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Roboter statt Arbeitnehmer (4): Gedankenexperimente zur Prüfung ökonomischer Theorien?

Dies ist der vierte Beitrag unserer kleinen Roboter-Serie. Anbei – zur Bequemlichkeit unser LeserInnnen – die Links zu den bisher erschienenen Beiträgen.

Die Neuauflage der Roboter-Diskussion enthält einige Gedankenexperimente und Zukunfts-Szenarien. Wir halten diese für anregend und widmen ihnen daher dieses Posting.

Orientieren wir uns zunächst an Wikipedia:

„Ein Gedankenexperiment (oder Gedankenversuch) ist ein gedankliches Hilfsmittel, um bestimmte Theorien zu untermauern, zu widerlegen, zu veranschaulichen oder weiter zu denken.“

Dies ist es, was wir wollen: geeignete Gedankenexperimente rund um das Roboter-Thema finden, die uns helfen, ökonomische Theorien besser zu verstehen und weiterzudenken.

Robert Skidelsky

Robert Skidelsky

Mit dem Keynesianer Robert Skidelsky sehen wir das Roboter-Bild als rhetorische Stilfigur, als Metonymie für alle Arten von Automatisierung: Software und softwaregesteuerte Hardware zum Ersatz menschlicher Arbeit. Er fragt zunächst in seinem empfehlenswerten aktuellen Beitrag „The Rise of the Robots“ :

„What impact will automation – the so-called ‚rise of the robots‘ – have on wages and employment over the coming decades?“

Es folgt sein  „Human Robot Mechanics“-Gedankenexperiment

„Imagine a handful of technicians replacing a fleet of taxi drivers and truckers, a small cadre of human mechanics maintaining a full robot workforce, or a single data analyst and his software replacing a bank of quantitative researchers. What produces value in such an economy will no longer be wage labor.“

… mit dem Lösungsvorschlag der fairen Verteilung der Produktivitätsgewinne nebst Arbeitszeitverkürzung:

„If one machine can cut necessary human labor by half, why make half of the workforce redundant, rather than employing the same number for half the time? Why not take advantage of automation to reduce the average working week from 40 hours to 30, and then to 20, and then to ten, with each diminishing block of labor time counting as a full time job? This would be possible if the gains from automation were not mostly seized by the rich and powerful, but were distributed fairly instead.
Rather than try to repel the advance of the machine, which is all that the Luddites could imagine, we should prepare for a future of more leisure, which automation makes possible. But, to do that, we first need a revolution in social thinking.“

Larry Summers

Larry Summers

Der Ökonom und ehemalige US Finanzminister Larry Summers entwickelte zu demselben Thema sein schlichtes „Doer“-Gedankenexperiment und präsentierte auch gleich dessen Konsequenzen, wie Economics Ph.D. Student Owen Zidar im Juni 2012 berichtete:

„At a recent talk at Berkeley, Larry Summers asked us to engage in the following thought experiment.

Suppose that a new technology called “the Doer” will be created tomorrow. Doers can do anything flawlessly. They can build a house, give a massage, or make a guitar.

What would the world of Doers look like?

  1. Cheaper, high quality goods would proliferate.
  2. The price of raw materials would increase as raw inputs for doers would become more scarce and thus more valuable.
  3. People who can think of new things for Doers to do or of new ways for Doers to do things will make a lot of money.
  4. For everyone else, the value of working for an hour will be nearly zero (since Doers can do everything already, no extra value is created). Therefore, hourly wages will go to zero.

Citing 3D printers and Google’s driverless cars, Summers argued that while we aren’t quite living in the world of Doers, we are perhaps 15 or 20% of the way there.“

Paul Krugman

Paul Krugman

Krugman entwirft in seinem Posting „Is Growth Over“ vom 26.12.2012 das folgende  „Fantasy Technology Scenario“

„Consider for a moment a sort of fantasy technology scenario, in which we could produce intelligent robots able to do everything a person can do. Clearly, such a technology would remove all limits on per capita GDP, as long as you don’t count robots among the capitas. All you need to do is keep raising the ratio of robots to humans, and you get whatever GDP you want.“

… und stellt sich folgende Auswirkungen vor:

„Ah, you ask, but what about the people? Very good question. Smart machines may make higher GDP possible, but also reduce the demand for people — including smart people. So we could be looking at a society that grows ever richer, but in which all the gains in wealth accrue to whoever owns the robots.“

In seinem theoretisch relevanten Posting zu „Capital-biased Technological Progress“ von demselben Tag verwendet er ein etwas zweifelhaftes (und von Dean Baker zu Recht kritisiertes) ökonomisches Modell und erreicht damit eine erste interessante Abschätzung der Auswirkungen auf Löhne und funktionale Einkommensverteilung:

„What will the distribution of income be in this case? …

So what happens? It’s obvious from the figure that wages fall relative to the cost of capital; it’s less obvious, maybe, but nonetheless true that real wages must fall in absolute terms as well. In this specific example, technological progress reduces the real wage by a third, to 0.667, while the cost of capital rises to 2.33.“

Wir halten fest:

  • Die Roboter-Gedankenexperimente renommierter Ökonomen beziehen sich auf eine Ökonomie, in der Roboter (eigentlich: software-gestützte Automatisierung) fast alle oder alle Waren und Dienstleistungen besser und schneller produzieren können als der Mensch.
  • Gefragt wird nach der Zukunft von Arbeit und Arbeitszeit, dem Reallohn, sowie der funktionalen Einkommensverteilung, und nach den gesellschaftlichen Transformationen, die wir in dieser neuen Welt eventuell benötigen.
  • Weitere Fragen sollten sich auf die Herstellungskosten für Roboter, sowie auf den Preis der durch Roboter produzierten Waren und Dienstleistungen beziehen.

Was noch weitgehend fehlt, ist der zielgerichtete Einsatz der beschriebenen Gedankenexperimente, um ökonomische Theorien zu untermauern, zu widerlegen, zu veranschaulichen oder weiter zu denken.

Wir wollen dazu beispielhaft einige Fragen äußern und folgen dabei einem chronologischen Ansatz:

Genügend Stoff für kluge Dissionsbeiträge professioneller Ökonomen, sollte man meinen. Man fragt sich, warum diese interessante und relevante Diskussion nicht schon längst im Lichte der herrschenden und alternativen ökonomischen Theorien vertieft wird. Haben die Theorien oder deren Praktikanten etwa so wenig beizutragen?

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Roboter statt Arbeitnehmer (3): Eine von zwei möglichen Erklärungen der fallenden Arbeitseinkommensquote?

Steigende Profite, fallende Arbeitseinkommen

Im seinem zweiten aktuellen Beitrag zum Roboter-Thema vom 9.12.2012 – Robots and Robber Barons – anerkennt Paul Krugman zunächst nochmals ausdrücklich die fallende Arbeitseinkommensquote in den USA.

Paul Krugman

Paul Krugman

„… corporate profits are at a record high. How is that possible? It’s simple: profits have surged as a share of national income, while wages and other labor compensation are down. …“

Er verwirft das Argument, dass stagnierende Löhne im wesentlichen auf ein Verteilungsproblem zwischen den Arbeitnehmern zurückzuführen wären.

