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Ökonomie der Zeit und authentischer Lebensentwurf

Werte Leser/innen,

mit diesem Beitrag erweitern wir den Fokus unseres kleinen Blogs. Wir fühlen uns nicht mehr ausschließlich der gedanklichen Verarbeitung der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise verpflichtet und wenden uns einem philosophischeren Thema zu: dem Umgang mit der Zeit.

Zunächst ist es wohl wichtig zu wissen, was wir in und mit unserer Zeit eigentlich wollen, und was wir nicht wollen. Damit stellt sich aber nicht nur die billige Frage der Zeit-Ökonomie im Job – wie kann ich meine Arbeitszeit möglichst effizient für die Erledigung möglichst vieler Aufgaben nützen? – sondern die existenzielle Frage des Umgangs mit der Zeit im eigenen Leben.

Mit Martin Heidegger meinen wir, dass unser Leben („Dasein“) nur als zeitlich begrenztes („im Horizont der Zeitlichkeit“) verstanden werden kann. Im Alltag und in unseren Beziehungen sind wir durch kulturell, geschichtlich und gesellschaftlich vorgegebene Verhaltensmuster und Meinungen bestimmt (das „Man“). Heidegger urteilt in seinem Hauptwerk ‚Sein und Zeit‘ (Wikipedia-Einführung) hart über die Fähigkeit des Menschen zu einem authentischen („eigentlichen“) Leben:

„Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man sieht und urteilt; wir ziehen uns aber auch vom ‚großen Haufen‘ zurück, wie man sich zurückzieht; wir finden ‚empörend‘, was man empörend findet.“

(Sein und Zeit, Elfte unveränderte Auflage 1967, Seite 126f)

„Jeder ist der Andere und Keiner er selbst.“

(Sein und Zeit, Elfte unveränderte Auflage 1967, Seite 128)

Um der Beliebigkeit („Uneigentlichkeit“) des Man zu entkommen, muss man sie zunächst erkennen, und sich danach für einen authentischen Lebensentwurf jenseits des Man entscheiden und diesen entwickeln. Dabei kann auch der Blick auf Personen helfen, denen dies in der Vergangenheit gelungen ist, und die ein originäres Werk als Erfinder, Wissenschaftler, Künstler oder Philosoph hinterlassen haben. Friedrich Nietzsche lässt Zarathustra sagen:

„Mein Leid und mein Mitleiden — was liegt daran! Trachte ich denn nach Glücke? Ich trachte nach meinem Werke!“ (Also sprach Zarathustra, 4. Teil, Das Zeichen)

Wer einen authentischen Lebensentwurf jenseits des Man – dem alltäglichen Erledigen der Aufgaben in Job und Haushalt sowie dem Streben nach Besitz, Genuss, Schönheitskult und Narzissmus – umsetzen will, der sollte mit seiner Zeit ökonomisch umgehen.

Zwei kleine Mahnungen seien hier jedoch angebracht: Foucault plädiert für eine Vielheit von Formen und Praktiken der Selbstbeziehung und des Selbstentwurfs, und sagt:

„Aus dem Gedanken, daß uns das Selbst nicht gegeben ist, kann m.E. nur eine praktische Konsequenz gezogen werden: wir müssen uns wie ein Kunstwerk begründen, herstellen und anordnen.“

Der vietnamesische Zen-Mönch Thich-Nhat-Hanh erinnert uns an die Gegenwart:

„Unser wahres Zuhause ist der gegenwärtige Augenblick.
Wenn wir wirklich im gegenwärtigen Augenblick leben,
verschwinden unsere Sorgen und Nöte und wir entdecken das Leben mit all seinen Wundern.“

Das Selbst ist also nicht als absolute Einheit zu sehen, und alle Lebensentwürfe sollten mit einer achtsamen Gegenwart vereinbar sein.

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