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Wirtschaftswachstum und Arbeitseinkommen

Die britische Resolution Foundation, ein Thinktank, der sich für Menschen mit niederem und mäßigem Einkommen einsetzt, veröffentlichte im Oktober dieses Jahres  eine bemerkenswerte Studie, die für zehn westliche Industriestaaten zeigt, in welchem Ausmaß das Wirtschaftswachstum an mittlere Einkommensbezieher weitergegeben wurde.

Dabei stellt sich heraus, dass dies für den Zeitraum von 2000 bis 2007 in keinem der betrachteten Staaten voll erfolgte – die Werte schwankten von 79% in Finnland bis zu 0% in Kanada. Mit enttäuschenden 12% bzw. 8% liegen dabei Frankreich und Deutschland noch hinter den USA, die es ebenfalls nur auf niedrige 26% bringt.

Zusammenhang zwischen GDP Growth and Median Wage Growth in 10 Industriestaaten

Wenn wir annehmen, dass sich Steuerquote und staatliche Umverteilung für mittlere Einkommensbezieher nicht verbessert haben, dann heißt das, dass sie sich nur dann einen gleichbleibenden Anteil an den – auch von ihnen – produzierten Waren und Dienstleistungen leisten können, wenn sie die auf das Wirtschaftswachstum fehlenden 21% (in Finnland) bis hin zu 100% (in Kanada) als Kredit aufnehmen.

Nur die Bezieher höherer Einkommen haben ein Einkommens-Wachstum, welches das Wirtschaftswachstum teilweise drastisch übersteigt. Für die USA ist bekannt, dass ein grosser Teil des Wirtschaftswachstums sich in Einkommenssteigerungen für die top 1% niederschlug.  Diese Gruppe kann sich nicht nur einen steigenden Anteil am wirtschaftlichen Kuchen ohne Kreditaufnahme leisten, sie kann mit dem überschüssigen Geld auch noch investieren und spekulieren, oder auch über vermittelnde Banken Kredite an den Mittelstand vergeben.

Wie hängt nun diese für den Mittelstand verschlechterte Einkommensverteilung mit der aktuellen Krise des Kapitalismus zusammen?

Wie wir inzwischen gut verstanden haben, äussert sich die gegenwärtige Krise zunächst als Schuldenkrise.

  • Anfangs stellte sich heraus, dass zahlreiche US-Haushalte ihre Hypothekarkredit-Schulden nicht bezahlen konnten.
  • Dies bewirkte, dass  US- und europäische Finanzunternehmen, die solche faulen Kredite oder deren Derivate (‚Mortgage Backed Securities‘, ‚Collateralized Debt Obligations‘, etc.) in ihren Büchern hielten, ihre eigenen Schulden nicht mehr bedienen konnten.
  • Handelte es sich um systemisch wichtige Finanzunternehmen, sprangen der Staat oder die Zentralbank rettend ein (Ausnahme: Lehmann Brothers). Diese Rettungsmaßnahmen erhöhten oft eine ohnedies schon beträchtliche Staatsschuld, wodurch es nunmehr für einige Staaten ungewiss ist, ob sie mittelfristig überhaupt noch zahlungsfähig sind.

Ein Zusammenhang ist somit klar: Arbeitnehmer wollen einen gleichbleibenden Anteil am wirtschaftlichen Kuchen kaufen. Unternehmen wollen Arbeitnehmern einen gleichbleibenden Anteil an diesem Kuchen verkaufen, und Finanzunternehmen (Banken, Mortgage Broker, Leasing-Firmen, Kreditkarten-Unternehmen) wollen diesen Kuchenanteil finanzieren, solange der Arbeitnehmer zahlungsfähig ist. Oder solange sie die Kredite günstig weiterverkaufen können. So wurde also der Kredit-Bubble für Kredite an Privatpersonen aufgeblasen, bis er in den USA zu platzen begann.

Paul Krugman weist gelegentlich darauf hin, dass eine stabile Ökonomie auch denkbar ist, die fast nur Luxusgüter für die hohen Einkommensbezieher produziert. Dies brachte ihn dazu, die zunehmend ungleiche Einkommensverteilung in den Vereinigten Staaten nicht als zentrale Ursache der gegenwärtigen Krise zu sehen.

„… is economic inequality the source of our macroeconomic malaise? Many people think so — and I’ve written a lot about the evils of soaring inequality. But I have not gone that route. I’m not ruling out a connection between inequality and the mess we’re in, but for now I don’t see a clear mechanism, and I often annoy liberal audiences by saying that it’s probably possible to have a full-employment economy largely producing luxury goods for the richest 1 percent.“

Dies ist jedoch erstaunlich unempirisch gedacht. Offenbar reichten Angebot und Nachfrage von Luxusgütern bei weitem nicht aus, die Einkommen der Profiteure des globalisierten Kapitalismus dem realen wirtschaftlichen Kreislauf wieder zuzuführen. Ein beträchtlicher Teil dieser Einkommen landete im wachsenden Finanzkapitalismus und suchte dort nach bestmöglicher Rendite.

Da Kapitalismus nur krisenfrei funktionieren kann, wenn Massengüter und Dienstleistungen auch ohne immer weiter steigende Verschuldung der Konsumenten gekauft werden können, schlage ich den 99% vor dafür einzutreten, dass Wirtschaftswachstum an alle Einkommensgruppen weitergegeben wird.
Zur Überwindung der gegenwärtigen Krise sollten die 1% angemessen beitragen – unter anderem durch drastisch höhere Besteuerung ihrer Einkommen.

Im übrigen: die 99%, das sind wir!

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