„Indeed, recent college graduates had stagnant incomes even before the financial crisis struck. Increasingly, profits have been rising at the expense of workers in general, including workers with the skills that were supposed to lead to success in today’s economy.“

Und sieht zwei mögliche Erklärungen:

„Why is this happening? As best as I can tell, there are two plausible explanations, both of which could be true to some extent. One is that technology has taken a turn that places labor at a disadvantage; the other is that we’re looking at the effects of a sharp increase in monopoly power. Think of these two stories as emphasizing robots on one side, robber barons on the other.“

Krugman gesteht ein, dass er noch keine Meinung zu den beiden möglichen Erklärungen hat, und ruft zu einer intensiven Diskussion auf:

„I don’t know how much of the devaluation of labor either technology or monopoly explains, in part because there has been so little discussion of what’s going on.  … As I said, this is a discussion that has barely begun — but it’s time to get started, before the robots and the robber barons turn our society into something unrecognizable.“

Roboter oder mit monopolistischer Macht ausgestattete kapitalistische Raubritter – ist das die Alternative?

Sicherlich kann der globale Kapitalismus beträchtlichen technologischen Fortschritt für sich in Anspruch nehmen. Es ist ihm jedoch auch anzulasten, dass eine überwältigende Zahl an Menschen nicht oder nur im geringen Ausmaß an seinen Früchten beteiligt werden. Und wohlgemerkt: ich spreche hier nicht von Wachstum als Ideologie, und damit auch von Resourcenvernichtung und Umweltzerstörung, sondern von einem Fortschritt im Dienste der Menschen, wie es das Roboter-Bild ja auch ein wenig signalisiert.

Krugman’s unterschlägt die prinzipiellen Bewegungsgesetze des Kapitalismus und das ‚automatische Subjekt‘

Karl Marx

Karl Marx


Im Kapitel „Die Verwandlung von Geld in Kapital“ im Zweiten Abschnitt von „Das Kapital, Bd. I“ nähert sich Karl Marx in einer berühmten Passage den Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus wie folgt an:

„Die selbständigen Formen, die Geldformen, welche der Wert der Waren in der einfachen Zirkulation annimmt, vermitteln nur den Warenaustausch und verschwinden im Endresultat der Bewegung. In der Zirkulation G – W – G funktionieren dagegen beide, Ware und Geld, nur als verschiedne Existenzweisen des Werts selbst, das Geld seine allgemeine, die Ware seine besondre, sozusagen nur verkleidete Existenzweise. Er geht beständig aus der einen Form in die andre über, ohne sich in dieser Bewegung zu verlieren, und verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt. …

Kaufen, um zu verkaufen, oder vollständiger, kaufen, um teurer zu verkaufen, G – W – G‘, scheint zwar nur einer Art des Kapitals, dem Kaufmannskapital, eigentümliche Form. Aber auch das industrielle Kapital ist Geld, das sich im Ware verwandelt und durch den Verkauf der Ware in mehr Geld rückverwandelt. Akte, die etwa zwischen dem Kauf und dem Verkaufe, außerhalb der Zirkulationssphäre, vorgehn, ändern nichts an dieser Form der Bewegung. In dem zinstragenden Kapital endlich stellt sich die Zirkulation G – W – G‘ abgekürzt dar, in ihrem Resultat ohne die Vermittlung, sozusagen im Lapidarstil, als G – G‘, Geld, das gleich mehr Geld, Wert, der größer als er selbst ist.“

Auch in moderner Lesart kann gesagt werden, dass das erste Gesetz des Kapitalismus das Gewinnstreben  ist. Hierfür sind alle legalen, und zu oft auch unmoralische und illegale Mittel recht. Zwanghaft muss aus Geld mehr Geld werden, egal ob durch realwirtschaftliche Tätigkeit oder Finanzspekulation, durch Lobbying für profitable Gesetze, durch ‚Provisionen‘ bei der Vergabe öffentlicher Aufträge und dem Verkauf staatlichen Eigentums, durch Steuervermeidung und Steuerhinterziehung, durch technischen Fortschritt und Raubrittertum, durch Outsourcing und stagnierende Gehälter.

Doch es bedarf der Raubritter nicht, um jedes Jahr aufs Neue den Produktivitätszuwachs den Arbeitnehmern vorzuenthalten und die Arbeitseinkommensquote weiter zu senken. Alle Arten von Kapitalvertretern finden dies selbstverständlich, und häufig spielen auch Arbeitnehmervertreter und Arbeitnehmer mit, um im globalen ‚race to the bottom‘ den Standort zu stärken und vermeintlich Arbeitsplätze zu sichern. Und höhlen damit die Konsumnachfrage weiter aus, und prolongieren die Krise.

Nun, in dieser kleinen Serie beschäftigen wir uns mit Überlegungen zur Hypothese, dass menschliche Arbeit zunehmend durch Roboter ersetzt werden kann, oder – in Krugman’s Worten – mit ‚capital-biased technological change‘. Andere Aspekte des automatischen Subjekts sollen hier also nicht weiter vertieft werden.

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Roboter statt Arbeitnehmer (1): Rückgang der US Arbeitseinkommensquote trotz Reshoring

Überraschenderweise wurde das alte Thema der möglichen Vernichtung von Arbeitsplätzen durch technologischen Fortschritt gerade durch Paul Krugman im Dezember aus der Mottenkiste geholt und ins Bewusstsein von Berufs- und Amateur-Ökonomen gehoben.

Paul Krugman

Paul Krugman

Unmittelbarer Anlass war ein Artikel von Catherine Rampell, der mögliche Gründe für gelegentlich auftretende Rückverlagerungen von Produktions-Arbeitsplätzen in die USA (‚re-shoring‘) anführt:

  • günstige Energiekosten in den USA
  • kürzere Wertschöpfungsketten
  • bessere Qualitätskontrolle
  • bessere Sicherstellung von geistigem Eigentum
  • stark steigende Reallöhne in China (2010 mehr als dreimal so hoch wie 2000) bei gleichzeitiger Reallohn-Stagnation in ‚entwickelten Staaten‘

Die steigenden Löhne bieten nach Rampell einen großen Anreiz zu weiterer Automatisierung, was wiederum die Rückverlagerung von (wenigen) Arbeitsplätzen in die USA wirtschaftlicher macht:

„The most valuable part of each computer, a motherboard loaded with microprocessors and memory, is already largely made with robots …
As more robots are built, largely by other robots, „assembly can be done here as well as anywhere else,“ said Rob Enderle, an analyst based in San Jose, Calif., who has been following the computer electronics industry for a quarter-century. „That will replace most of the workers, though you will need a few people to manage the robots.“ „

In seinem ersten aktuellen Beitrag zu diesem Thema am 8.12.2012 – Rise of the Robots – stellt Krugman einen Zusammenhang zur fallenden Arbeitseinkommensquote in den USA her:

„What has happened, on the other hand, is a notable shift in income away from labor.“

USA: Arbeitseinkommensquote 1970-2010

USA: Arbeitseinkommensquote 1970-2010
Quelle: Paul Krugman Blog

Eine vergleichbare Entwicklung fand auch in den Staaten der Eurozone statt (siehe dazu unseren Beitrag hier ):

Eurozone-Staaten: Arbeitseinkommensquote 1980-2013

Eurozone-Staaten: Arbeitseinkommensquote 1980-2013
Quelle: economy at risk

Krugman schließt mit unüblicher Selbstkritik nebst Anspielung auf Karl Marx:

„I think our eyes have been averted from the capital/labor dimension of inequality, for several reasons. It didn’t seem crucial back in the 1990s, and not enough people (me included!) have looked up to notice that things have changed. It has echoes of old-fashioned Marxism — which shouldn’t be a reason to ignore facts, but too often is. And it has really uncomfortable implications.

But I think we’d better start paying attention to those implications.“

Wir werden die Diskussion dieses interessanten Themas in einigen Folgebeiträgen vertiefen.

