt in seinen Reflexionen zur Geschichte der Globaliserung über deren aktuelle Phase:

„After the second world war, the Bretton Woods system tried to rebuild a certain order based on gradual liberalisation of international trade and the abandonment of competitive evaluations under the authority of the IMF. This system worked rather well in spite of the end of the fixed exchange rate in 1971.

Then the deregulation of the 80’s and the „thatcherian“ reaction against the excesses of state interventionism have led to a new phase of globalisation, the one we know today. The end of the planified soviet system of economies in 1989 accelerated the process and now China and India are intergrated in the world system.“

Wir befinden uns also in einer neuen und intensiven Phase der Globalisierung, die Anfang der 1980-er Jahre begann.

Arbeitseinkommens-Verluste

Um die Bedeutung dieser Entwicklung besser zu verstehen, wollen wir uns zunächst am Beispiel des Jahres 2013 ansehen, welche jährlichen Verluste an Arbeitseinkommen im Vergleich zu 1980 – unserem Referenzjahr – auftreten. Für das Jahr 2013 handelt es sich natürlich noch nicht um tatsächliche Verluste, sondern um prognostizierte.

Arbeitseinkommens-Verluste in der Eurozone, in Prozent des GDP
Staat Verlust 2013
Belgien -5,0
Deutschland -5,5
Irland -21,2
Griechenland -12,4
Spanien -15,4
Frankreich -7,8
Italien -12,4
Luxemburg -10,2
Niederlande -9,1
Österreich -8,9
Portugal -12,6
Finnland -7,1



Die folgende Grafik stellt den Sachverhalt anschaulich dar (Grafik anklicken für ein vergrößertes Bild):

Offene Fragen

An dieser Stelle ergeben sich einige weitere Fragen zu den Auswirkungen der Arbeitseinkommens-Verluste, mit denen wir das heutige Posting abschließen wollen:

  • Wenn die Arbeitseinkommens-Quote um 10% des GDP sinkt, und die Gewinnquote in demselben Ausmaß steigt, wie verändert sich die Nachfrage nach Investitions- und Konsumgütern?
  • Wenn das Brutto-Arbeitseinkommen um 10% des GDP sinkt, was bedeutet dies für das Haushalts-Nettoeinkommen?
  • Gibt es eine Arbeitseinkommensquote, die als zu niedrig angesehen werden kann, und woran würde man sie erkennen?
  • Wie kann die Gesamtnachfrage (aggregate demand) überhaupt aufrechterhalten werden, wenn die Arbeitseinkommensquote signifikant sinkt?
  • Ab wann würde in einem solchen System massive Arbeitslosigkeit – wie etwa derzeit in Spanien und Griechenland – auftreten?
  • In welchem Ausmaß hat seit 1980 die Erhöhung des Kreditvolumens die reduzierte Nachfrage der Haushalte kompensiert und damit die Entstehung beträchtlicher Arbeitslosigkeit in die Zukunft verschoben?

Wir hoffen, unsere gelegentlichen Leser/innen angeregt zu haben und behalten uns vor, die eine oder andere der gestellten Fragen in einem Folge-Posting zu vertiefen.

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