Ein Kommentar

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KPI Meditation (2) – Der fiskalische Multiplikator als Grenzgänger zwischen Religion und Wissenschaft

Dies ist der zweite Teil einiger kleiner Meditationen über wirtschaftliche Key Performance Indicators (KPIs) – Kennzahlen, an denen sich Politik orientiert oder orientieren sollte. Teil 1 zur Arbeitseinkommensquote – eine Kennzahl, die mehr Beachtung verdient, findet sich hier.

Begriff und Entstehung

Der fiskalische Multiplikator gibt – vereinfacht gesprochen – an, wie sich eine veränderte Fiskalpolitik auf die Wirtschaftsleistung (GDP: Gross Domestic Product) auswirkt. Eingeführt von Richard F. Kahn und diskutiert von J0hn Maynard Keynes im 10. Kapitel seines einflussreichen Werkes ‚The General Theory of Employment, Interest and Money‘, ist der fiskalische Multiplikator seit dem Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

John Maynard Keynes

John Maynard Keynes

Aktuelle Bedeutung

Für die Eurozone wird mit Hilfe des fiskalischen Multiplikators von internationalen und nationalen Institutionen vorausgesagt, wie sich Budgetkonsolidierungen auf das GDP auswirken.

An einem Beispiel:
Konsolidiert Spanien sein Budget durch Steuererhöhungen oder Reduktion von Staatsausgaben um 2% des GDP und beträgt der fiskalische Multiplikator 0.5, dann bewirkt dies eine Reduktion des GDP um 1%. Beträgt der fiskalische Multiplikator hingegen 1.5, dann reduziert sich das GDP um 3%. Auch negative Multiplikatoren sind denkbar: die Wirtschaftsleistung würde demnach dann steigen, wenn der Staat spart. Dieser Glaube wird vom Keynesianer Paul Krugman gerne als ‚Confidence Fairy‘ – die gute Fee der Zuversicht – bezeichnet.

Aus dem fiskalischen Multiplikator werden weitere wichtige Indikatoren abgeleitet: Prognosen zum Verhältnis von Staatsschuld zu Wirtschaftsleistung (Debt-to-GDP Ratio) sowie zur Zunahme oder Abnahme der Arbeitslosigkeit. Verschätzt man sich und ist der Multiplikator bei Konsolidierungen höher als gedacht, ergeben sich unangenehme Konsequenzen: das GDP sinkt stärker als geplant, die Debt-to-GDP Ratio könnte sich verschlechtern statt verbessern, und zahlreiche Menschen werden zusätzlich der Arbeitslosigkeit preisgegeben.

Eine fröhliche Wissenschaft

Die für die Eurozone wichtigsten Prophezeihungen stammen von den Sehern und Seherinnen des Internationalen Währungsfonds (IMF – International Monetary Fund)  und der EU-Kommission. Sie bedienen sich für ihre Orakel einer Glaskugel namens Makroökonomie. Allerdings behaupten sie, dass es sich nicht um eine Glaskugel, sondern um Wissenschaft handelt. Es hat jedoch den Anschein, als seien ihre Gedanken bisher nur die Schatten ihrer Empfindungen gewesen.

Nun, Physiker pflegen einigermaßen einig darüber zu sein, dass ein mit 70 km/h vorwärts fahrendes Auto in einer Stunde etwa 70 km in Fahrtrichtung zurückgelegt haben wird. Anders  jedoch Ökonomen, wenn sie ihre seltsamen Fachdiskussionen über den fiskalischen Multiplikator führen: sie wären in unserem Beispiel  nicht einmal darüber einig, in welche Richtung die Reise geht. Konservative Ökonomen meinten etwa zu Obamas expansivem Fiskalpaket Anfang 2009, dass kein positiver Einfluss auf GDP und Arbeitslosigkeit zu erwarten sei. Zusätzliche Staatsausgaben würden in der Hauptsache private Ausgaben verdrängen, und Haushalte würden in der Erwartung von Steuererhöhungen unverzüglich zu sparen beginnen, da sich ja der Staat das zusätzlich ausgegebene Geld umgehend zurückholen müsse.

Umso erstaunlicher liest sich daher die Selbst- und Fremdkritik des Internationalen Währungsfond (IMF) in seinem im Oktober erschienenen World Economic Outlook  ( Seite 41 ff):

„Are We Underestimating Short-Term Fiscal Multipliers?
… The main finding, based on data for 28 economies, is that the multipliers used in generating growth forecasts have been systematically too low since the start of the Great Recession, by 0.4 to 1.2, depending on the forecast source and the specifics of the estimation approach. Informal evidence suggests that the multipliers implicitly used to generate these forecasts are about 0.5. So actual multipliers may be higher, in the range of 0.9 to 1.7.“

Ist der Multiplikator größer als 1, dann handelt es sich bei restriktiver Budgetpolitik um einen Schuss, der nach hinten losgeht. Nun, was sagt die Empirie – wie war es denn tatsächlich, z.B. zwischen 2009 und 2011 in jenen Eurozone-Staaten, bei denen es zu einer nennenswerten fiskalischen Konsolidierung (mehr als 0.5% des GDP) kam? Da der IMF in seinem dicken Werk mit dünner, aber immerhin existenter Selbstkritik das Ausmaß der fiskalischen Konsolidierung nicht wirklich klar darstellt, verwenden wir als bestverfügbare Annäherung die Berechnungen von Jean-Michel Six und Sophie Tahiri von Standards & Poors.

Fiskalischer Multiplikator 2009-2011 für ausgewählte Eurozone-Staaten (Six & Tahiri, 25.9.2012)

Staaten Fiskalische
Konsolidierung
(% des GDP)
Reduktion der Wirtschaftsleistung
(% des GDP)
Fiskalischer
Multiplikator
Griechenland 11.9 18.1 1.5
Portugal 7.3 4.8 0.7
Irland 4.1 13.5 3.3
Spanien 3.4 7.1 2.1
Frankreich 1.5 1.5 1.0
Italien 0.7 0.9 1.3
Durchschnitt 4.8 7.7 1.6

Für Eurozone-Staaten mit fiskalischem Konsolidierungsbedarf > 0.5 % lag also der durchschnittliche fiskalische Multiplikator bei etwa 1.6.

Wachstumsprognosen der Troika und Realität

Wir werfen noch einen kurzen Blick auf die bisherigen Wachstumsprognosen der Troika, mit anerkennender Erwähnung von Jesse Frederik von ‚Follow the Money‘. Die folgende von ihm erstellte Grafik zeigt übersichtlich die Troika-Prognosen zum griechischen Wirtschaftswachstum und vergleicht sie mit der tatsächlichen Entwicklung – ein Leckerbissen für alle Freunde der Visualisierung.

Troika GDP Prognose 2007-2012Quelle: Follow the Money, Datum: 13.11.2012

Troika GDP Prognose 2007-2012
Quelle: Follow the Money, Datum: 13.11.2012

Es fällt auf, dass bei aufeinanderfolgenden Voraussagen die Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Erholung zunimmt. Je weniger sich also der alte Glaube erfüllte, desto stärker wurde an ihm festgehalten – dies nur als bescheidener Hinweis für Religions-Soziologen.

Schlussfolgerungen und Ausblick

  • Der desaströse Zustand der Mainstream-Makroökonomie führte zu einer gewaltigen Unterschätzung der fiskalischen Multiplikatoren für Eurozone-Staaten mit fiskalischem Konsolidierungsbedarf.
  • Daraus ergab sich eine wesentlich höhere reale Wirtschaftsschrumpfung (Priester der Ökonomen-Kaste ziehen den Begriff ’negatives Wachstum‘ vor) und Arbeitslosigkeit als angenommen. Auch die Debt-to-GDP Ratio konnte nicht wie vorgesehen verbessert werden.
  • Es entsteht ein erhöhter Finanzierungsbedarf für Eurozone-Problemstaaten.
  • Eine zuverlässige fiskalische Stabilisierungspolitik ist in weite Ferne gerückt, wie am ‚Frontrunner‘ Griechenland erkennbar. Die gegenwärtige Fiskalpolitik der Eurozone ist als erfolglos zu qualifizieren und dabei, jegliches Vertrauen zu verspielen.
  • Eine offene Diskussion alternativer Lösungsansätze ist dringend geboten.

Eine separate Aufgabenstellung wäre eine erkenntnistheoretisch orientierte Kritik der bisherigen ökonomischen Wissenschaft und ihrer Methoden, am Beispiel des fiskalischen Multiplikators. Ein guter Philosoph hätte seinen Spaß daran.

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Die Krise der Eurozone – eine Standortbestimmung

Eine weitere Vertiefung der Krise der Eurozone bis hin zu deren Auseinanderbrechen ist in den Bereich des Möglichen gerückt.

Diese Krise lässt niemanden unberührt. Politiker, Ökonomen, Journalisten, Banker, Intellektuelle, und Normalbürger geben ihre Meinungen zu Eurobonds, zum unbeschränkten Kauf von Staatsanleihen durch die Europäischen Zentralbank sowie zur Finanzpolitik (Schuldenbremse) ab. Klartext ist erforderlich, und es ist wichtig, die Pro- und Kontra-Argumente für die vorhandenen Handlungsoptionen abzuwägen und zu diskutieren.

Ich lade Dich ein, werter Leser, mit Deinem Kommentar ebenfalls zur Diskussion beizutragen.

Die Krise auf den Punkt gebracht

Die Krise der Eurozone ist Teil der Fundamental-Krise des Finanzkapitalismus

Seit 2007 ist es klar, dass der globalisierte Finanzkapitalismus auf ein grundsätzliches Problem aufgelaufen ist. Dieses Problem lässt sich allgemein wie folgt darstellen:

  • Über Jahrzehnte hinweg ist das Kreditvolumen stärker gewachsen als die Realwirtschaft.
  • Das Finanzvermögen, das zu einem wesentlichen Teil aus Kreditforderungen besteht, ist höchst ungleich verteilt. Die steigenden Forderungen sammelten sich in den Händen von immer weniger Marktteilnehmern, während sich bei vielen Haushalten, Staaten und teilweise auch Unternehmen (besonders jene, die vom Platzen der Immobilien- und Derivativkredit-Blasen betroffen sind) steigende Kreditverbindlichkeiten ergaben, die nun nicht mehr rückzahlbar sind.

    Financial Wealth Distribution USA 2007

    Financial Wealth Distribution USA 2007

  • Die tiefere Ursache dieses Sachverhalts liegt in der Dominanz des Faktors Kapital über den Faktor Arbeit. Diese Dominanz ist daran erkennbar, dass Gehälter und Löhne der meisten Arbeitnehmer seit Jahrzehnten nicht annähernd im gleichen Ausmaß stiegen wie die Produktivität. Profite der Unternehmen und Einkünfte von Top-Managern und Bankern stiegen jedoch in überproportionalem Ausmaß. So ist etwa in den USA eine Einkommens- und Vermögensungleichheit wie 1929 – vor dem Ausbruch der Großen Depression – erreicht.

    Income share (pre tax) of top 1pct, USA 2007

    Income share (pre tax) of top 1pct, USA 2007

In der Eurozone droht eine Schulden-Deflations-Spirale

Wie in der Großen Depression der 1930-er Jahre droht abermals eine Schulden-Deflations-Spirale, wie von Irving Fisher erstmals beschrieben.

  • Kredite sind nicht mehr bedienbar und müssen abgeschrieben werden. Banken geraten in Schwierigkeiten und werden insolvent. Insolvente Banken können ihre eigenen Schulden, die sie zur Finanzierung der vergebenen Kredite aufgenommen haben, nicht mehr bedienen. Dies führt zum Notverkauf von Assets und Preisverfall. Weitere Insolvenzen sind die Folge, die Kreditvergabe gerät ins Stocken.
  • Die Wirtschaft schrumpft, Löhne und Gehälter sowie Preise beginnen zu fallen. Die Arbeitslosigkeit steigt. Die Kaufkraft der Haushalte geht zurück
  • Die Wirtschaft schrumpft weiter, Unternehmen werden insolvent, die Arbeitslosigkeit steigt noch mehr.
  • In einigen Eurozone-Peripheriestaaten hat eine Kombination von Finanzvermögens- und Leistungsbilanz-Ungleichgewichten (Griechenland, Portugal, Spanien), unsolider Finanzpolitik (Griechenland, Italien) und Belastungen aus der sich seit 2007 ausbreitenden globalen Finanzkrise (Irland, Portugal, Spanien) dazu geführt, dass die Schulden-Deflations-Spirale bereits mehr oder weniger stark ausgebrochen ist.
  • Ohne Intervention kommt der Schulden-Deflationsmechanismus auf einem weit niedrigeren ökononomischen Niveau zum Stillstand, nachdem ein beträchtlicher Teil des Real- und Finanzvermögens vernichtet, und hohe Arbeitslosigkeit erzeugt wurde.
Die hohen Zinsen für Eurozone-Staatsanleihen beschleunigen die Auslösung der Schulden-Deflationsspirale
  • Nach dem de-facto Konkurs Griechenlands sehen Investoren ein erhöhtes Insolvenzrisiko für Eurozone-Staaten. Weiters haben sie das Risiko zu kalkulieren, nach dem Auseinanderbrechen der Eurozone Schuldverschreibungen in ‚Neuen Griechischen Drachmen‘, ‚Neuen Spanischen Peseten‘, ‚Neuen Portugiesischen Escudos‘ oder ‚Neuen Italienischen Lira‘ in Händen zu halten.
  • Dies führt zu steigenden Zinsen für Staatsanleihen. Die steigenden Zinsen bewirken, dass den Eurozone-Staaten noch weniger zugetraut wird, ihr Schuldenproblem durch Erhöhnung von Einnahmen und Reduktion von Ausgaben zu lösen.
  • Die Investoren verlangen noch höhere Zinsen – ein positiver Feedback-Loop ist entstanden.

Handlungsoptionen

Eurobonds

Eurobonds führen zu einer Haftungsgemeinschaft von Eurozone-Staaten, für alle oder zumindest einen wesentlichen Teil der Schulden (z.B. 60 Prozent des GDP [Gross Domestic Product, Bruttoinlandsprodukt]). Für diese Option hat sich zuletzt EU-Kommissionspräsident Barroso stark gemacht.

Jose Manuel Barroso

Jose Manuel Barroso

Vorteile und Chancen:

  • Für Investoren wird es glaubwürdiger, dass Kredite für Eurozone-Peripheriestaaten zurückbezahlt werden.
  • Das Risiko eines Zerfalls der Eurozone reduziert sich stark.
  • Die Zinsen für Eurobonds sinken für einige Eurozone-Staaten auf ein erträgliches Maß. Dies ermöglicht den Eurozone-Staaten, durch solide Finanzpolitik (‚Schuldenbremse‘) in die Richtung der Maastricht-Kriterien (60% des GDP) zu bewegen.

Nachteile und Risiken:

  • Bei gemeinsamer Haftung für alle neuen Eurozone-Staatanleihen wird der Anreiz, die Staatsschulden zu stabilisieren bzw. zu reduzieren, beseitigt. Besteht die gemeinsame Haftung nur für einen wesentlichen Teil der neuen Eurozone-Staatsanleihen, dann wird dieser Anreiz beträchtlich vermindert. Dieses Problem wäre erst nach der Implementierung einer Schuldenobergrenze in allen Eurozone-Staaten gelöst.
  • Ungebremste weitere Verschuldung von Eurozone-Peripheriestaaten kann mittelfristig zu Inflation führen.
  • Die Bevölkerung der Kern-Staaten wird einer Haftungsgemeinschaft aller Voraussicht nach äusserst negativ gegenüber stehen.
  • Die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und die Fundamental-Krise des Kapitalismus sind nicht addressiert.
  • Es ist unklar, ob die Zinsen für Eurobonds tatsächlich auf ein erträgliches Maß sinken. Es könnte sein, dass Investoren/Spekulanten nach wie vor starkt erhöhte Zinsen verlangen, da sich die Eurozone-Staaten am Markt zu jedem Zinssatz am Markt refinanzieren müssen, falls die EZB nicht ‚mitspielt‘.

Conclusio:

Eurobonds lösen die Krise der Eurozone nicht, solange die Eurozone-Staaten keine einheitliche Schuldenobergrenze implementieren, die inneren Ungleichgewichte in der Eurozone nicht addressiert sind, und der Spekulation nicht wirkungsvoll Einhalt geboten ist. Das Inflationsrisiko sehe ich als vorhanden, jedoch nicht als beträchtlich an – eine milde Inflation von 4 bis 5 Prozent wäre sogar vorteilhaft.
Da Eurobonds die Krise nicht nachhaltig lösen, jedoch den schwerwiegenden Nachteil der Haftungsgemeinschaft verbunden mit Beseitigung der Anreize zur soliden Finanzpolitik mit sich bringen, lehne ich diese Option ab.

Zinsobergrenze für Staatsanleihen

Bei dieser Option lehnen wir uns an den Vorschlag des belgischen Ökonomen Bernard Delbecque an. In einem politischen Prozess wird – abhängig von Kriterien, mit denen der Fortschritt der soliden Finanzpolitik gemessen werden kann – in regelmäßigen Abständen pro Eurozone-Staat die Zinsobergrenze festgelegt, die von der Zentralbank (oder einer anderen Institution, die jedoch über potenziell unbegrenzte Finanzmittel verfügen muss) verteidigt werden soll.

Bernard Delbecque

Bernard Delbecque

Vorteile und Chancen:

  • Die vordefinierten Zinssätze reduzieren die Drohung einer selbsterfüllenden Schuldenkrise beträchtlich.
  • Investoren/Spekulanten würden die Zinsen nicht mehr weiter in die Höhe treiben, da es als unklug gilt, gegen die Zinspolitik der Notenbank anzutreten.
  • Stabilisierte Preise von Staatsanleihen reduzieren die Insolvenzgefahr für Banken, die in großem Umfang Anleihen von Eurozone-Staaten halten, drastisch.
  • Für einige Eurozone-Staaten wird es möglich, mittels solider Finanzpolitik das Verhältnis von Schulden zu GDP zu verbessern. Die Anreize für eine solche Finanzpolitik bleiben bestehen.
  • Ein Haftungsfall für Eurozone-Staaten entsteht erst dann, wenn ein Staat trotz geringerer Zinsen seine Schulden nicht mehr bedienen kann.

Nachteile und Risiken:

  • Mit der Verteidigung einer Zinsobergrenze kommt es voraussichtlich zu einer Erhöhung des in der Eurozone vorhandenen Kreditgeldes. Dies könnte mittelfristig zu Inflation führen.
  • Die EZB ist unabhängig und hat weder die Aufgabe, eine Zinsobergrenze zu verteidigen, noch ist sie gewillt dazu. Die dauerhafte Finanzierung von Staaten ist ihr nach aktueller Rechtslage wahrscheinlich verboten. Eine offene Frage für mich ist, ob sie einen Staat auch dann nicht finanzieren darf, wenn dieser aufgrund des Marktzinssatzes keine andere Möglichkeit mehr hat, als seine Insolvenz zu erklären, oder die Eurozone bzw. Europäische Union zu verlassen.
  • Die Festlegung einer Zinsobergrenze durch die Politik, und anschließende Verteidigung durch die EZB, würde die Unabhängigkeit der EZB beenden.
  • Eine Änderung der Aufgaben der EZB wäre besonders in Deutschland schwer vermittelbar und würde besonders bei der Bevölkerung Inflationsängste entstehen lassen, geschürt durch einige Politiker und Medien.
  • Die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und die Fundamental-Krise des Kapitalismus sind nicht addressiert.

Conclusio:

Die Zinsobergrenze für Staatsanleihen ist eine wirkungsvolle Maßnahme, das Auseinanderbrechen der Eurozone vorerst aufzuhalten und Spielräume zu eröffnen. Der sich immer weiter drehenden Zinsspirale wird Einhalt geboten, eine Atempause entsteht. Das Inflationsrisiko halte ich für gering – eine milde Inflation von 4 bis 5 Prozent wäre sogar vorteilhaft. Da die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und die Krise des globalen Kapitalismus nicht addressiert werden, sind weitere Maßnahmen erforderlich.
Die Vorteile und Chancen überwiegen aus meiner Sicht deutlich die Nachteile, und ich stehe daher dieser Option positiv gegenüber.

Schuldenbremse und solide Finanzpolitik

Es kommt es zur gesetzlichen Verankerung (bevorzugt im Verfassungsrang) einer Schuldenbremse in den Staaten der Eurozone, mit der eine mittelfristige Rückführung der Staatsschuld auf die Maastricht-Kriterien (60 Prozent vom GDP) angestrebt wird. Unter mittelfristig wollen wir für den Zweck dieses Artikels das Jahr 2020 verstehen, wobei die spezifische Situation eines Staates noch berücksichtigt werden kann. Für diese Option haben sich besonders deutsche Politiker – vor allem die Kanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble – eingesetzt.

Angela Merkel

Angela Merkel

Wolfgang Schäuble

Wolfgang Schäuble

Vorteile und Chancen:

  • Die Eurozone-Staaten signalisieren mit der Schuldenbremse den Märkten, dass sie die Staatsverschuldung auf ein Maß zurückführen wollen, das keinen Zweifel daran lässt, dass sie ihre Schulden zurückzahlen können.
  • Die Schuldenbremse kann individuell implementiert werden. So ist es zum Beispiel möglich, die höheren Staatseinnahmen vorwiegend durch Besteuerung der Top-Vermögenden und Top-Verdiener zu lukrieren.
  • Die Vereinheitlichung der Finanzpolitik erhöht die Hilfsbereitschaft innerhalb der Eurozone.
  • Die Einführung einer soliden Finanzpolitik erlaubt es Staaten, die ihre angespannte Lage trotzdem nicht aus eigener Kraft lösen können, die Unterstützung der anderen Eurozone-Staaten einzufordern.
  • Eine Haftungsgemeinschaft für Eurozone-Staatsanleihen entsteht nicht.
  • Die Unabhängigkeit der EZB bleibt unangetastet. Ein Inflationsrisiko besteht nicht.

Nachteile und Risiken:

  • Eine koordinierte Rückführung der Staatsverschuldung (‚Austerity‘) in den Eurozone-Staaten auf das Maastricht-Kriterium inmitten der schwersten Krise des Kapitalismus seit den 1930-er Jahren treibt die Eurozone in die Rezession, und einzelne Staaten (Griechenland, Portugal, Spanien, Irland, evtl. Italien) in die Depression.
  • Es ist nicht zu sehen, wie die Staatsschulden im Falle von rezessionsbedingt sinkenden Staatseinnahmen und eventuell erforderlichen weiteren Rettungen von systemisch wichtigen Banken überhaupt durchgeführt werden kann.
  • Für einige Staaten der Eurozone ist eine selbständige Rückführung der Staatsschuld auf 60 Prozent des BIP ohne beträchtliche Verarmung und soziale Unruhen nicht machbar. Dies gilt meines Erachtens insbesondere besonders für Griechenland, Portugal, Spanien und Irland, nicht jedoch für Italien und Belgien.
  • Das Risiko der gefährlichen Schulden-Deflations-Spirale erhöht sich. Eine moderate Inflation von 4 bis 5 Prozent ist unter diesen Bedingungen wohl unmöglich.
  • Es besteht keine Garantie, dass die solide Finanzpolitik zu akzeptablen Zinsen auf dem Staatsanleihen-Markt führt. Es besteht daher ein erhebliches Risiko, dass das wesentlichste Ziel der Option nicht erreicht wird.
  • Die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und die Fundamental-Krise des Kapitalismus sind nicht addressiert.

Conclusio:

Ein Fortschritt zu einer harmonisierten Finanzpolitik ist zwar zu begrüßen, der aktuelle Vorschlag beendet jedoch die Krise der Eurozone nicht. Er riskiert sogar die Krise zu vertiefen, da Austerity im allgemeinen nicht zu einer Verbesserung des Verhältnisses von Staatsschuld zu GDP führt.
Ich lehne diese Option daher ab, solange es keinen Plan gibt, wie die inneren Ungleichgewichte der Eurozone und das Fundamental-Problem des Kapitalismus, sowie die unakzeptablen Zinsen auf dem Staatsanleihen-Markt zu addressieren sind.

Paul Krugman’s Keynesianisches Rezept

Der US-Nobelpreisträger nimmt in seinem Blog häufig und fundiert zur Krise der Eurozone Stellung. Er trat in der US-Finanz- und Wirtschaftskrise für eine Politik der Vollbeschäftigung nach Keynesianischem Muster ein. In Anbetracht der von den US-Republikanern erzwungenen Schuldenbremse, die weitere Staatsausgaben zur Wirtschaftsbelebung stark behindert, setzt Krugman sich für eine aktive Politik der US-Notenbank mit Erhöhung der Geldmenge und moderater höherer Inflation von 4 bis 5 Prozent ein. Weiters tritt er seit einer brandneuen Studie von Saez und Diamond für drastisch höhere Einkommenssteuern für die oberen 0,1 Prozent der Einkommensbezieher ein, um dem Staat Einnahmen zu verschaffen und die Ungleichheit zu reduzieren.

In seinen Anmerkungen zur Eurozone weist er darauf hin, dass die Schuldenproblematik besser in einer zumindest nominal wachsenden Wirtschaft bearbeitet werden kann. Den Ungleichgewichten zwischen Eurozone-Staaten mit Leistungsbilanz-Überschuss (u.a. Deutschland, Holland) und jenen mit Leistungsbilanz-Defizit (Griechenland, Portugal, Spanien) sollte mit asymmetrischer Inflation – höherer Inflation und Löhnen in den Eurozone-Kernstaaten, Null-Inflation mit stagnierenden Löhnen in den Peripherie-Staaten – begegnet werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Peripheriestaaten zu verbessern. Er tritt dafür ein, dass die EZB wie die Federal Reserve, die Bank of Japan und die Bank of England die Rolle eines ‚lender of last resort‘ spielt, um unzumutbar hohe Zinsen zu bekämpfen.

Paul Krugman

Paul Krugman

Vorteile und Chancen:

  • Die Zinsen für Staatsanleihen sinken auf ein erträgliches Niveau.
  • Das Ungleichgewicht zwischen verschiedenen Staaten der Eurozone wird durch asymmetrische Inflation in Kern- und Peripheriestaaten bekämpft, was die Konkurrenzfähigkeit der Peripherie-Staaten langsam verbessert.
  • Die Fundamental-Krise des Kapitalismus wird durch die Forderung nach hohen Steuern für Top-Einkommensbezieher addressiert.
  • Nominelles Wachstum erhöht die Staatseinnahmen und erleichert Kreditnehmern die Rückzahlung der Schulden.

Nachteile und Risiken:

  • Die Vorschläge Krugman’s tragen direkt wenig zur Stabilisierung der Staatsverschuldung bei. Eine Schuldenbremse wird nicht befürwortet.
  • Die Erhöhung der Geldmenge und eine mögliche weitere Erhöhung der Staatsverschuldung könnte mittelfristig zu Inflation führen.
  • Die Ungleichgewichte zwischen Staaten der Eurozone und die Fundamental-Krise des Kapitalismus werden möglicherweise nicht ausreichend bekämpft.
  • Die Befürwortung höherer Staatsausgaben, einer aktiveren Rolle der EZB, sowie einer milden Inflation von 4 bis 5 Prozent widersprechen dem gegenwärtigen Bewusstseinsstand führender Politiker der Eurozone, sowie den institutionellen Zielen der EZB.
  • Krugman macht keine Angaben, wie lange sein Programm beibehalten werden muss, bevor zu einer soliden Finanzpolitik (Schuldenbremse) übergegangen werden kann.

Conclusio:

Krugman’s Vorschlag würde die Eurozone deutlich stabilisieren. Es würde Zeit gewonnen, und die weitere Entwicklung könnte in Ruhe studiert werden, um ergänzende Maßnahmen zu ergreifen. Die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone werden behandelt, aus meiner Sicht jedoch nicht völlig ausreichend. Es wird nicht auf den Reichtum des Rest-of-the-World Sektors in Griechenland, Portugal und Spanien eingegangen, der drastischere Ansätze nahelegt. Weiters ist die Erhöhnung der Einkommenssteuer für die Top 0,1 Prozent keine ausreichende Kompensation für die Dominanz des Kapitals über den Faktor Arbeit. Auch hier ist mehr erforderlich.

Aufgrund der vielen positiven Elemente der Überlegungen Krugman’s unterstütze ich diese Option. Insbesondere halte ich auch die asymmetrische Inflation für Kern- und Peripheriestaaten und das Anstreben einer milden Inflation für sinnvoll. Die Gefahr einer Hyperinflation ist keinesfalls gegeben, zumal der Staat jederzeit durch Steuererhöhungen gegensteuern kann, wie auch die EZB durch Zinserhöhungen.

Verteilung eines gleich hohen Geldbetrages an alle Bürger der Eurozone

Es wird zunächst einmalig ein gleich hoher Betrag (z.B. 20.000 Euro) an alle Bürger der Eurozone verteilt. Dies kann durch Überweisung auf ein Konto, oder durch die Zusendung von Vouchers erfolgen. Unter Ökonomen wird diese Option gerne als ‚Helicopter Drop of Money‘ bezeichnet.

In der Variante von Robert Skidelsky, einem bekannten britischen Keynesianer, werden Vouchers mit Ablaufdatum verschickt, was nur zu einer vorübergehenden Erhöhung der Geldmenge führt.

In der Variante des scharfsinnigen und originellen Ökonomen Steve Randy Waldman werden durch die EZB Staatsaktien für Eurozone-Staaten im Ausmaß von 20.000 Euro pro Bürger angekauft. Der Staat, der diese Option in Anspruch nimmt, ist verpflichtet mit dem für die Staatsaktien eingenommenen Geld zunächst Staatsschulden zu tilgen. Bleibt danach noch ein Betrag übrig, ist dieser in gleich hohen Teilen an die Bürger zu verteilen, die ebenfalls zunächst ihre Schulden zu tilgen haben, bevor sie einen etwaigen verbleibenden Rest beliebig verwenden dürfen.

Die Option, Geld vom Hubschrauber abzuwerfen – eine scherzhafte Beschreibung eines ernstzunehmenden Vorschlags, wurde einstmals sogar vom Chairman der Federal Reserve Ben Bernanke als ultimatives Mittel diskutiert, was ihm den Spitznamen ‚Helicopter Ben‘ einbrachte. Der Vorschlag wird weiters von Steve Keen, einem wichtigen australischen Ökonomen mit ausgezeichneten Beiträgen zur Schulden-Dynamik, befürwortet.

Robert Skidelsky

Robert Skidelsky

Vorteile und Chancen:

  • Geld, Kreditgeld, oder Vouchers werden in dieser Schuldenkrise nach dem Prinzip der Gleichheit an die Bürger verteilt, um die Schuldenproblematik abzumildern. Es besteht eine gute Chance, dass dies von den Bürgern der Eurozone als gerechte Vorgangsweise angesehen wird.
  • Der absolute Vermögensabstand zwischen den Bürgern bleibt gleich, der relative Abstand verringert sich aber. Damit wird das Fundamental-Problem des Kapitalismus addressiert, das darin besteht, dass die ‚Chips‘ nach und nach zu wenigen Spielern wandern und einige Spieler mit so hohen Schulden übrigbleiben, dass sie eigentlich ausscheiden müssten. Das Spiel kann von neuem beginnen, bis die ‚Chips‘ wieder bei den Gewinnern sind.
  • Ein Teil des verteilten Geld kann für die Tilgung von Schulden verwendet werden, nach Einmal-Steuern auch für die Tilgung von Staatsschulden. (Im Vorschlag Waldman’s ist dies ohnehin verpflichtend.)
  • Ein anderer Teil des verteilten Geldes erhöht den Konsum, erzeugt Wachstum und erhöhte Steuereinnahmen.

Nachteile und Risiken:

  • Fach-Ökonomen und Konservative weisen gerne darauf hin, dass die Gratis-Verteilung von Geld einen falschen Anreiz darstellt. Menschen könnten versucht sein sich darauf zu verlassen, dass Geld bei Bedarf ‚vom Himmel‘ geflogen bekommt und darauf verzichten, sich Geld durch Arbeit zu verdienen.
  • Wird eine derartige Menge an Geld (bei etwa 330 Millionen Bürgern in Eurozone-Staaten immerhin 6,6 Billionen Euro) verteilt, so ist mit Inflation zu rechnen.
  • Die Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone werden nicht ausreichend addressiert.
  • Als fiskalische Maßnahme müsste das Geld wohl von den Regierungen verteilt werden, wobei die EZB die Finanzierung übernimmt. Dies ist jedoch nicht die Aufgabe der EZB und würde aufgrund der vorübergehend entstehenden Inflation deren Mandat widersprechen. Weiters ist offen, wie die Verbuchung in der Bilanz der EZB erfolgen kann, um Buch-Verluste zu vermeiden. Mit Widerstand der Zentralbanker ist daher zu rechnen.
  • Die hohen Zinsen am Staatsanleihen-Markt für Eurozone-Staaten sind nicht addressiert.

Conclusio:

Diese faszinierende Option würde eindeutig eine zumindest vorübergehende Entspannung der aktuellen Krise der Eurozone mit sich bringen. Sie hat einige äusserst positive Elemente, da sie das Fundamental-Problem des Kapitalismus, die zunehmenden Einkommens- und Vermögensungleichheiten, auf elegante Art addressiert. Der Schwerpunkt wird mehr darauf gelegt, die Schwächeren mit Kaufkraft auszustatten, als die Stärkeren ausreichend zu besteuern. Ein Soft-Rebalancing wird angestrebt, zumal sich die Wohlhabenden und Top-Verdiener einer wirksamen Besteuerung ihrer Vermögen und Einkommen immer wieder entziehen können.
Aufgrund des positiven Beitrags dieser Option zur Abschwächung des Fundamental-Problems bin ich für diese Option, halte aber deren ausschließliche Anwendung auf Peripherie-Staaten für bedenkenswert. Rationale: wohlhabende Kern-Staaten müssen die Option nicht in Anspruch nehmen, lukrieren aber trotzdem Vorteile, da sie für Peripherie-Staaten weniger haften müssen.
Da der ‚Helicopter Drop of Money‘ das Problem der hohen Zinsen für Eurozone-Staatsanleihen nur unzureichend addressiert, sind ergänzende Maßnahmen erforderlich, um die Märkte in die Schranken zu weisen.

Austritt aus der Eurozone

Staaten, die ihre in Euro denominierte Staatsschuld nicht mehr zahlen können oder die für die Refinanzierung erforderlichen Zinsen nicht bezahlen wollen, treten aus der Eurozone aus. Die Staatsschuld wird dann voraussichtlich in die neue Landeswährung umgewandelt. Die Nationalbank übernimmt wieder die volle Verantwortung für die Geldpolitik. Der Markt reagiert voraussichtlich mit einer starken Abwertung der neuen Währung, wobei ein ‚over-shooting‘ (zu heftige Abwertung) möglich ist.

Die Option des Austritts aus der Eurozone wird unter anderem von Max Keiser vertreten. Aus heutiger Sicht gibt es dafür die folgenden Kandidaten: Griechenland, Irland, Italien, Portugal, Spanien.

Max Keiser

Max Keiser

Vorteile und Chancen:

  • Die Geldversorgung ist sichergestellt, neue Staatsschulden können durch die Notenbank zu einem akzeptablen Zinssatz finanziert werden.
  • Nach Zwangskonvertierung der Staatsschuld in neue Drachmen, Escudos, Irisches Pfund, Lira, Peseten ist deren Bedienung möglich.
  • Die Schulden-Deflations-Spirale kann gestoppt werden. Es wird möglich, für nominales Wirtschaftswachstum zu sorgen.
  • Aufgrund der abgewerteten Währung wird die Wirtschaft des Landes konkurrenzfähiger. Die Leistungsbilanz-Ungleichgewichte mit den verbleibenden Eurozone-Staaten werden addressiert.

Nachteile und Risiken:

  • Das Projekt Eurozone muss als zumindest teilweise gescheitert betrachtet werden. Der Austritt von Eurozone-Staaten stellt die weitere europäische Integration in Frage.
  • Durch die Abwertung der neuen Währung entsteht hoher Wertberichtigungsbedarf für jene, die Staatsanleihen des austretenden Staates halten. Dies kann kaskadierende Zusammenbrüche von Banken in den Eurozone-Reststaaten verursachen.
  • Der austretende Staat ist nicht mehr in die Eurozone, oder sogar nicht mehr in die Europäische Union integriert. Dies kann zu geringeren Entwicklungsmöglichkeiten führen.
  • Das Fundamental-Problem des Kapitalismus wird nicht addressiert.

Conclusio:

Sollte die Eurozone daran scheitern, auch für die Peripherie-Staaten einen akzeptablen Ausweg aus der Krise zu finden, bleibt diesen nur mehr der Austritt. Dieser ist dann trotz seiner Nachteile zu befürworten. Derzeit hoffe ich noch auf eine Überwindung der Krise ohne ein Scheitern des Projekts Euro (oder sogar Europäische Union), wobei die Chancen dafür geringer geworden sind.

Abschließende Bemerkungen

Timing:

Die hohen Zinsen für Italien und Spanien könnten eine Entscheidung darüber, ob die EZB die Rolle als ‚lender of last resort‘ spielt oder die Eurozone auseinanderbricht bereits innerhalb der nächsten Monate erzwingen. Die Einschätzung von einigen Analysten ist, dass Italien die Anfang 2012 fällig werdenden 300 Milliarden Euro am Markt keinesfalls zu akzeptablen Zinsen wird refinanzieren können. Bei Freigabe dieses Postings fanden sich in den Medien auch Gerüchte über einen IWF-Kredit in Höhe von 600 Milliarden Euro an Italien, sowie über gemeinsame ‚Elite-Bonds‘ der Triple-A-Eurozone-Staaten (Deutschland, Finnland, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Österreich). Es bleibt also spannend, und weitere Optionen tauchen plötzlich auf.

Ich hoffe, mit dieser erweiterten Behandlung von Optionen zur Überwindung der Krise der Eurozone ausreichend ‚Food for Thought‘ geliefert zu haben. Kommentare, welche die Qualität des Postings verbessern, werde ich voraussichtlich in den Artikel einarbeiten, soferne der/die KommentatorIn dies nicht für unerwünscht erklärt.

Wer sich bis hierher durchgekämpft hat, verdient den folgenden musikalischen Leckerbissen:

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Eingeordnet unter Eurobonds, Finanzvermögen, Helicopter Drop of Money, Income Inequality, Inequality, Krise des Kapitalismus, Markt für Staatsanleihen, Public Debt, Schuldenbremse, Wealth Inequality, Wirtschaftswachstum, Zinsobergrenze

Wirtschaftswachstum und Arbeitseinkommen

Die britische Resolution Foundation, ein Thinktank, der sich für Menschen mit niederem und mäßigem Einkommen einsetzt, veröffentlichte im Oktober dieses Jahres  eine bemerkenswerte Studie, die für zehn westliche Industriestaaten zeigt, in welchem Ausmaß das Wirtschaftswachstum an mittlere Einkommensbezieher weitergegeben wurde.

Dabei stellt sich heraus, dass dies für den Zeitraum von 2000 bis 2007 in keinem der betrachteten Staaten voll erfolgte – die Werte schwankten von 79% in Finnland bis zu 0% in Kanada. Mit enttäuschenden 12% bzw. 8% liegen dabei Frankreich und Deutschland noch hinter den USA, die es ebenfalls nur auf niedrige 26% bringt.

Zusammenhang zwischen GDP Growth and Median Wage Growth in 10 Industriestaaten

Wenn wir annehmen, dass sich Steuerquote und staatliche Umverteilung für mittlere Einkommensbezieher nicht verbessert haben, dann heißt das, dass sie sich nur dann einen gleichbleibenden Anteil an den – auch von ihnen – produzierten Waren und Dienstleistungen leisten können, wenn sie die auf das Wirtschaftswachstum fehlenden 21% (in Finnland) bis hin zu 100% (in Kanada) als Kredit aufnehmen.

Nur die Bezieher höherer Einkommen haben ein Einkommens-Wachstum, welches das Wirtschaftswachstum teilweise drastisch übersteigt. Für die USA ist bekannt, dass ein grosser Teil des Wirtschaftswachstums sich in Einkommenssteigerungen für die top 1% niederschlug.  Diese Gruppe kann sich nicht nur einen steigenden Anteil am wirtschaftlichen Kuchen ohne Kreditaufnahme leisten, sie kann mit dem überschüssigen Geld auch noch investieren und spekulieren, oder auch über vermittelnde Banken Kredite an den Mittelstand vergeben.

Wie hängt nun diese für den Mittelstand verschlechterte Einkommensverteilung mit der aktuellen Krise des Kapitalismus zusammen?

Wie wir inzwischen gut verstanden haben, äussert sich die gegenwärtige Krise zunächst als Schuldenkrise.

  • Anfangs stellte sich heraus, dass zahlreiche US-Haushalte ihre Hypothekarkredit-Schulden nicht bezahlen konnten.
  • Dies bewirkte, dass  US- und europäische Finanzunternehmen, die solche faulen Kredite oder deren Derivate (‚Mortgage Backed Securities‘, ‚Collateralized Debt Obligations‘, etc.) in ihren Büchern hielten, ihre eigenen Schulden nicht mehr bedienen konnten.
  • Handelte es sich um systemisch wichtige Finanzunternehmen, sprangen der Staat oder die Zentralbank rettend ein (Ausnahme: Lehmann Brothers). Diese Rettungsmaßnahmen erhöhten oft eine ohnedies schon beträchtliche Staatsschuld, wodurch es nunmehr für einige Staaten ungewiss ist, ob sie mittelfristig überhaupt noch zahlungsfähig sind.

Ein Zusammenhang ist somit klar: Arbeitnehmer wollen einen gleichbleibenden Anteil am wirtschaftlichen Kuchen kaufen. Unternehmen wollen Arbeitnehmern einen gleichbleibenden Anteil an diesem Kuchen verkaufen, und Finanzunternehmen (Banken, Mortgage Broker, Leasing-Firmen, Kreditkarten-Unternehmen) wollen diesen Kuchenanteil finanzieren, solange der Arbeitnehmer zahlungsfähig ist. Oder solange sie die Kredite günstig weiterverkaufen können. So wurde also der Kredit-Bubble für Kredite an Privatpersonen aufgeblasen, bis er in den USA zu platzen begann.

Paul Krugman weist gelegentlich darauf hin, dass eine stabile Ökonomie auch denkbar ist, die fast nur Luxusgüter für die hohen Einkommensbezieher produziert. Dies brachte ihn dazu, die zunehmend ungleiche Einkommensverteilung in den Vereinigten Staaten nicht als zentrale Ursache der gegenwärtigen Krise zu sehen.

„… is economic inequality the source of our macroeconomic malaise? Many people think so — and I’ve written a lot about the evils of soaring inequality. But I have not gone that route. I’m not ruling out a connection between inequality and the mess we’re in, but for now I don’t see a clear mechanism, and I often annoy liberal audiences by saying that it’s probably possible to have a full-employment economy largely producing luxury goods for the richest 1 percent.“

Dies ist jedoch erstaunlich unempirisch gedacht. Offenbar reichten Angebot und Nachfrage von Luxusgütern bei weitem nicht aus, die Einkommen der Profiteure des globalisierten Kapitalismus dem realen wirtschaftlichen Kreislauf wieder zuzuführen. Ein beträchtlicher Teil dieser Einkommen landete im wachsenden Finanzkapitalismus und suchte dort nach bestmöglicher Rendite.

Da Kapitalismus nur krisenfrei funktionieren kann, wenn Massengüter und Dienstleistungen auch ohne immer weiter steigende Verschuldung der Konsumenten gekauft werden können, schlage ich den 99% vor dafür einzutreten, dass Wirtschaftswachstum an alle Einkommensgruppen weitergegeben wird.
Zur Überwindung der gegenwärtigen Krise sollten die 1% angemessen beitragen – unter anderem durch drastisch höhere Besteuerung ihrer Einkommen.

Im übrigen: die 99%, das sind wir!

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